Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Deutlich sichtbare Fäuste im Sack

Gaswerkareal

Eine Veranstaltung des Architekturforums Bern zeigt: Es gibt einen plausiblen Grund, warum auf dem Gaswerkareal die Losinger Marazzi AG Stadtplanung macht: Profitmaximierung dient auch dem Steuersubstrat.

Was die Planung auf dem Gaswerkareal anbetrifft, ist Berns rotgrüne Regierung drauf und dran, sich lächerlich zu machen. So viel ist klar nach der Fachveranstaltung «Greencity Manegg – Vorbild für die Planung Gaswerk?» Kein einziges Votum gab es, das das Vorgehen der Stadt, auf dem Gaswerkareal die Totalunternehmerin Losinger Marazzi AG federführend Stadtplanung machen zu lassen, gutgeheissen hätte (ausser einem, wir kommen gleich dazu). Und dies, obschon rund 120 Interessierte, grossenteils Fachleute, ins Kornhausforum gekommen sind.

Losinger Marazzi auf dem Zürcher Manegg-Areal

Vorab berichtete Andreas Wirz, Architekt und Vorstandsmitglied der «Wohnbaugenossenschaften Zürich», über das Zürcher Grossüberbauungsprojekt Manegg. Interessant sind die Parallelen zum Gaswerkareal: Auf einer der letzten grossen Industriebrachen der Stadt sollen mit einer Grossüberbauung Wohn-, Büro- und Gewerbeflächen realisiert werden; federführend auch dort: die Losinger Marazzi AG. Und interessant sind auch die Unterschiede: In Zürich ist es dank politischem Druck gelungen, dass 30 Prozent des Wohnanteils für gemeinnützige Wohnbauträger reserviert werden – und dies, obschon der Totalunternehmerin dort mehr als die Hälfte des Boden gehört. Unterdessen planen auf dem Manegg-Areal vier verschiedene Wohnbaugenossenschaften rund 230 Wohnungen. Eine Erfolgsgeschichte.

«Ein Leuchtturmprojekt» sei das trotzdem nicht, hat Wirz selbstkritisch ausgeführt. Die Genossenschaften dürften zwar drei Baufelder überbauen, aber weitergehend sei nicht erwünscht, dass sie bei der Gesamtplanung mitredeten: «Heutzutage baut eben kaum jemand Häuser, weil er ein Interesse hat an der Stadtentwicklung oder am Wohnungsbau. Häuser sind Vehikel, um Geld zu verdienen. Das macht viele Diskussionen schwierig oder überflüssig. Besser heisst immer: mehr Geld. Da stören soziale Aspekte bloss.»

Alles im Dienst des Steuersubstrats

Man kann also auch in Bern wissen: Über der Planung auf dem Gaswerkareal steht die Maxime: «Besser heisst immer: mehr Geld», rotgrüne Regierung hin oder her. In erfrischender Direktheit hat hierzu der Stadtwanderer auf dem Podium, Benedikt Loderer, das Nötige gesagt: «Ich kann Ihnen schon sagen, was Berns Regierung hier will: das Steuersubstrat der Stadt verbessern. Ende der Diskussion.» Anders: Je mehr und aufwendiger auf dem Gaswerkareal gebaut wird (Interesse des Totalunternehmers), desto mehr gute Steuerzahler werden dort wohnen, hofft die Stadtregierung. Darum überlässt sie gegen die Interessen der Quartiere, gegen fachliche und politische Einwände jenem Privaten die Planung, der dieses Interesse bedient. Dummerweise stimmt die Rechnung, dass Profitmaximierung das Steuersubstrat optimiere, nicht: Pro Hektare Boden generieren Breitenrain- oder Länggass-Quartier, wo Leute mit Lohnausweisen in Mietwohnungen leben, mehr Steuern, als das Kirchenfeldquartier. Aber alles kann die Stadtregierung auch nicht wissen.

