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Journal B

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Vom Flüchtlingskind zur Stadtratspräsidentin

Tania Espinoza, Präsidentin des Berner Stadtrats, kam als Flüchtling von Bolivien in die Schweiz. Journal B sprach mit der grünen Politikerin anlässlich ihrer Rede zum 1. August über Integration und Demokratie.

Tania Espinoza Haller präsidiert 2014 den Berner Stadtrat. (Foto: Naomi Jones)

Sie flüchteten als Kind in die Schweiz. Weshalb?

Tania Espinoza:

Das war beim Garcia Meza-Putsch am 17. Juli 1980. Mein Vater war Journalist und als solcher links positioniert. Ausserdem engagierte er sich politisch und war aktiv in der Gewerkschaft. Bei einem Putsch werden als erstes die Medien besetzt und die Meinungsfreiheit wird unterbunden. Politische Gegner werden verhaftet oder zumindest fristlos entlassen. Zu Beginn des Putsches hoffte mein Vater, dass seine Entlassung als kritischer Journalist genügen würde, aber es zeigte sich rasch, dass selbst subtiler Widerstand gegen die Diktatur sofort neue Repressionen auslöste.

Eines Tages informierten die Nachbarn meine Mutter darüber, dass die Paramilitärs in Zivilbekleidung meinen Vater gesucht hatten. Er tauchte unter und als sie nochmals kamen, war mein Vater nicht mehr da. Eine Mitarbeiterin des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) fand für ihn Unterschlupf in einer europäischen Botschaft. Dort fanden auch andere Gegner des Putsches, Campesinos, Minenarbeiter und Politiker eine temporäre Unterkunft. Staaten wie Schweden, Frankreich, Belgien und die Schweiz öffneten dann ihre Türen für diese Flüchtlinge. In unserem Fall bewilligte der Bund eine Familieneinreise.

Sie haben nichts Persönliches mitgenommen?

Nein. Kein Spielzeug, keine Fotos . Die fehlenden Fotos schmerzen mich heute am meisten. In der Botschaft wurde der Kontakt zu unserm Vater hergestellt. Als wir die Aufnahmebewilligung für die Schweiz erhalten hatten, wurden wir mit einem Botschaftsauto direkt vor das Flugzeug gefahren. Dort sahen wir endlich unseren Vater wieder. Wir wurden zusammen mit etwa 50 Bolivianerinnen und Bolivianern in die Schweiz geflogen. Andere Flüchtlinge, die sich im Flugzeug befanden, reisten in andere Länder weiter. Im Flugzeug sah ich eine Frau, die gefoltert worden war. Ich war damals zehn Jahre alt und erinnere mich noch heute an sie.

Wie haben Sie die Schweiz als Kind wahrgenommen?

Es war Winter und ich sah zum ersten Mal in meinem Leben Schnee. Wir wurden zuerst in das Heim Lindenbühl bei Trogen gebracht. Dort erhielten wir Kleider, Deutschunterricht und eine Tagesstruktur. Ich erinnere mich, dass alle Männer grüne Pullis mit beigen Kragen trugen, wie beim Militär. Das war bizarr.

In Trogen waren wir etwa drei Monate, bis klar wurde, wo wir leben konnten. Uns wurde Bern vorgeschlagen, was uns freute, da wir hofften dass mein Vater dort als Übersetzer oder beim Schweizer Radio International (SRI) als Journalist würde arbeiten können. Ich erinnere mich, wie wir noch von Trogen aus einen Ausflug nach Bern machten, um die Stadt kennen zu lernen. Wir besuchten alle Touristenattraktionen: den Bärengraben, den Zytglogge und den Käfigturm. Es gefiel uns auf Anhieb. Bern ist eine wunderschöne Stadt. Zum Glück konnten wir hier auf die Hilfe vieler freiwilliger Personen zählen.

In Bern bezogen wir danach eine kleine 3,5-Zimmerwohnung im Gäbelbach. Sie war mit Möbeln aus dem Brockenhaus eingerichtet. Für uns war das schon eine Umstellung. In Bolivien waren wir gut situiert und lebten in einem grossen Haus. Hier waren wir niemand. Ich erinnere mich, dass es im Kühlschrank eine Salami hatte, als wir ankamen. Aber wir kannten die Wurst nicht und dachten, sie wäre vergammelt.

Wie haben sich Ihre Eltern in Bern eingelebt?

Meine ältere Schwester und ich gingen dort dann gleich zur Schule. Die jüngste Schwester war noch ein Baby. Meine Eltern wollten so rasch als möglich arbeiten. Als anerkannte Flüchtlinge durften sie das auch. Mein Vater fand einen Hilfsjob bei der Post, meine Mutter als Putzfrau. Er konnte ausserdem für das Schweizer Radio International (SRI) Übersetzungen machen. Beide Jobs erledigte er in der Nacht. Um rascher gut Deutsch zu sprechen, besuchte er tagsüber Kurse an der Uni. So konnte er mir und meiner Schwester bei den Schulaufgaben helfen. Meine Mutter konnte wegen dem Baby nicht an die Uni. Aber sie war mit der Kleinen oft in der Bibliothek und lernte die Sprache mit Bilderbüchern, Märchenkassetten und dank dem Kontakt mit anderen Müttern. Die erste Zeit in Bern war hart für meine Eltern. Sie waren es als Intellektuelle nicht gewohnt, mit den Händen zu arbeiten, gleichzeitig fühlten sie sich unterfordert. Mein Vater wurde fast depressiv.

