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Fredi Lerch

Sofort abstellen? Ja, aber...

Am 18. Mai stimmt man im Kanton Bern über die Initiative «Mühleberg vom Netz» ab. Der Kommentar eines AKW-Gegners von anno dazumal.

1977 lebte ich in einer studentischen Wohngemeinschaft in Basel und wenn wir abends bei billigem Rotwein in der Küche sassen, ging es um die «soziale Plastik» von Josef Beuys, um die Stürme im Wasserglas der neulinken Basler Splittergruppen oder um Baader, Meinhof, Ensslin und ihren bewaffneten Kampf gegen «das kapitalistische System».

Und natürlich redeten wir immer wieder über Atomenergie – kaum zehn Kilometer rheinaufwärts sollte ja das AKW Kaiseraugst gebaut werden. Dann kam der Pfingstmarsch und mehr als zehntausend Leute marschierten gegen das fast fertige AKW Gösgen. Am 25. Juni 1977 demonstrierten dort erneut 2500, am 2. Juli waren es 6000. Und ich war dabei. Diese Demo wurde für mich zu einem Crash-Kurs in Staatsbürgerkunde, den ich nicht missen möchte.

Ein altes Buch und plötzlich ist alles wieder klar

Was mir letzthin im Gespräch mit Jürg Joss (Teil 1 und Teil 2) aufgefallen ist: Wie wenig seine technisch versierte Argumentation mit jenen Argumenten zu tun hat, die wir damals vertreten haben. Aber wie war das schon wieder?

Schon der Klappentext ist aus heutiger Sicht eine Sensation.

Fredi Lerch

Beim Schmökern im Bücherbergwerk an der Monbijoustrasse ist mir dann ein Buch in die Finger gekommen, das ebenfalls 1977 erschienen ist: «Atompoker. Kernindustrie in kritischem Licht» von Jean Rossel (Zytglogge). Und siehe da: Schon der Klappentext ist aus heutiger Sicht eine Sensation: Rossel war damals nicht irgendeiner, sondern der Vizepräsident der «Bundeskommission für die Überwachung der Radioaktivität». Man stelle sich vor, der Vizepräsident des ENSI würde heute, getrieben von staatsbürgerlicher Verantwortung, ein kritisches Buch über die Atomindustrie schreiben!

Und nach den ersten Einleitungssätzen Rossels wusste ich wieder: Ja, so war das damals: «[Bei der industriellen Kernspaltung] handelt es sich um ein vielschichtiges Gebiet, indem sich, schwer von einander zu trennen, wissenschaftliche, technische, ökonomische, politische und soziale Probleme von grösster Tragweite gegenseitig überlagern.» Man stelle sich vor, ein heute massgebender AKW-Experte würde sich erlauben, öffentlich über «ökonomische, politische und soziale Probleme» der «friedlichen Nutzung der Kernenergie» nachzudenken. Seine Massgeblichkeit hätte sich erledigt, bevor er den ersten Satz fertig ausgesprochen hätte.

Beim Blättern in Rossels Buch ist mir dann klar geworden, was seit 1977 geschehen ist: Mit einer langfristigen Public-Relations-Strategie hat die Atomindustrie den öffentlichen Diskurs geduldig gespalten in einen relevanten und in einen zu ignorierenden Teil. So wurde mit der Zeit alles irrelevant – weil «unsachlich» –, was das selbstreferentielle Gespräch der Experten in ihrem grosszügig alimentierten Elfenbeinturm hätte stören können.

«Die Macht einer Weltanschauung bewährt sich durch die Fragen, die sie abzudrosseln versteht.»

Günther Anders

Anders: Die öffentliche Rede über «die friedliche Nutzung der Kernenergie» wurde immunisiert gegen jede gesellschaftspolitische Perspektive. Wenn es diese Nutzung heute gibt, dann nicht, weil sie tatsächlich existieren würde, sondern weil jeder Widerspruch dagegen hinter dem Horizont des Denkbaren untergegangen ist. Oder, mit den Worten von Günther Anders, eines der bedeutendsten Kritikers der Atomtechnologie: «Die Macht einer Weltanschauung bewährt sich ja nicht durch die Antworten, die sie zu geben weiss, sondern durch die Fragen, die sie abzudrosseln versteht.»

Warum ich damals nach Gösgen ging

Es gab zwei Gründe, warum ich damals in einer Unterführung zwischen Däniken und Dulliken zum ersten und letzten Mal mitgeholfen habe, eine Barrikade zu bauen (bis ich von Polizeigrenadieren weggespritzt worden bin):

1. Es gibt keine Möglichkeit, hochradioaktiven Müll sicher zu lagern. Zum Abfallproblem schrieb Rossel damals, pro 1000-Megawatt-Kraftwerk und Jahr würden 30 bis 35 Tonnen verbrauchter Brennstoff anfallen, davon nebst anderen «Transuranen» rund 250 Kilogramm (waffenfähiges) Plutonium 239. Bei diesen Transuranen, führte er weiter aus, müsse «mit 500'000 bis 1'000'000 Jahren Abklingzeit» gerechnet werden, «bis die biologische Gefahr ihrer Radioaktivität genügend reduziert» sei. Die Halbwertszeit von Plutonium 239 zum Beispiel liegt bei gut 24'000 Jahren.

Ich bin damals nach Gösgen gefahren, weil niemand von den zuständigen Stützen der Gesellschaft öffentlich garantieren wollte, dass auch in 24'000 Jahren das dannzumal noch halb so stark strahlende Plutonium technisch sicher und vor Missbrauch geschützt gelagert würde.

