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Kompromisslerei oder Leuchtturm?

Der Mitwirkungsbericht zur Planung Viererfeld/Mittelfeld liegt vor: Der Gemeinderat spricht von einer «breiten Zustimmung». Ziel der neugegründeten IG Viererfeld Nature 2.0 allerdings ist: Das Areal bleibt vorderhand grün.

«Die grosse Mehrheit der Parteien und Organisationen begrüsst ein weiteres, moderates Bevölkerungswachstum und unterstützt das neue Stadtquartier und den Stadtteilpark», schreibt der Gemeinderat in seiner Medienmitteilung zum Mitwirkungsbericht Viererfeld/Mittelfeld vom 12. Februar 2014. Tatsächlich wird die Mitte November vorgelegte Planung von der SP und dem Grünen Bündnis bis zur FDP und zur SVP sowie von dreissig Organisationen und Firmen grundsätzlich unterstützt.

Abgelehnt wird sie allerdings ebenso grundsätzlich von der GPB-DA Luzius Theilers, vom Länggass-Leist, von der IG Äusseren Enge, vom Familiengartenverband Brückfeld-Äussere Enge und von der wachstumskritischen Gruppierung Décroissance Bern. Grundsätzlich ablehnend geäussert haben sich zudem rund vier Fünftel der 42 Privatpersonen, die sich an der Mitwirkung beteiligt haben.

Und: Am 12. Februar ist die Interessengemeinschaft Viererfeld Nature 2.0 gegründet worden. «2.0» deshalb, weil man multimedial und webbasiert einen zweiten Sieg gegen die Stadt anstrebt. Den ersten errang man 2004, als das Überbauungsprojekt «Viererfeld zum Wohnen» mit 51,7 Prozent Nein-Stimmen erfolgreich bekämpft worden ist.

Im Mitwirkungsverfahren stellten sich drei zentrale strategische Fragen.

1. Sind Sie mit den Wachstumsabsichten des Gemeinderats einverstanden?

In den Legislaturrichtlinien 2013-2016 der Stadtregierung findet sich im Abschnitt «Wohnungsbau fördern», der Hinweis: «Damit die Stadt weiter wachsen kann», erhalte bei der Stadtentwicklung unter anderem das Gebiet Viererfeld/Mittelfeld «besondere Aufmerksamkeit». Die grundsätzlich zustimmenden Parteien, Organisationen und Firmen tragen diese Wachstumsstrategie mit.

Der Kulturingenieur ETH und Landschaftsplaner Hans Weiss, langjähriger Geschäftsführer der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, hat an der Gründungsversammlung der IG Viererfeld Nature 2.0 teilgenommen und fragt sich grundsätzlich: «Wieso muss denn Bern weiter wachsen?» Er ist der Meinung, selbst wenn man diese Frage bejahe, seien Viererfeld und Mittelfeld der falsche Ort zum Bauen. «Die städtebauliche Bedeutung dieser Fläche ist die einer grünen Lunge. Sie ist ein einmaliges Ensemble von Landwirtschafts- und Erholungsraum, von offenem Feld und Alleen.» Statt «das Tafelsilber zu opfern», müsse dort gebaut werden, wo der wirtschaftliche Strukturwandel fortlaufend leere Büroflächen produziere. Gearbeitet werden müsse mit Umnutzungen und Verdichtungen, zum Beispiel in Ausserholligen.

2. Unterstützen Sie die Zielsetzungen der Planung Viererfeld/Mittelfeld?

Der Plan des Gemeinderats, auf dem Viererfeld und dem Mittelfeld eine neues, sozial durchmischtes Wohnquartier für rund 3000 Menschen entstehen zu lassen, ist bei den grundsätzlichen Befürwortern unbestritten. Umstritten sind bloss einzelne Aspekte der Planung. Wie gross zum Beispiel soll der Anteil des sozialen und gemeinnützigen Wohnungsbaus sein? Die SVP antwortet: höchstens 30 Prozent, die PDA fordert 100 Prozent. Oder: Wie viele Parkplätze pro Wohnung braucht es? Die Linksgrünen halten 0,5 Parkplätze im Viererfeld und 0,3 im Mittelfeld, wie es die Planung vorsieht, eher zu hoch. Die SVP fordert 1,0 und baut schon mal eine bürgerliche Drohkulisse auf. Ihre Mitwirkungsantwort endet mit dem Satz: «Im Fall der mehrheitlichen Nichtberücksichtigung unserer obgenannten Anliegen [müsste] die SVP der Stadt Bern Ihre Vorlage generell ablehnen.»

«Wir meinen, dass das vorliegende Projekt die Zukunft bereits hinter sich hat.»

Markus Ming

Der Ingenieur-Agronom Markus Ming, bereits Aktivist vor zehn Jahren gegen die damalige Überbauungsplanung, ärgert sich über dieses kurzsichtige realpolitische Feilschen. Zwar ist er nicht der Meinung, Viererfeld und Mittelfeld müssten auf alle Zeiten hinaus unüberbaut bleiben, aber: «Das Areal liegt in einmaliger Lage, und der Kulturlandverlust der letzten Jahrzehnte ist zu alarmierend, um hier eine Kompromiss-Überbauung hinzustellen, die schon heute zeitgemässem Wohnen nicht mehr entspricht. Wenn schon, soll eine Vision realisiert werden, ein Leuchtturm mit nationaler oder gar internationaler Ausstrahlung.» Bis die Zeit für ein solches Projekt reif sei, plädiert er dafür, das Areal grün zu belassen.

3. Sind Sie mit den wesentlichen Inhalten des städtebaulichen Konzepts einverstanden?

Die zustimmenden Parteien, Organisationen und Firmen unterstützen den Gemeinderat darin, dass das Viererfeld mit sechsgeschossigen Wohnblöcken, das Mittelfeld mit Hochhäusern überbaut werden und dass knapp die Hälfte des Areals für einen Quartierpark, Familiengärten und für ein Sportfeld genutzt werden soll. Weiterhin eine Option ist ein Hallenbad auf dem Mittelfeld.

Sowohl Weiss als auch Ming betonen dagegen, es sei richtig, das vorliegende Projekt abzulehnen und das Areal den nächsten Generationen unbebaut zu übergeben. Und zwar solange, bis ein nachhaltig zukunftsgerichtetes Projekt eine Chance erhält und ein neues Raumplanungsgesetz garantiert, dass für jede neu eingezonte Fläche in der Region eine qualitativ und quantitativ entsprechende ausgezont werden muss. «Wir sind nicht einfach Verhinderer», sagt Ming, «aber wir meinen, dass das vorliegende Projekt die Zukunft bereits hinter sich hat».

Derzeit liegt die Planung Viererfeld/Mittelfeld beim kantonalen Amt für Gemeinden und Raumordnung zur Vorprüfung. Der Gemeinderat geht weiterhin davon aus, dass sie der Stadtbevölkerung am 24. November 2014 zur Abstimmung vorgelegt werden kann.