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Kita-Gutscheine: Was haben sie bewirkt?

Mit den Betreuungsgutscheinen für Kitas wechselte die Stadt Bern Anfang dieses Jahres von der Objekt- zur Subjektfinanzierung. Journal B hat erfahren, wie sich der Systemwechsel auf die bernische Kita-Landschaft auswirkt.

Kinder spielen in einer Kita. (Foto: Severin Nowacki)

Eine Umfrage von Journal B im April dieses Jahres hatte leider nur einen kleinen, sich über längere Zeit hinschleppenden Rücklauf. Von rund sechzig angeschriebenen Kindertagesstätten antworteten zwölf. Die Auswertung ist somit nicht repräsentativ. Eine Vorstellung von den laufenden Veränderungen gibt sie dennoch. Ausserdem handelt es sich um eine Momentaufnahme. Insbesondere nach den Sommerferien, wenn die Kindergartenkinder die Kita verlassen müssen, werden die Zahlen wieder anders sein.

Das Ersparte brauchen

Seit Anfang Jahr können in der Stadt Bern Eltern, deren gemeinsames Arbeitspensum 100 Prozent übersteigt, Gutscheine für die externe Betreuung ihrer Kinder beantragen. Sie erhalten Subvention für dasjenige gemeinsame Pensum, das über 100 Prozent liegt. Vorher wurde das Arbeitspensum der Eltern weniger streng beachtet. Wichtiger war das Bedürfnis der Familie. Deshalb haben zahlreiche Familien heute ein weniger hohes Betreuungspensum zu gut als vorher. Brauchen sie dennoch ein höheres Betreuungspensum für ihre Kinder, müssen sie für dieses den vollen Tarif bezahlen.

Anna Minta ist Mutter von vierjährigen Zwillingen. Minta war bis Januar 2014 Assistentin an der Universität Bern und schloss 2013 ihre Habilitation ab. Ihr Lebensgefährte und Vater der Kinder hatte bis Ende 2013 ebenfalls eine Stelle an der Uni und schreibt seine Dissertation. Gemeinsam kommen sie auf ein Pensum von 110 Prozent. Aber effektiv sind es mehr, denn die Uni erwartet ganz selbstverständlich, dass sie ihre Forschung in der Freizeit betreiben und ausserdem Referate und Fachartikel schreiben. Deshalb gehen die Zwillinge an vier Tagen der Woche in die Kita.

Bis zum Systemwechsel bekam die Familie zwei subventionierte Plätze. Dann gab es nur noch für 10 Prozent Subventionen. Für die restlichen 70 Prozent bezahlen die Eltern den vollen Tarif: 1704.70 Franken pro Kind und Monat. «Was sollten wir tun?» fragt Anna Minta. «Wir haben niemanden zum Hüten. Unsere Verwandten sind in Deutschland und auch Freunde und Freundinnen sind nur begrenzt einsetzbar. Als Akademiker können wir die Arbeit nicht reduzieren, so brauchen wir halt unser Erspartes.»

Betreuungsplatz für mehr Kinder

Wer sich dies nicht leisten kann oder will, muss das Betreuungspensum des Kindes anpassen. Dadurch werden Betreuungsplätze für andere Kinder frei. Diese frei werdenden Plätze waren ein Argument der Gutschein-Befürworter im Vorfeld der Abstimmung. Hat sich dieses Versprechen eingelöst?

In den zwölf Kitas, die die Umfrage beantwortet haben, sind 45 Familien bzw. Kinder von einer Kürzung der Subventionen betroffen. Für 24 Kinder zahlen die Eltern den Ausgleich, wie es Anna Minta und Jörg Matthies tun. 21 Familien bzw. Kinder haben das Betreuungspensum der Subvention angepasst. Also etwa die Hälfte.

Betreuungsplatz im Umfang von 375 Prozent ist so in den zwölf Kitas frei geworden, also ein Vollzeitplatz für knapp vier Kinder oder Teilzeitplätze für acht bis zehn Kinder. Eine Kita meldet, sie habe Anfang Jahr eine neue Gruppe eröffnet. Da das Betreuungsminimum hier neu nur ein Tag pro Kind und Woche sei, sei so eine Betreuungslösung für zwanzig bis vierzig Kinder entstanden. Die Gruppe sei allerdings unabhängig von den Betreuungs-Gutscheinen eröffnet worden. Sie entspricht jedoch dem Bedürfnis all jener Eltern, die aufgrund ihrer Arbeitssituation nur mit einer kleinen Subvention rechnen dürfen.