Man könnte einwenden: Immerhin gebe es die Nagra, die beauftragt sei, «Lösungen für eine sichere, dem Menschen und der Umwelt verpflichtete Entsorgung in der Schweiz zu erarbeiten und zu realisieren». Dazu würde ich sagen: Anfang Oktober 1981 ist die allererste WochenZeitung (WoZ) erschienen mit einem damals stark beachteten Primeur: «Hier will die Nagra bohren».

Die Nagra ist der Running Gag der Atomindustrie.

Fredi Lerch

Bis heute ist die Nagra keinen Schritt weiter. Sie ist der Running Gag der Atomindustrie. Mehr als zu belegen, dass immer fleissig gearbeitet wird, ohne dass etwas geschieht, gibt es für diese PR-Organisation ja auch nicht zu tun. Denn das Problem, das sie lösen soll, ist technisch und politisch unlösbar. Wer möchte schon hinstehen und eine sichere Lösung auf Jahrtausende hinaus garantieren? Und wer könnte sie ohne Waffengewalt durchsetzen?

2. Atomenergie und Demokratie sind langfristig unvereinbar. Ebenfalls 1977 erschien das Buch «Atomstaat» von Robert Jungk. Seine Ausgangsthese: Atome für den Frieden unterscheiden sich nicht von Atomen für den Krieg. Daraus folgt: Es gibt keine «friedliche Nutzung der Kernkraft». Das wirkliche Problem der atomaren Zukunft ist deshalb nicht die katastrophale Ausnahme – ein Atombombenabwurf, ein grösster anzunehmender Unfall GAU oder ein terroristischer Missbrauch von radioaktivem Material –, sondern die katastrophale Normalität: Das Müllproblem schafft objektiv den Sachzwang, hochradiaktive Endlager zu bauen und langfristig – und das heisst eben: über Jahrtausende – technisch und militärisch zu sichern.

Demokratien im heutigen Sinn werden das mit Sicherheit nicht leisten können. Darum werden zwingenderweise «Atomstaaten» entstehen mit dem entsprechenden Überwachungs- und Repressionspotential. Jungk schrieb damals: «Wer den Ungeheuerlichkeiten, die der Eintritt in die Plutoniumzukunft mit sich bringen muss, nur mit kühlem Verstand, ohne Mitgefühl, Furcht und Erregung begegnet, wirkt an ihrer Verharmlosung mit. Es gibt Situationen, in denen die Kraft der Gefühle mithelfen muss, eine Entwicklung zu steuern und das zu verhindern, was nüchterne, aber falsche Berechnung in Gang gebracht hat.» Darum bin ich am 2. Juli 1977 nach Gösgen gegangen.

Alles kalter Kaffee, könnte man sagen: Jungk hat sich offensichtlich geirrt, es gibt keinen Atomstaat!

Ach ja? Was sind die 37 Jahre seit der Veröffentlichung seines Buches gemessen an 24'000 Jahren? Oder 48'000? Die im Moment lebenden Generationen profitieren davon, dass der werdende Atomstaat vorderhand noch mit Aufrüsten beschäftigt ist. Wer garantiert, dass nicht eines Tages eine Staatengemeinschaft, die nicht mehr zu unterscheiden sein wird von einer supranationalen Mafia der Plutoniumbesitzer, die Welt in Geiselhaft nehmen wird?

Das längerfristig grössere Problem ist, dass das AKW 1972 überhaupt hochgefahren wurde.

Fredi Lerch

Ein Bild statt viele Worte

Wenn ich an das Gespräch mit Jürg Joss zurückdenke, staune ich, mit wie viel Wissen und Rechercheaufwand AKW-kritische Leute einer jüngeren Generation die technoide PR der Atomindustrie argumentativ zu widerlegen versuchen. Klar soll man nicht verschweigen, dass der Atomausstieg «anfänglich Opfer fordern würde». Darauf hat Robert Jungk ja schon in der «Berner Zeitung» vom 16. August 1986 hingewiesen – Jahrzehnte, bevor sich der Bundesrat nach Fukushima gezwungen sah, die ideologische Worthülse der «Energiewende» zu lancieren, um zu signalisieren, dass etwas getan wird, ohne etwas zu tun (nämlich zum Beispiel Mühleberg stillzulegen).

Heute ist das kleinere Problem, dass der Uraltreaktor von Mühleberg nach 42 statt erst nach 47 Jahren vom Netz geht. Das längerfristig grössere ist, dass er 1972 überhaupt hochgefahren wurde.

***

PS. Als ich am 29. April nach der Mittagspause über den Viktoriaplatz ins Büro zurückgehe, studiere ich eben am Schluss dieses Kommentars herum. Da sehe ich ihn vor mir stehen: Neben dem Haupteingang der BKW steht Beatrice Simon, die kantonale Finanzdirektorin und Verwaltungsrätin des Konzerns, und telefoniert. Manchmal sagt ein Bild mehr als jede Pointe.


Die «Mühleberg vom Netz»-Initiative

Die Initiative «Mühleberg vom Netz» verlangt, dass der Artikel 35 der bernischen Verfassung von 1993 um einen vierten Absatz erweitert wird, der lautet: «Der Kanton, als Mehrheitsaktionär der BKW FMB Energie AG, sorgt für die sofortige Ausserbetriebnahme des AKW Mühleberg.» Diese Initiative ist 2011 unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima von einem parteiunabhängigen Komitee lanciert worden.

Die Argumente des Journal B-Gesprächspartners Jürg Joss finden Sie im «Bund» im kontradiktorischen Stresstest.