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Ein Angriff auf berufstätige Eltern

Die Umsetzung der Familieninitative würde die Berufstätigkeit von Eltern erschweren und somit die Familien finanziell schwächen. Das kann nicht das Ziel einer umsichtigen Politik sein.

Die Initiative, über die am 24. November abgestimmt wird, ist verführerisch: Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen, sollen eine Steuererleichterung erhalten. Gerade in Momenten, in denen es im Job nicht so rund läuft, wie ich es mir wünschte, stelle ich mir vor, wie viel schöner es wäre, mit meinem Kind zu Hause zu bleiben. Den ganzen Tag, die ganze Woche. Nur wir zwei.

Wahlfreiheit – ein Geschenk, das wir bewahren sollten

Ich bewundere Frauen und Männer, die ihre Kinder – oft sind es mehrere – Vollzeit selbst betreuen. Kinder erziehen ist ein anspruchsvoller und anstrengender Job. Es ist eine gute Entwicklung, wenn diese Aufgabe nach und nach mehr gesellschaftliche Anerkennung erhält. Und ich finde es schön, dass es junge Mütter und vereinzelt Väter gibt, die sich selbstbewusst als Mutter und Hausfrau bzw. als Vater und Hausmann bezeichnen. Ebenso richtig ist jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der Männer und Frauen einen Beruf ergreifen und diesen bei der Familiengründung beibehalten.

Dass Menschen hier und heute ihr Leben weitgehend selbst gestalten können, ist ein Geschenk, das wir ehren und für unsere Kinder bewahren sollten. Denn noch als meine Eltern jung waren, war dies keineswegs gegeben.

So sind sowohl mein Partner als auch ich froh, dass wir einen Beruf haben, den wir gerne ausüben. Es ist klar, dass nach einer langen Ausbildung, in die wir selbst aber auch der Staat viel Energie und Geld gesteckt haben, unser Können nicht einfach brach liegen und verblassen soll. Das wäre der Gesellschaft gegenüber nicht recht.

Geld, das anderswo eingespart werden muss

Wir sind aber ebenso froh, dass wir nicht um des Berufes willen auf ein Kind verzichten mussten. So können wir nebst der ganz persönlichen Bereicherung, die wir durch das Kind erfahren, der Gesellschaft etwas zurückgeben. Denn dies ist klar, die Gesellschaft braucht Kinder.

Mit der Familieninitiative wird die Berufstätigkeit von Eltern indirekt torpediert. 1,4 Milliarden Franken würde die Umsetzung der Familieninitiative Bund und Kantone kosten, wie Markus Brotschi  in seinem Leitartikel im «Bund» vom 14. November darlegt. Dieses Geld muss anderswo eingespart werden.

Es ist leider kaum anzunehmen, dass die bürgerlichen Parteien bereit wären, den Betrag bei den Militärausgaben einzusparen. Nur dies würde aber einer tatsächlichen Förderung und Wertschätzung von Familien entsprechen. Denn bei allen andern Einsparungen etwa in Bildung, Gesundheit, Sozialem, Verkehr oder Wirtschaft  ist die Familie in irgendeiner Form in Mitleidenschaft gezogen.

Tiefere Kaufkraft und tiefere Geburtenrate

Und tatsächlich spricht die Initiantin, wie Brotschi schreibt, bereits heute davon, dass die Initiative kostenneutral umgesetzt werden könne, wenn die aufgrund des Eigenbetreuungsabzugs fehlenden Steuereinnahmen durch einen tieferen Abzug für Fremdbetreuungskosten ausgeglichen würden. Allerdings sind die Kosten für Fremdbetreuung effektive Ausgaben einer Familie und sie helfen ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften. Dieses generiert dem Staat wiederum zusätzliche Steuern. Die Fremdbetreuungskosten sind also sogenannte Gestehungskosten, ähnlich den Abzügen für Arbeitskleider, auswärtige Verpflegung und Arbeitsweg.

Wird nun mit einem tieferen Fremdbetreuungsabzug die zusätzliche Berufstätigkeit erschwert und fördert der Staat mit dem Eigenbetreuungsabzug gleichzeitig das Ein-Verdiener-Modell, dann entgehen dem Staat nicht bloss die Steuereinnahmen durch Abzüge, sondern auch durch die tieferen Familieneinkommen, die entsprechend weniger Steuern einbringen. Dabei ist es selbstredend, dass der Eigenbetreuungsabzug nur Familien gewährt werden kann, in denen die Eltern zusammen nicht mehr als 100 Prozent berufstätig sind. Was der gesellschaftliche oder gar individuelle Nutzen davon sein könnte, will mir nicht klar werden.

Kein Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft

Dass eine tiefere Kaufkraft eine wirtschaftliche Negativspirale in Gang setzt, erkenne ich auch als wirtschaftlicher Laie. Ebenso, dass eine weiter sinkende Geburtenrate – man wird sich Kinder nicht mehr leisten können – nicht im Interesse eines Landes ist und schon gar nicht im Interesse einer Partei, die Einwanderung mit allen Mitteln bekämpft.

Unseren Kindern und Kindeskindern wird nämlich nichts Anderes übrig bleiben, als die Grenzen der Schweiz mit einer grosszügigen Einwanderungs- und Einbürgerungspolitik zu öffnen, um dem wirtschaftlichen Ruin zu entgehen und die Last der Kosten für uns Alten tragen zu können.

Nein, bei der Familieninitiative geht es nicht darum, Familien zu fördern. Es handelt sich nicht um einen konstruktiven Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft, wie die Initianten behaupten. Im Gegenteil: Die Familieninitiative schwächt die wirtschaftliche Grundlage der Familien und schwächt damit auf lange Sicht die Gesellschaft als solche.