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Holzkubus auf der Lorrainebrache

«Hier baut das Quartier», das Thema der diesjährigen Tour de Lorraine, war eine Kampfansage gegen den Bau teurer Wohnungen. Das Quartier will mitreden und mitgestalten, wenn es um neuen Wohnraum am Centralweg geht.

  • Die Brachlandschaft des Centralwegareals dient noch bis mitte April als Austellungsort zu diversen kostengünstigen Wohnbauformen. (Foto: Claudio de Capitani)
  • Der Holzkubus wird noch bis zum 18. April stehen bleiben und kann nicht nur von aussen begutachtet werden. (Foto: Claudio de Capitani)
  • Gemeinsam wurde auf die gelungene Umsetzung des kühnen Bauprojektes angestossen. (Foto: Lukas Blatter)

Mit Erfolg wehrten sich die Bewohnerinnen und Bewohner des Lorrainequartiers gegen die Baupläne der Stadt, die bis vor kurzem «Luxuswohnungen» auf das Centralwegareal hinstellen wollte. Als Zeichen des anhaltenden Protests gegen weitere Pläne wurde nun von Freiwilligen der Prototyp eines Wohnbaus auf der Brache aufgebaut, der – befristet auf drei Monate – als Zwischennutzung des Gebietes dient. Danach will die Stadt zum Spaten greifen.

«Auf diesem Areal sollten günstige Wohnungen entstehen, die zum Beispiel Migrantinnen und Migranten eine Wohnmöglichkeit bieten, denn gerade sie sind in den letzten Jahren aus dem Quartier verdrängt worden», sagt Sandra Ryf, Mitglied des Nachbarschaftskomitees, das sich noch immer gegen die Baupläne der Stadt sträubt. Es war ebendieses Komitee, das den Bau des temporären Projektes angestossen hatte.

Seit einigen Tagen schmückt der fertige Holzkubus die Brachlandschaft, zwei Wochen wurde an ihm gewerkelt. Am Freitag gegen 17 Uhr trafen sich rund dreissig Leute zur Aufrichtefeier am Centralweg, um den ersten Bau seiner Art gebührend einzuweihen.

Das Quartier packt mit an

Das Fundament hatte die Varium-Bau AG gratis zur Verfügung gestellt, Mitarbeiter der Genossenschaft Holz-Labor bauten den Prototyp unentgeltlich auf. «Wir unterstützen dieses Projekt aus eigenen Stücken, weil wir es sinnvoll finden, dass günstiger Wohnraum geschaffen wird», so einer der Mitarbeitenden. Dies tun sie auch aus Solidarität zu ihrem eigenen Arbeits- bzw. Wohnort.

Entworfen hat den aus Holz gezimmerte Raum der Architekt Huldreich Hug, der mit seinem Projekt den Kölner Architektur-Wettbewerb für tiefpreisiges Bauen (Rachel) gewann. Kriterien des Wettbewerbs waren unter anderem die Umweltverträglichkeit, die Energieeffizienz sowie der Preis.

«Die Idee dahinter ist es, weniger Energie zu verbrauchen», so Huldreich Hug. Die Energieversorgung soll autark sein. Zudem lassen sich die Wohnblöcke beliebig kombinieren, so dass es auch möglich sei, einen Gemeinschaftsraum zu schaffen. Der Kubus steht für eine günstige und nachhaltige Art zu bauen und zu wohnen. Ein einzelnes Wohnmodul soll dereinst für weniger als 25'000 Euro zu haben sein.

Das Wohnprojekt erfuhr starke Unterstützung aus dem Quartier. Die umliegenden Restaurants boten gratis oder vergünstigst Mittagessen an, Passanten und Anwohnerinnen blieben stehen und packten mit an oder informierten sich bei den aufgestellten Plakaten und im Wohnkubus selber. Ein Quartier, das sich gemeinsam für eine Idee einsetzt und diese durchzubringen versucht. Die Lorraine nimmt sich den Platz und entwickelt eine neue Form des Protests.

Anwohnende versammeln sich

Auch für Rebecka Domig, Medienverantwortliche der Tour de Lorraine, ist klar: «Die Stadtentwicklung ist ein aktuelles globales sowie lokales Problem.» Die diesjährige Tour de Lorraine widmete sich der Wohnbauthematik und konfrontierte Interessierte in Workshops und Filmen mit grundsätzlichen Fragen der Stadtentwicklung, etwa der Problematik der Gentrifizierung. Das Ziel war es, die Leute zum Denken anzuregen.

Am Samstag wurden jedoch nicht nur Workshops angeboten. Die Bewohnerinnen und Bewohner trafen sich ebenso zur Quartierversammlung in der Aula der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (GIBB), wo sich diese einen Überblick über die aktuelle Diskussion der Planung am Centralweg verschaffen konnten. Danach bot die Versammlung Raum für Ideenaustausch und Gruppengespräche.

Verschiedene Vorschläge wurden vorgestellt. Besonders der Wunsch nach billigem Wohnraum und nach öffentlicher Kollektivnutzung der Brache erhielt am meisten Stimmen in der abschliessenden Abstimmung. Aber auch der Vorschlag, die Fläche als Durchgangszentrum für Asylsuchende zu nutzen, fand grosse Zustimmung.

Aussichten fürs Quartier-Projekt

Doch auch weiterhin sagt das Lorraine Quartier Nein zur Gentrifizierung. Profitbringende Wohnblöcke sollten im Centralwegareal keinen Platz finden. An der nächsten Quartierversammlung am 22. Februar werden die Ideen weiterverfolgt und es wird über deren Umsetzung diskutiert. Das Interesse ist gross, etwas zu verändern, genauso wie das Engagement, sich dafür stark zu machen. In einem sind jedoch alle gleicher Meinung: Die Lorraine soll ein Quartier für alle sein – und auch in Zukunft bleiben.

Die Zukunft des Prototyps auf dem Centralwegareal indes ist ungewiss. Drei Monate darf er zur Zwischennutzung auf dem Gelände stehen bleiben, zusammen mit der Ausstellung über erschwinglichen Wohnbau. «Danach werden wir weitersehen», sagt Sandra Ryf. Die gesammelten Ideen der Quartierversammlung wolle man konkretisieren. «Dann geht es daran, diese gemeinsam durchzusetzen.» Ob man damit jedoch gegen die Pläne der Stadt ankomme, sei unklar.