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Die Planungsutopie, die Linie und die Investoren

Viererfeld-Planung: Für die Stadt Bern ist nach Testplanung und Runden Tischen alles klar zum Volksabstimmen. Die Fachleute beginnen gerade erst, die Ausgangslage zu hinterfragen. – Ein Abend am «Städtebaustammtisch».

So, wie hier rot schattiert, könnte die Viererfeldüberbauung künftig aussehen. (Foto: zvg)

Mit «Rückblick Brünnen, Ausblick Viererfeld» hat das Architekturforum Bern am 19. August einen «Städtebaustammtisch» geboten, an den sich gegen 300 Interessierte setzten.

Die Moderatorin des Abends, Rahel Marti, stellvertretende Chefredaktorin der Fachzeitschrift «Hochparterre», hat das Problem letzthin in einem Beitrag auf den Punkt gebracht: In Bern sei es dringend nötig, für die geplante Viererfeld-Überbauung von der Planung des Brünnen-Quartiers zu lernen. Denn: «Statt eines Stücks Stadt entstand [dort] ein Feld von Siedlungen.» Schon im Juni hat eine Gruppe des Architekturforums ein Arbeitspapier unter dem Titel «Viererfeld – Lessons learned? 3 Forderungen an den Prozess» verfasst, das die bisherige Viererfeld-Planung als Weg des geringsten Widerstands kritisierte. Wiederholt man nun die Fehler der Brünnenplanung?

Das Update zum Stand der Dinge

Den Stammtisch eröffnet hat Stadtplaner Marc Werren mit einem Update zum Stand der Dinge: Als erstes wies er darauf hin, dass die Stadt das Viererfeld dem Kanton abkaufen muss, um überhaupt bauen zu können. «Eine zentrale Festsetzung» für diesen Kauf sei gewesen, das Areal zu halbieren: die nordwestliche Hälfte bleibe im Besitz des Kantons und werde für Grünflächen genutzt, die südöstliche Hälfte werde gekauft als siebenstöckig überbaubares Wohnbaufeld. Als Zonenplan ergeben sich somit zwei parallele Rechtecke, getrennt durch einen geraden, willkürlichen Strich.

«Es gibt heute noch kein Gestaltungs- und Nutzungskonzept.»

Marc Werren, Stadtplaner

Laut Werren war es so: «Der Kanton wollte unbedingt das ganze Gebiet als Bauland verkaufen. Die Stadt hat gesagt: Das geht politisch nicht. Wir wollen bloss die Hälfte, den Rest wollen wir freihalten – zur möglichen Überbauung durch eine nächste oder übernächste Generation. In den Verkaufsverhandlungen hat das zum Zwang geführt, eine Festlegung zu treffen, wo letztendlich der Strich gezogen wird.» – Nachfrage der Moderatorin: «Hätte die Stadt auch das ganze Viererfeld kaufen können?» – Werren: «Das war eine Überlegung und auch das Ziel. Aber das Ganze zu kaufen, hätte bedingt, nicht fünfzig, sondern hundert Millionen Franken in die Hand zu nehmen.» Das sei für Land, das allenfalls in dreissig, vierzig Jahren als Bauland gelten könne, zu teuer gewesen. Immerhin habe der Kanton zugestanden, der Stadt die andere Hälfte der Fläche für vierzig Jahre kostenlos als Freiraum zur Verfügung zu stellen.

Um den Kauf zu sichern, hätten zudem sehr schnell Planungsvorlagen vorgelegt werden müssen. Das habe zur Folge gehabt, dass in den bisherigen Testplanungen und an den Runden Tischen erst grobe Leitlinien erarbeitet worden seien und «die städtebauliche Konzeption» im Rahmen eines Wettbewerbs erst noch zu leisten sei: «Es gibt heute noch kein Gestaltungs- und Nutzungskonzept.»

Der falsche Strich in der Landschaft

Das Podiumsgespräch pendelte dann zwischen der Kritik an der Brünnen-Überbauung und den Erwartungen an die Viererfeld-Planung hin und her. Zentrale Begriffe in der Diskussion waren «Dichte» und «Urbanität», wobei Daniel Blumer vom Architekturforum bereits in seiner Begrüssung das Motto lieferte: «Urbane Qualitäten ergeben sich nicht primär aus einer städtebaulich verstandenen, sondern aus einer sozialen Dichte.» Bloss: Wie ist sie zu erreichen?

«Es ist städtebaulich fatal, heute nur über die Hälfte des Viererfeld-Areals nachzudenken.»

