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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Bern sollte sich mit der Reithalle brüsten

Statt Wohnungen für den Mittelstand zu bauen, sollte Bern in die Kultur und die Region investieren, um sich international zu vernetzen, meint der Stadtsoziologe Christian Schmid. Er fordert echte Qualitäten statt Flagships. (Teil 3/3)

Städtekranz Region Bern (Quelle: «Die Schweiz, ein städtebauliches Porträt»*)

In der Planungsstrategie zum Wohnungsbau vom Dezember 2007 schreibt das Stadtplanungsamt, dass dank dem Bau von neuen Wohnungen und der Sanierung von Alten erstens die Ansässigen, insbesondere Familien, in Bern gehalten werden sollen und zweitens Menschen, die in Bern arbeiten, aber noch nicht da wohnen, angeworben werden sollen. Denn: «Hohe Anteile an nicht sanierten, für Familien wenig geeigneten bzw. den heutigen Ansprüchen nur teilweise genügenden Wohnungen bedeuten tiefere Mietpreise, die wiederum für Menschen mit tiefen Einkommen interessant sind und den Prozesse der ‘A-Stadt’-Bildung fördern.»

Der Begriff «A-Stadt» ist höchst problematisch. Er ist rund dreissig Jahre alt und war schon damals veraltet. Das «A» steht für alle, die man nicht in der Stadt haben will: Alte, Arme, Alleinstehende, Alkoholiker, Auszubildende, Ausländer, Alternative… In den 70er Jahren stellte man fest, dass sich die Städte in einer Negativspirale befanden.  Aber die urbane Welle hat die Städte längst erfasst. A-Stadt ist in keiner Schweizer Stadt mehr ein Thema. Wer in der Schweiz von Verslumung spricht, hat noch nie einen Slum gesehen. Heute suchen die Leute städtische Qualitäten und sind bereit, dafür zu zahlen. Auch in Bern. Bern ist definitiv keine A-Stadt. Man sollte also nicht auf «Aufwertungsstrategien» setzen und versuchen, einen imaginären «anständigen Mittelstand» in die Städte zu locken. Der Wohnungsbau allein kann Bern nicht sehr viel weiter bringen. Mit dem Bau neuer Wohnungen kann die Stadt vielleicht einige gute Steuerzahler aus der Region anziehen. Aber das ändert insgesamt nicht viel, es macht Bern in der Tendenz eher langweiliger. Bern sollte spannende Leute aus anderen Regionen anziehen, es sollte viel selbstbewusster auftreten. Bern möchte ein bisschen städtisch sein, aber ja nicht zu viel. Man möchte von allem etwas haben, aber immer nur ein bisschen, damit es ja nicht stört. Das ist falsch, denn eine Stadt braucht auch Extreme, Gegensätze, Auseinandersetzungen. Und was die Menschen vor allem in die Städte zieht, das ist letztlich weder Wohnungsbau noch Steuersenkung, sondern die Ökonomie. Man geht dahin, wo es attraktive Jobs hat. Und wenn die Stadt dann auch noch einiges zu bieten hat, spannende Kultur, öffentliche Räume, Abwechslung, dann wohnt man auch da. Die Ökonomie ist aber regional, und das bedeutet, dass Bern sich als Region positionieren muss. Die Regionalökonomie von Bern hat heute ausser der Bundesverwaltung und den damit verbundenen Branchen aber wenig Anziehungskraft.

Kann Bern das ändern? Die «Strategie Bern 2020» schlägt vor, Arbeitsplätze im Bereich Greentech und ein Zentrum für Klimawandel zu schaffen. Ist das realistisch?

Das sind schöne Ideen, aber ich zweifle daran, ob man solche Entwicklungen wirklich steuern kann. Vor einigen Jahren setzte Bern noch auf die Medizinaltechnik – davon spricht man heute offenbar nicht mehr. Neuansiedlungen von Unternehmen sind eher Zufallstreffer. Manchmal kommt aus irgendeinem Grund ein Unternehmen nach Bern. Dann sollte man versuchen, es zu halten. Aber grundsätzlich sollte die Stadt signalisieren, dass sie offen ist für Neues – und auch Experimentierräume für Start-Ups zur Verfügung stellen.

Was empfehlen Sie Bern also?

Drei Dinge. Ich glaube immer noch an die Idee des Städtekranzes. Es gibt in der Region Bern unglaublich viel Kultur. Man hat Festivals und Ausstellungen, Museen, Fachhochschulen und Universitäten. Dazu Landschaft in Hülle und Fülle: das Berner Oberland, der Jura, das Seeland, das Schwarzenburgerland, das Emmental.

Man müsste also diesen ganzen geografischen Raum als Stadt denken?

«Bern muss auf seine urbanen Qualitäten setzen und zugleich darauf achten, dass es erschwinglich bleibt.»

Christian Schmid

Ja, aber man darf ihn auf keinen Fall verbauen. Man muss ihn für möglichst viele zugänglich machen.  Zum Beispiel mit Direktverbindungen und einem gemeinsamen ÖV-Abo. Es braucht auch einen einheitlichen Auftritt und einen Veranstaltungskalender für die ganze Region, das wäre mit wenig Aufwand zu erreichen. Dann hätten die Leute wenigstens eine andere Landkarte im Kopf. So würde die Region offener, vielleicht sogar etwas kosmopolitisch, mit der französischen und der deutschen Kultur, die hier auf ziemlich ungezwungene Art zusammentreffen. Das wäre auch für Neuchâtel, Fribourg, Biel oder Solothurn interessant.

