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Nicht gegeneinander ausspielen

In der laufenden Session beschliesst der Grosse Rat, wie der kantonale Finanzhaushalt ins Gleichgewicht kommen soll. Die Finanzkommission will unter anderem die Lehrwerkstätten in der Felsenau schliessen.

Die Lehrwerkstätten Bern (LWB) sind vor 125 Jahren gegründet worden. Das Ziel war, gute Handwerker auszubilden. Mit der Entwicklung der Berufsausbildung wandelte sich der Charakter der LWB. In den 1980er-Jahren nannten sie sich stolz die «Akademie der Berufsbildung». Den Akademie-Gedanken führen die LWB weiter, indem sie zum Beispiel Sporttalenten ermöglichen, neben Training und Wettkämpfen einen handwerklichen Beruf zu erlernen.

Die LWB sind heute an zwei Standorten: In der Lorraine und in der Felsenau, wo sie vor ein paar Jahren eine neue Ausbildungsinfrastruktur bezogen. Diese soll nun geschlossen werden.

Auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingehen

Die LWB vereinen unter einem Dach in Vollzeit die berufspraktische Ausbildung, den berufskundlichen Unterricht sowie den allgemeinbildenden Unterricht der Lehrlinge und Lehrtöchter. Da die berufspraktische Ausbildung in einer Schule erfolgt und nicht in einem Gewerbebetrieb, bestehen mehr Möglichkeiten, auf die individuellen Bedürfnisse der Lernenden einzugehen. Dies dient sowohl den stärkeren Schülern wie den schwächeren.

Seit einiger Zeit nutzen die LWB ihre Möglichkeit besonders zur Förderung der schulisch eher schwachen Jugendlichen. Jährlich bieten sie 80 Ausbildungsplätze für die zweijährige berufliche Grundbildung an, die mit einem Attest abschliesst. Dies etwa als Schreinereipraktiker/in, als Mechanikpraktiker/in oder als Informatikpraktiker/in.

Eine Chance, die die meisten nutzen

Unter den Auszubildenden sind Jugendliche mit Behinderung, solche aus 10. Schuljahren, Motivationssemestern und anderen Zwischenlösungen und auch Junge, die sonst keine Lehrstelle finden.

Die LWB sind ihre Chance. Die meisten nutzen diese. Nahezu alle Absolventinnen und Absolventen finden eine Anstellung. Und mit der Anstellung Arbeit, Selbstwert, Stellung in unserer Gesellschaft, die sich so klar über die Arbeit definiert. So gesehen öffnen die LWB vielen Jugendlichen einen Weg in ein selbstbestimmtes Leben.

Nun beantragt die Finanzkommission dem Grossen Rat, anstelle von Sparmassnahmen bei Behinderten die LWB in der Felsenau zu schliessen.  Das erscheint problematisch: Zum einen träfe dies ebenfalls Menschen mit Behinderung, die in den LWB ausgebildet werden.

Spareffekt nur kurzfristig

Zum anderen wären die Leidtragenden junge Menschen, deren Start ins Berufsleben eindeutig erschwert würde. Denn etwa 40 bis 50 Jugendliche würden im Gewerbe keine Lehrstelle und auch anderswo nur schwer einen Ausbildungsplatz finden. Es braucht wenig  Phantasie sich vorzustellen, dass der kurzfristige Spareffekt sich mittel- und langfristig in den Sozialausgaben bemerkbar macht.

Fazit: Mit ihrem Antrag nimmt die Finanzkommission in Kauf, junge Menschen, die mit Schwierigkeiten kämpfen,  allein zu lassen. Das kann – finanzielle Strukturprobleme hin oder her – nicht der Sinn verantwortungsbewusster Budgetpolitik sein. In keinem Fall ist es eine «Lösung», Massnahmen zugunsten einer Gruppe benachteiligter Menschen gegen Massnahmen zugunsten einer anderen Gruppe auszuspielen. Dann müsste man ein Defizit in Kauf nehmen, daran ginge der Kanton Bern nicht unter. Oder die Motorfahrzeugsteuern wieder erhöhen.