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Warum Katrin Rieder gegangen wurde

Katrin Rieder und die Zuständigen des Freilichtmuseums schweigen. Alle anderen spekulieren. Auch Journal B. – Fünf Thesen zu Rieders Rausschmiss als Direktorin des Freilichtmuseums Ballenberg.

26 Historiker und Historikerinnen haben am 11. August einen Offenen Brief an den Stiftungsrat des Schweizerischen Freilichtmuseums Ballenberg geschickt. Überschrieben ist die Solidaritätsnote für die geschasste Kollegin Katrin Rieder mit «Ersuchen um öffentliche Stellungnahme und zum künftigen Kurs». Kritisch angesprochen wurden die unprofessionellen Führungsstrukturen der Stiftung, der Vertrauensverlust der Institution in der Öffentlichkeit durch die aktuellen Vorgänge und die Frage, wie in Zukunft eine wissenschaftlich fundierte Geschichtsvermittlung gewährleistet werden soll.

Hinter diesem Brief steht unausgesprochen die Frage, die im Moment alle stellen: Warum musste Rieder gehen? Nachdem sich nun am 14. August in einem Interview der Stiftungsratspräsident Yves Christen in der «Berner Zeitung» unter dem Print-Titel «Es konnte so nicht weitergehen» ausser Stande sah, plausibel zu erklären, wie es denn gegangen sei, bevor es nicht mehr weiterging, ist die Konfusion komplett. Im übrigen halten sich beide Parteien eisern an eine Stillschweigevereinbarung, die im Rahmen von Rieders faktischem Rauswurf getroffen worden ist.

Hier fünf Thesen zum Thema:

1. Die These von der Blocher-SVP

Auf dem Ballenberg hat die Blocher-SVP geputscht, weil sie dort nächstes Jahr ein rechtsnational imprägniertes Neutralitätsparadies zelebrieren will, das angeblich die historische Folge der Schlacht bei Marignano vor 500 Jahren sei. Weil sich Rieder für so etwas nie hergegeben hätte, sei der SVP-Präsident Toni Brunner an die Stiftungsratssitzung vom 27. Juni gereist, um ihre Entlassung in die Wege zu leiten. – Allerdings: Brunner gehört – wie zum Beispiel SP-Nationalrat Matthias Aebischer – zu jenem Teil des Stiftungsrats, der als faktisches Patronat in die Entscheide des Stiftungsratsvorstands nicht einbezogen wird. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass Brunner, wie Aebischer, von Rieders Kündigung aus den Medien erfahren hat. Richtig ist allerdings, dass die Blocher-SVP nun versuchen kann, auf die Nachfolgeregelungen für Rieder und für Christen, der 2015 zurücktreten will, Einfluss zu nehmen.

2. Die These von der Bernburger-Rache

Katrin Rieder sei Opfer einer Intervention der Burgergemeinde Bern geworden, die sich so für deren streitbare Dissertation «Netzwerke des Konservativismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert» habe rächen wollen. – Gegenargument: Hätte die Burgergemeinde tatsächlich genügend Einfluss auf dem Ballenberg und wäre es ihr tatsächlich um einen solchen Racheakt gegangen: Warum hat sie dann Anfang 2012 nicht gleich Rieders Wahl verhindert?

Wäre Rieder ein Mann, wäre ihre kompetente, direkte Art zu kommunizieren und zu führen respektiert und geschätzt worden.

These 3

3. Die These von der sexistischen Doppelmoral

Katrin Rieder wurde abgeschossen, weil sie eine Frau ist. Wäre sie ein Mann, wäre ihre kompetente, direkte Art zu kommunizieren und zu führen respektiert und geschätzt worden. – Sicher ist: Rieder hatte bei den 170 Angestellten auf dem Ballenberg Rückhalt. Ihre kooperative, kompetente und integre Art zu führen, wurde, wie man hört, geschätzt. Es hat seit ihrem Rauswurf sogar (mindestens) zwei Solidaritätskündigungen gegeben. Rieder ist als Frau also nicht «gegen unten», sondern «gegen oben» gescheitert: gegen die Regionalfürsten und die Männerphalanx im Ausschuss und im Vorstand des Stiftungsrats. Dass die beiden einzigen Frauen des Vorstands, Christine Egerszegi und Ursula Haller, bei der entscheidenden Sitzung ferienabwesend und vorgängig nicht informiert worden waren, passt dazu (Bund, 30.7.2014).

4. Die These vom «Trauffer-Clan»

Dass die Sippe von Katrin Rieders Vorgänger Walter Trauffer im Freilichtmuseum ökonomische Interessen zu verteidigen hat, ist bekannt: Bis zum 8. August 2013 präsidierte Trauffer die Ballenberg-Restaurations AG, die die Restaurants und die Verkaufsläden des Freilichtmuseums betreibt. Hier fliesst demnach zusammen, was eine Viertelmillion BesucherInnen pro Jahr für ihren Konsum ausgeben. Am 8. August 2013, so steht es im Schweizerischen Handelsamtsblatt SHAB, wurde Trauffer von Rieder abgelöst. Was sie als Präsidentin dieser AG getan und geplant hat, ist nicht bekannt. 

Der Ballenberg ist die Alp, auf der massgeblich der «Trauffer-Clan» die Chueleni melkt.