Bedürfnisse der Eltern vs. Bedürfnisse der Kinder

Auch andere Kitas suchen Lösungen für Minipensen. Dies ist dem Systemwechsel zu verdanken. Bisher haben die meisten Kitas ein Betreuungsminimum von 40 Prozent vorgeschrieben. So konnten sich die Kinder in stabilen Gruppen einleben. Vor allem sehr kleine Kinder brauchen diese Stabilität, um eine Beziehung zum Umfeld aufzubauen. Das Betreuungsminimum entspricht also einem Bedürfnis der Kinder und bringt Qualität.

Die Gewinner des Gutschein-Systems sind vor allem Eltern, die früher in eine private Kita ausgewichen sind, weil sie nicht rechtzeitig einen subventionierten Platz erhalten haben. Die zwölf Kitas, die sich an der Umfrage beteiligten, meldeten 23 solcher Familien bzw. Kinder. Auf der andern Seite meldete eine Kita, dass vier Familien aufgrund ihres Einkommens keine Subvention mehr erhalten. Vorher hatten sie subventionierte Plätze. Insofern ist das System fairer als vorher.

Gefahr für die Qualität

Was das neue System aber ausser Acht lässt, sind die Bedürfnisse der Kitas und somit der Kinder. Denn wie sollen die Kitas ihren hohen Standard an Betreuungsqualität zu bezahlbaren Tarifen halten, wenn sie in vollem Mass wirtschaftlich handeln müssen? Die Qualität ist wesentlich von der Anzahl an ausgebildetem Personal im Verhältnis zu den betreuten Kindern abhängig. Die professionellen Betreuerinnen und Betreuer schaffen ein familiäres und pädagogisches Umfeld, das die Kleinen in ihrer Entwicklung ausgewogen fördert. Die Stabilität der Gruppen ist dabei ebenfalls hilfreich und manche Kitas bilden junge Leute aus.

Dies ist ein grosser Aufwand für die Institutionen. Im Gegenzug profitieren sie davon, immer auf dem Stand des Wissens zu sein. Und last but not least macht auch das Essen einen wichtigen Teil im Kita-Alltag aus. Deshalb leisten sich grössere Kitas einen eigenen Koch. Den Kitas, die von diesem Standard nicht abweichen wollen, wird nichts anderes übrig bleiben, als die Tarife dort anzuheben, wo es möglich ist.

Der Systemwechsel

Seit Anfang dieses Jahres können Eltern, die ihr Kind in einer Kindertagesstätte oder bei Tageseltern betreuen lassen, eine Subvention in Form von Betreuungsgutscheinen beantragen. Dadurch sind sie in der Wahl der Kita freier. Zuvor wurden gewisse Kindertagesstätten direkt von der Stadt subventioniert. Eltern, die Unterstützung benötigten, warteten zum Teil sehr lange auf einen subventionierten Betreuungsplatz.

Die Direktion für Bildung, Soziales und Sport (BSS) hat eine Begleitgruppe, um die Auswirkungen des Systemwechsels zu verfolgen. Sie wird dem Stadtrat nächstes Jahr einen Bericht vorlegen.

Die Frage, wie sich Eltern angesichts der reduzierten Subvention verhalten, wird das BSS aber nicht beantworten können, da das städtische Jugendamt keine Daten zu den nichtsubventionierten Betreuungsplätzen besitzt.

Hingegen berichtet das Jugendamt, dass seit dem Systemwechsel fünf ehemals ausschliesslich private Kitas jetzt subventionierte Plätze anböten. Ausserdem sei eine neue Kita eröffnet worden und eine andere habe zusätzliche Plätze geschaffen.

Es gibt somit mehr Plätze für Kinder, die Subventionen benötigen, und mehr Betreuungsplätze insgesamt. «Der Systemwechsel ist eindeutig motivierend, das Angebot auch unter dem Jahr auszubauen. Die Entwicklung findet so schneller und laufend statt», berichtet Alex Haller, Leiter des städtischen Jugendamts. Pia Aeschimann, Geschäftsführerin der Kita Murifeld, kann dies bestätigen: «Wir merken jetzt, wie die Warteliste langsam kürzer wird.»