Sie sprechen von drei Dingen, die Bern tun sollte…

Bern sollte zweitens aus den Qualitäten schöpfen, die die Stadt hat: relativ tiefe Mieten und dadurch Freiräume. Das Dümmste, was man machen kann, wäre diese Freiräume zu zerstören. In Zürich gibt es sie nicht mehr. Denn in Räumen, die relativ günstig sind, kann man experimentieren und neue Dinge entwickeln. Die Leute in Bern sind initiativ. Bern muss sich nicht verstecken, auch wenn die Stadt keine Metropole ist. Aber das ist kein Grund zum Jammern, sondern eine Qualität, solange man Bern nicht zu einer Kleinstadt macht.

Was würde Bern zu einer Kleinstadt machen?

Die Strategie, die jetzt vorgeschlagen wird, die hat etwas Kleinstädtisches. Bern muss auf seine urbanen Qualitäten setzen und zugleich darauf achten, dass es erschwinglich bleibt.

Bern muss aber die natürlichen Personen als Steuerzahler pfleglich behandeln:  80 Prozent der Steuereinnahmen kommen von ihnen.

Das ist nicht nur ein Problem, denn eine solche Struktur ist viel stabiler als eine, bei der vor allem die Unternehmen Steuern bezahlen. Ich finde allerdings schon, dass Bern mehr Unternehmen brauchen könnte und im Gegensatz etwa zu Zürich Wirtschaftsförderung machen sollte. Daneben sollte die Stadt aber auch ein anderes Standbein entwickeln. Bern kann sich als urbaner Wohnort profilieren. Aber das macht man nicht, indem man einfach die Leute aus der Agglomeration anzulocken versucht. Bern müsste spannende und innovative Leute aus andern Regionen anziehen. Dafür braucht es kreative Orte. Zürich hat schon lange begriffen, dass man sich mit der Roten Fabrik brüsten kann. Bern müsste sich mit der Reitschule brüsten.

Und der dritte Punkt?

Drittens muss Bern an sich glauben und etwas anbieten, was die andern nicht haben.

Also die Stadt neu erfinden?

Ja, die Stadt neu erfinden. Kultur könnte eine Chance für Bern sein. Bern hat eine lebendige, offene und gastfreundliche Kulturszene. Es könnte sich als Kulturregion über die Sprachgrenze hinaus profilieren. So könnte sich Bern die in der Wirtschaft fehlende Internationalität aus Politik und Kultur holen. Bern hat eine gute Uni. Und auch hier würde die Zusammenarbeit über die Sprachgrenze hinweg, mit Neuchâtel und Fribourg, viel bringen. Das wird zwar schon lange gefordert, aber bis heute wurde eine engere Kooperation kaum je ernsthaft umgesetzt. Und Bern muss seine Freiräume pflegen. Es braucht nicht Flagship-Projekte, sondern echte Qualitäten. Und die hat diese Stadt. Statt die letzten Freiräume im Zentrum zu überbauen, könnte man auch eine richtige Stadterweiterung planen – die Idee eines neuen Quartiers im Bremgartenwald finde ich jedenfalls sehr bedenkenswert.

Benedikt Loderer sagt, lebendig sei es dort, wo Kinder auf den Gassen spielen. Aber wie kriegt man die Kinder auf die Gassen und wie schafft man lebendige Orte?

«Bern müsste sich mit der Reitschule brüsten.»

Christian Schmid

Wir haben im Rahmen eines Nationalfondsprojektes am Department Architektur der ETH eine Art Checkliste für Urbanität entwickelt. Es braucht Zentralität. Man muss Nutzungen konzentrieren und nicht zerstreuen. Ein zweiter Punkt ist Diversität. Es braucht unterschiedliche Dinge, die sich aber aufeinander beziehen. Ein dritter Punkt ist Interaktion: Es braucht Räume, in denen die Leute verweilen und sich begegnen können. Dazu kommt die Zugänglichkeit. Man muss leicht hinkommen, und der Ort soll einladend sein. Ein wichtiger Punkt ist Aneignungsfähigkeit – dass man sich den Ort aneignen kann, indem man auch etwas verändern und Spuren hinterlassen kann. Ein weiterer Punkt ist Brauchbarkeit: Einen Verkehrskreisel zum Beispiel kann man genau für etwas brauchen – für einen effizienten Verkehrsfluss. Sonst ist er für nichts zu gebrauchen, er verhindert Urbanität und zerstört deshalb städtischen Raum. Und schliesslich brauchen wir die Adaptierbarkeit. Langfristig soll man einen Ort auch wieder verändern können. Es geht nicht darum, dass man in allen Punkten das Maximum erreicht. Aber beim Planen sollte man an alle diese Punkte denken.
 

Christian Schmid (*1958) ist Professor für Soziologie am Departement Architektur der ETH Zürich und Forscher am ETH Studio Basel/Institut Stadt der Gegenwart. Zwischen 1997 und 2001 arbeitete er als Assistent für Wirtschaftsgeographie und Regionalforschung am Geographischen Institut der Universität Bern. Zusammen mit Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili und Pierre de Meuron hat er 2006 das Standardwerk  «Die Schweiz, ein städtebauliches Porträt» herausgegeben. Das Werk geht davon aus, dass die Gemeindeautonomie ein Bollwerk ist gegen die urbane Entwicklung der Schweiz.

*Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron, Christian Schmid: «Die Schweiz, ein städtebauliches Porträt» Basel 2006, Birkhäuser. ISBN978-3-7643-7282-8.