These 4

Bekannt ist aber: Bereits am 24. Januar 2014 gab sie Ihre Funktion, freiwillig oder unfreiwillig, wieder ab – und zwar ausgerechnet an den 35jährigen Marc Trauffer, der Neffe respektive Göttibub von Walter Trauffer und als Popsänger eine nachgerade nationale Grösse ist («Brienzersee, du bisch mis Meer»). Vor allem aber ist er der Geschäftsführer der Trauffer Holzspielwaren AG, die ihre Produkte selbstverständlich auch auf dem Ballenberg vertreibt. Kurzum: Der Ballenberg ist die Alp, auf der massgeblich der «Trauffer-Clan» die Chueleni melkt. Dazu kommt: 2013 ist dieser Marc Trauffer in den geschäftsleitenden Ausschluss des Stiftungsrats gewählt und sofort zum 2. Vizepräsidenten gemacht worden. 

5. Die These von der Angst vor Bundesbern

Am 21. März 2014 reichte das Ballenberg-Stiftungsratsmitglied Werner Luginbühl als Ständerat eine Motion ein mit der Forderung, der Bund solle sich mit einem «substantiell höheren Beitrag» an den Betriebskosten und dem Investitionsbedarf beteiligen. Rechnet man die Zahlen in der Begründung der Motion hoch, kommt man auf den kolportierten Betrag von knapp 90 Millionen Franken innert zehn Jahren. Rieder und Christen begründeten bei dieser Gelegenheit die Forderung mit dem dringend nötigen besseren Schutz und Unterhalt von Sammlung und Infrastruktur sowie mit der wissenschaftlichen Erschliessung des Museumsbetriebs.

Es liegt auf der Hand: Die Strategie, sich in einem solchen Mass auf öffentliche Gelder abzustützen, würde einen grösseren Einfluss von Bundesbern und umgekehrt einen Macht- und Kontrollverlust der Regionalfürsten bedeuten. Für alle, die auf dem Ballenberg die Chueleni melken, muss deshalb die Meldung vom 13. Juni, Luginbühl sei es gelungen, gegen den Willen des Bundesrates eine Ständeratsmehrheit hinter seine Motion zu bringen, eine Hiobsbotschaft gewesen sein.[1]

So oder so ist man Rieder los – ein erwünschter Kollateralschaden.

These 5

Jetzt musste gehandelt werden: Man entliess ohne nachvollziehbare Argumente Rieder und inszenierte die Entlassung so dilettantisch, dass man hoffen darf, in der Herbstsession werde eine Mehrheit des kopfscheu gemachten Nationalrats die Motion Luginbühl bachab schicken. Damit wäre der Macht- und Kontrollverlust abgewehrt und in den heimligen Brienzer Stuben wären erst noch die langen Herbstabende gerettet, in denen man herzhaft über Bundesbern schimpfen könnte, das der gebeutelten Randregion nicht einmal die 90 Millionen gegönnt habe. Und: So oder so ist man Rieder los – ein erwünschter Kollateralschaden.

Am Nationalrat liegt es nun, zwei Fragen zu beantworten.

• Zum einen: Yves Christen sagt im BZ-Interview, für das Freilichtmuseum werde «wesentlich weniger Geld nötig sein» als die in der Motion Luginbühl geforderten 90 Millionen – ein Betrag, den Christen im März selber noch für nötig hielt. Was stimmt jetzt? Hat Ständerat Luginbühl dem Ballenberg unbegründet Geld zuschanzen wollen oder krebst Stiftungsratspräsident Christen jetzt, nach der Machtdemonstration der Regionalfürsten, zurück?

• Zum anderen: Will der Nationalrat ein nationales Kompetenzzentrum für ländliche Kultur- und Sozialgeschichte oder doch lieber eine regionale Vetterliwirtschaft von Männerbündlern und Krämern?

[1] Die These 5 wurde im vorangehenden Abschnitt am 29. August gekürzt und neu formuliert. Grund dafür ist, dass in der ersten Version an dieser Stelle behauptet wurde, Katrin Rieders Vorgänger Walter Trauffer und Edwin Huwyler hätten in einem Brief am 27. März 2014 Rieders Rücktritt gefordert. Das ist falsch. Quelle für diese Behauptung war der Bund vom 6. August 2014, in dem zu lesen war: «'Wir sind der Meinung, dass ein Wechsel an der Spitze des Ballenbergs Veränderungen bringen soll', schrieben die seit 2011 pensionierten Ballenberg-Geschäftsführer Walter Trauffer und Edwin Huwyler am 27. März. [...] Der im Brief geäusserte Wunsch zeitigte letzte Woche Wirkung: Rieder wurde entlassen.»

Diese Darstellung ist grob manipulativ. Im Brief, der dem Journal B unterdessen vorliegt, schrieben Huwyler und Trauffer: «Wir sind der Meinung, dass wir ein gut funktionierendes, erfolgreiches und sehr beliebtes Museum weiter gegeben haben. Wir sind auch der Meinung, dass ein Wechsel an der Spitze Veränderungen mitbringen soll [Hervorhebung: fl.]. Dass die neue Strategie jedoch darauf basiert, 'dunkle Wolken über dem Ballenberg' zu generieren, um zu viel, viel Geld zu kommen, können wir nicht nachvollziehen.» Das vom Bund verbreitete Zitat steht demnach nicht im Zusammenhang mit einer Rücktrittsforderung, sondern im Zusammenhang mit der Kritik an der «neue[n] Strategie».

Journal B entschuldigt sich bei Walter Trauffer und Edwin Huwyler.

Fredi Lerch