Wie könnte man denn den Planungsprozess auf dem Gaswerkareal anders aufgleisen? Verena Berger, Co-Präsidentin des Schweizerischen Werkbunds, Ortsgruppe Bern, ging auf dem Podium davon aus, dass Bern faktisch über das ganze Areal verfüge (bei der EWB-Parzelle hat die Stadt das Vorkaufsrecht). Darum ist für sie klar: «Die Stadt müsste bei der Planung den Lead übernehmen. Es ist an der Stadt, eine Auslegeordnung zu machen, Kriterien und mögliche Baufelder zu definieren. Erst danach kommt der Wettbewerb, unter den Planenden und unter den Investoren. Durch das jetzige Vorgehen, Losinger Marazzi planen zu lassen, gerät die Stadt unter Druck.» Nämlich: Um nicht mit leeren Händen dazustehen, wird sie das Planungsergebnis der Totalunternehmerin voraussichtlich als Fait accompli akzeptieren.

Pro Hektare Boden generieren Breitenrain- oder Länggass-Quartier mehr Steuern, als das Kirchenfeld- quartier. Aber alles kann die Stadtregierung auch nicht wissen.

Fredi Lerch

Und noch etwas sagte Berger: «So wie ich die Regeln von Wettbewerb und Projektvergabungen verstehe, ist beim jetzigen Vorgehen die Losinger Marazzi AG 'vorbefasst', das heisst, bei späteren Wettbewerben nicht mehr zuzulassen.» Tatsächlich sagt der Artikel 24 der kantonalbernischen Verordnung über das öffentliche Beschaffungswesen: «Die AuftraggeberInnen schliessen AnbieterInnen von der Teilnahme am Verfahren aus, welche [a] an der Vorbereitung der Unterlagen oder des Vergabeverfahrens derart mitgewirkt haben, dass sie die Vergabe zu ihren Gunsten beeinflussen können [...].»

Am Schluss hat aus dem Publikum heraus der Stadtplaner Mark Werren das Wort ergriffen. Er hielt fest, es sei halt einfach ein «Fakt», dass er den Auftrag, bei der Planung auf dem Gaswerkareal «eine hoheitliche Rolle wahrzunehmen», nicht bekommen habe, und daraus müsse das Stadtplanungsamt nun eben das Beste machen. Im übrigen: «Ich möchte hier nicht auf das Gaswerkareal eintreten, die Planung dort gefällt mir auch nicht als Prozess.» Werrens offenherziger Auftritt hatte etwas Berührendes: Er sprach mit der Integrität eines Machtlosen, der der gleichen Meinung wäre wie alle anderen, wenn er bloss dürfte.

Ein fehlendes und ein überflüssiges Votum

Aus den Voten zu schliessen, war man sich einig: Was auf dem Gaswerkareal abgeht, ist daneben. Man sah sozusagen Dutzende von geballten Fäusten, die allerdings tief in den Taschen vergraben blieben. Ein bisschen gefehlt hat zum Beispiel ein Statement, das ungefähr so hätte lauten können: «Wir sind uns offenbar einig, und hier im Raum sind viele kluge Köpfe: Nein denken genügt nicht! Die Stadt mischelt auf dem Gaswerkareal mit einem Privaten, gut. Aber sind wir nicht auch Private, die etwas zu sagen haben, wenn es um öffentlichen, also unseren Boden geht? Warum bilden wir nicht ein Team, das mit Betroffenen und Interessierten eine alternative, ergebnisoffene Planung auf die Beine stellt? Und wenn die Stadt pfeift, um ihre Planung 'von oben' vorzustellen, veranstalten wir im Gaskessel oder in der Dampfzentrale ein kulturpolitisches Happening und stellen die Planung 'von unten' vor.» Oder so.

Schliesslich war ein Votum zwar überflüssig, möchte hier aber gern erwähnt sein. Es stammte vom einzigen, der solidarisch das rote Fähnchen des zuständigen Gemeinderats Alex Tschäppät hochhielt: vom grünen Nationalrat Alec von Graffenried, von Beruf Direktor Immobilienentwicklung Mitte bei der Losinger Marazzi AG. Kaum war die Diskussion für das Publikum offen, liess er sich das Mikrofon in die Hand drücken, stürmte mit sehr gesundem Selbstbewusstsein die Bühne und begann ungeniert, mit seinen Treuherzigkeiten für andere die Redezeit zu blockieren (bis ihm ein Veranstalter ziemlich deutlich signalisierte, es reiche).

Über das, was er sagte, sei der Schleier des Vergessens gelegt. Es war von jener latenten Peinlichkeit, die entsteht, wenn ein Lohnabhängiger meint, seinen Arbeitgeber gut aussehen lassen zu müssen. In gewissen Situationen wirkt Übereifer einfach kontraproduktiv.