Oliver Schmid, Architekt

Die erste Antwort, die sich herausdestillierte, lautet: Urbane Qualitäten sind nur durch eine Planung in einem vernünftigen Perimeter zu erreichen. Das ganze Areal hat das Potenzial für ein Leuchtturmprojekt. Die Planung von vornherein einem finanzpolitischen Entscheid unterzuordnen, ist falsch. Aus städtebaulicher Sicht, sagte die Architektin Regina Gonthier, sei das Areal eine Einheit: «Die Zweiteilung ist unbegründet.» In gleichem Sinn alt Stadtplaner Marc Wiesmann: «Fachlich gesehen gibt es keinen Grund, fünfzig Prozent Grünfläche einzuplanen.» Und der Architekt Oliver Schmid: «Es ist städtebaulich fatal, heute nur über die Hälfte des Areals nachzudenken.»

Die entscheidende Frage zu dieser Diskussion stellte der Stadtwanderer Benedikt Loderer aus dem Publikum: «Warum kauft die Stadt nicht das ganze Grundstück und macht danach eine anständige Planung? Dann hätten wir doch das ganze Geleier um diese blöde Linie nicht.»

Eigentlich bestimmen Investoren, was gebaut wird 

Die zweite Antwort kreiste – ohne dass sie explizit verwendet worden wären – um die Begriffe «Raum» und «Macht». Philippe Cabane, Berater für urbane Strategien, lancierte das Thema mit der Feststellung: «Das beste städtebauliche Projekt ist nur so gut wie die Investoren, die dahinter stehen.» Er kritisierte die bisherige Viererfeld-Planung als «Überbetonung der Form» in einem total überbewerteten «architektonischen Diskurs»: «Städtebau ist mehr als Architektur.» Wenn jetzt Brünnen nur einen Drittel der geplanten Einwohnerschaft und statt gewerblicher Nutzung in den Erdgeschossen ausschliesslich Wohnungen aufweise, weil die halt am meisten Geld brächten, dann stelle sich doch die Frage: «Wie hat man die Investoren ausgewählt?»

«Will die Stadt Bern Gewinn maximieren oder eine durchmischte Stadt?»

Marc Wiesmann, alt Stadtplaner

Diese Frage sei auch entscheidend für die Viererfeld-Planung. Es brauche Vorgaben, die anderes möglich machten als «das durchschnittliche 50-Millionen-Investment für die Pensionskassen und die grossen Player». Es gehe darum, durch Vorgaben grosse und kleine Player zu mischen. Denn jeder von ihnen habe seine eigene Zielgruppe. So gesehen ist es falsch, die Bauträger aufgrund von preisgekrönten architektonischen Wettbewerbeseingaben auszuwählen. Im Sinn von «Form follows function» ist das Umgekehrte richtig: Die architektonische Planung soll die Ideen der vorgängig ausgewählten Bauträger überzeugend umsetzen. So entstehe, laut Cabane, eine durchmischte Überbauung.

Als Kommentar dazu fügte Wiesmann bei: «Bisher wollte man auch in der Stadt Bern Gewinn maximieren. Man müsste sich einmal überlegen: Was bringt mehr – ein paar Millionen jetzt oder später eine durchmischte Stadt?»

Das Denkbare und das politisch Mögliche

Nach diesem anregenden Abend hat man den Eindruck: Einerseits möchte die Stadt Bern die Diskussion vorderhand als abgeschlossen betrachten und nun ungestört den stadtplanerisch unbefriedigenden Kauf des halben Viererfelds an der Urne absegnen lassen, andererseits aber habe die Diskussion unter den klugen und kreativen Köpfen der Fachwelt erst gerade begonnen.

Allerdings hat die Stadtregierung eben andere Probleme: Für sie ist es nicht zuletzt eine Prestigesache, dass die Viererfeldplanung nach 2004 an der Urne nicht zum zweiten Mal scheitert. Darum muss sie die unheimliche Allianz zwischen dem besitzstandwahrenden, dunkelgrünen Nein des Länggassquartiers, den maximalistischen Utopisten und Leuchtturmschwärmern und dem bürgerlichen Misstrauen gegen zuviel Stadtplanungssozialismus möglichst verhindern.

Was nach einem Ja zum Kauf des Areals an Stadtplanung noch möglich sein wird, ist in dieser Logik zweitrangig. Und falls jemand das anders sieht, müsste er jetzt nicht nur fachlich, sondern auch politisch aktiv werden.