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Journal B

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BKW verschweigt Reaktorabschaltung

Am 14. August kam es im AKW Mühleberg zu einer Schnellabschaltung. Erst am 2. Dezember ist diese Meldung in Bern angekommen. Für Mensch und Umwelt bestand keine Gefahr – jedenfalls ist das Gegenteil kaum mehr nachzuweisen.

Am 22. November hat das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI in der Rubrik «Vorkommnisse» seiner Homepage sehr diskret eine neue Meldung aufgeschaltet. Titel: «KKW Mühleberg: Reaktorabschaltung vom 14. August 2013 während Kritikalitätstest vor dem Brennelementwechsel».

Passiert sei Mitte August folgendes: «Nach dem Abfahren der Anlage zur Jahresrevision und vor dem Entladen des Reaktorkerns kam es bei einer Sequenz zu einer Reaktorschnellabschaltung aufgrund des Signals 'Neutronenfluss im Quellebereich hoch'.» Wie schätzungsweise 99,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung kann auch das Journal B nicht einschätzen, ob die so beschriebene Situation gefährlich war oder nicht.

Am 29. November hat ein Aktivist von «Fokus Anti-Atom» die Meldung entdeckt und tags darauf in einer Medienmitteilung bekannt gemacht. Diese Mitteilung hat die «SonntagsZeitung» als Grundlage genommen für einen kleinen Bericht, den der «Bund» am 2. Dezember in einem 15-zeiligen Einspalter zusammengefasst hat.

Warum hat man den Vorfall verschwiegen?

Fredi Lerch

Sogar wenn der Vorfall tatsächlich harmlos war, wäre es freundlich gewesen, man hätte die benachbarte Stadt Bern nicht erst dreieinhalb Monate später darüber informiert. Warum hat man ihn verschwiegen?

Neue Kommunikationspolitik. – «Bis zum Super-GAU in Fukushima (am 11. März 2011) wurden Schnellabschaltungen immer innert Tagesfrist als 'Vorkommnisse' vermeldet. Seit Fukushima hat das ENSI seine Politik geändert, Vorkommnisberichte werden erst nach Monaten aufgeschaltet», stellt Jürg Joss für «Fokus Anti-Atom» fest.

Ungünstiger Zeitpunkt (I). – Kaum ein Monat vor dieser Schnellabschaltung hatte das AKW Mühleberg zu Beginn der Sauregurkenzeit für eine Negativmeldung gesorgt, die schweizweit Wirbel verursacht hatte: Im Bielersee war radioaktives Cäsium 137 aus dem AKW nachgewiesen worden. Eine zweite Negativmeldung war nicht opportun.

Ungünstiger Zeitpunkt (II). – Das Ereignis vom 14. August sei, so die «SonntagsZeitung», «mitten in die heisse Phase» gefallen, «als im Spätsommer die BKW hinter den Kulissen über die mögliche Abschaltung des AKW Mühleberg bis 2019 diskutierte». Offenbar hatte damals niemand ein Interesse, wird damit insinuiert, den Druck auf die «Bernische Kraftwerke AG» zu erhöhen, mehr Sicherheitsnachrüstungen garantieren zu müssen.

Günstiger Zeitpunkt. – Aber warum wurde die Meldung gerade am 22. November aufgeschaltet? «Am Tag zuvor», sagt Jürg Joss, «hat das ENSI an einer Medienkonferenz bekannt gegeben, auf weitere, an sich nötige Sicherheitsnachrüstungen im AKW Mühleberg zu verzichten». Nach diesem Entscheid, der die letzten Mühlebergjahre für die BKW vergoldet, richtet die Veröffentlichung der Meldung nur einen minimalen Schaden an.

Es gibt in diesem Spiel Wichtigeres als das öffentliche Interesse nach Sicherheit.

Fredi Lerch

Lernen kann man aus dieser Episode: Es gibt in diesem Spiel Wichtigeres als das öffentliche Interesse nach Sicherheit. Und das war schon immer so: Als die Aktivisten von «Mühleberg stilllegen» 1986 um Mühleberg erhöhte Radioaktivität nachwiesen und dies öffentlich machten, wurden ihre Angaben zwei Wochen lang als falsch bestritten, bis sich die BKW bequemte, eine Filterpanne und den Austritt von Radioaktivität in die Atmosphäre zuzugeben.

Was würde eigentlich passieren, wenn sich in den verbleibenden AKW-Betriebsjahren, die wegen der Ermüdung des Materials die gefährlichsten sein werden, in Mühleberg ein nicht harmloses «Vorkommnis» ereignen würde? Müssten nicht auch dann die PR-Strategen von ENSI und BKW mit allen Mitteln versuchen, die Informierung der Öffentlichkeit so lange wie möglich hinauszuzögern, um die Negativ-PR und die finanziellen Folgen eines zugegebenen Unfalls möglicherweise doch noch verhindern zu können?

Manchmal kommt man beim Frühstück über einer 15-zeiligen Zeitungsmeldung ins Grübeln.