Und wie ging es Ihnen? Heute sprechen Sie Berndeutsch, sind Schweizerin und Stadtratspräsidentin.

Integration ist harte Arbeit. Dabei ist die Sprache zentral. Für meine Eltern war klar, dass wir Kinder auf die öffentliche Schweizer Schule mit Schweizer Kindern gehen sollten. Fernsehen gab es nur auf Deutsch und wir durften nicht mit anderen Migrantenkindern spielen. Es wäre natürlich viel leichter gewesen, uns mit Spanisch oder Italienisch sprechenden Kindern anzufreunden. In den Schulferien schickten uns die Eltern in Ferienlager mit Schweizer Kindern. Ausserdem achteten meine Eltern in Absprache mit den Lehrern darauf, dass wir Hochdeutsch sprachen. Sie waren überzeugt davon, dass wir erst die Hochsprache richtig lernen sollten, der Dialekt würde sich von selbst geben. Ich war fünfundzwanzig als ich begann, Dialekt zu sprechen.

Wir erhielten auch viel Hilfe von Schweizer Freunden. Sie luden uns ein und brachten uns die kulturellen Codes der Schweiz bei. Vielleicht auch aus diesem Grund erlebte ich eigentlich nie Fremdenfeindlichkeit oder gar Rassismus. Allerdings interessierten sich meine Eltern sehr für ihr Gastland und betrieben unsere Integration aktiv. Das ist eine Arbeit, die niemand den Flüchtlingen abnehmen kann. Nach fünf Jahren erhielt mein Vater eine Stelle als Journalist beim SRI und auch meine Mutter, die zwar nicht mehr als Sekundarlehrerin unterrichten konnte, fand eine Arbeit, die ihr gefiel. Sie wurde nebenamtliche Bibliothekarin.

Sie waren 25 als Sie den Dialekt lernten? Heute sprechen Sie ihn akzentfrei!

Erst war Schweizer Hochdeutsch meine Sprache geworden. Es gehörte zu mir. Damals unterrichtete ich als Primarlehrerin im Tscharnergut und alles lief rund. Aber eines Tages in den Sommerferien entschloss ich mich, nach den Ferien mit den Schülern Berndeutsch zu sprechen. Denn ich konnte den Dialekt eigentlich schon lange. Ich verstand alles. Aber es kostete mich grosse Überwindung, den Dialekt zu sprechen. Die Reaktionen unter den Lehrerkollegen waren zum Teil lustig. Einige merkten es gar nicht, als ich plötzlich Dialekt sprach. Vereinzelte sagten, jetzt würde ich endlich ganz dazu gehören. Die Aussage berührte mich eigenartig. Aber sie zeigt, wie zentral Sprache für die Integration ist.

Letzte Woche hielten Sie als Stadtratspräsidentin die 1.-August-Rede. Wie kamen Sie zur Politik?

Politik war immer ein Thema bei uns. Ich bin mit dem Ideengut von Che Guevara aufgewachsen. In der Familie haben wir immer diskutiert und wir wurden als Kinder in Entscheide, welche die Familie betrafen, einbezogen. Als ich von Freunden angefragt wurde, ob ich mich politisch engagieren wolle, reagierte ich erst zurückhaltend. Ich habe die Diktatur erlebt. Aber als ich Mutter wurde, wurde ich mir der Verantwortung, die wir als Bürgerinnen und Bürger eines Landes haben, noch bewusster. Hier kann jeder und jede die Meinung frei äussern. Das ist nicht selbstverständlich. Alle mündigen Schweizer Bürger können abstimmen. Das ist ein riesiges Privileg. Aber es ist auch eine Pflicht. Wir müssen zu unserer Demokratie und unseren Werten Sorge tragen, auch wenn das manchmal mühsam und zeitintensiv ist.

Ist die Schweiz ein Stück Heimat geworden oder lebt ein Teil von Ihnen noch in Bolivien?

Meine Eltern waren am Anfang nicht glücklich und wollten wieder zurück, sobald die Lage in Bolivien besser wäre. Wir diskutierten damals in der Familie intensiv über die Rückkehr. Nach etwa fünf Jahren erhielt mein Vater die Vollzeitstelle beim Radio und wir entschieden uns zu bleiben. Das bedeutete, dass wir uns ganz auf die Schweiz einliessen. Wir sind heute alle eingebürgert. Meine jüngste Schwester etwa, welche Bolivien gar nicht richtig erlebt hatte, entwickelte hier rasch zu einem typischen «Schweizer Girl». Für mich gibt es nicht ein Entweder/Oder zwischen der Schweiz und Bolivien. Ich habe das Glück, dass mir beide Länder nahe sind und ich von beiden das Beste nehmen kann. Heimat ist für mich dort, wo meine Freunde sind und ich mich sicher fühle. Das ist heute ganz eindeutig hier in Bern.