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Journal B

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«Raumplanung kann nicht delegiert werden»

Gaswerkareal

Der Totalunternehmer Losinger Marazzi plant auf dem Gaswerkareal weiterhin federführend. Drei Berufsverbände von Architekten, Ingenieuren und Planern nehmen kritisch Stellung zu diesem Entscheid des Berner Gemeinderats.

Der Gemeinderat hat über das weitere Planungsvorgehen auf dem Gaswerkareal entschieden. Seither wissen die Quartierorganisationen, was bei dieser Planung unter «echter Partizipation» verstanden wird. Aussen vor bleiben Berns Architekten, Planer und Ingenieure. Was sagen sie, wenn man sie fragt?

Journal B hat Kontakt aufgenommen mit den Berner Sektionen von drei Schweizerischen Berufsverbänden: dem Bund Schweizerischer Architekten (BSA), dem Fachverband Schweizerischer Raumplaner (FSU) und dem Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverband (SIA). Alle drei Sektionsleitungen wurden gebeten, Stellung zu nehmen zu folgenden Aussagen aus dem Planungsbericht der Losinger Marazzi AG:

«Der Gemeinderat von Bern hat entschieden, auch in einer weiteren Planungsphase auf dem Gaswerkareal – jener der Testplanung – die Federführung beim EWB, das heisst operativ bei der Totalunternehmerin Losinger Marazzi AG zu belassen. Gleichzeitig setzt er die geltende Aareraumplanung von 2008 – wonach 'der Aareraum eine durchgehende Parklandschaft vom Flusslauf bis zur Hangkante' sei –, faktisch ausser Kraft und schlägt die Prüfung von Wohnungsbau 'in relevantem Mass' vor (bis zu 50000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche).»

BSA: «Politisch ungeschickt»

«Stossend an der Planung ist, dass die Initiative nicht von der Stadt aus kam, sondern von Seiten Investor und Generalplaner. Dementsprechend konnte die öffentliche Hand nur reagieren, aber nicht agieren. Dass die Losinger Marazzi AG heute federführend für die Testplanung ist, ist politisch ungeschickt. Der Entscheid und die Verantwortung dafür sind ganz klar beim Berner Gemeinderat.

«Der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft wird finanziellen Interessen untergeordnet.»

Oliver Schmid, BSA

Die strategische Stadtplanung muss durch das Stadtplanungsamt wahrgenommen werden können. Dafür muss ein entsprechendes Budget vorhanden sein, ansonsten ist es nicht verwunderlich, wenn private Trägerschaften die politisch produzierte Schwäche ausnutzen und dort akquirieren, wo reelle Gewinnaussichten bestehen.

Aufgabe der Regierungen und der Parlamente von Stadt und Kanton ist es, solche potentiellen Terrains zu orten und von sich aus die Themen zu setzen, Verantwortungen wahrzunehmen und zu verteidigen, so dass bestehende Raumplanungsentscheide nicht einfach über Bord geworfen werden. Raumplanung kann nicht delegiert werden. Wer sich das nicht hinter die Ohren schreibt, muss sich nicht verwundern, wenn der soziale Zusammenhalt der Gesellschaft finanziellen Interessen untergeordnet wird.»

(Oliver Schmid, Bund Schweizerischer Architekten, Obmann der Ortsgruppe Bern)

SIA: «Leitung muss in der Hand der Stadt liegen»

«Die Umstände zur Planung des Gaswerkareals sind hinlänglich bekannt. Die Randbedingungen bezüglich Eigentums und vor allem die Notwendigkeit der Sanierung sind auch nicht Neuland. So mutet es doch etwas eigenartig an, wenn die zuständigen Stellen heute von Dringlichkeiten sprechen und die Organisation der Planung scheinbar dieser Dringlichkeit untergeordnet wird.

«Die Stadt Bern sollte die öffentlichen Interessen klar verteidigen.»

Sara Montani, SIA

Nicht, dass die beauftragten Stellen diese Aufgabe nicht bewerkstelligen könnten – allerdings sollte die Stadt die öffentlichen Interessen klar verteidigen. Aus Sicht der Planerverbände muss die Leitung eines Projektes mit einer so einschneidenden Wirkung klar in der Hand der Stadt liegen und die Interessenabwägungen übergeordnet erfolgen.

Die finanziellen Interessen im Hinblick auf die Deckung der Kosten sind offensichtlich und das Bestreben, eine möglichst dichte Verbauweise zu erwirken, sind nicht von der Hand zu weisen.

Die Stadt soll und muss ihre Rolle als Wächter der öffentlichen Interessen wahrnehmen. Nur so gelingt es aus diesem für die Stadt so zentralen Bereich einen für alle Beteiligten wertvollen Raum optimal zu nutzen.

«Dafür sind stark besetzte Ämter notwendig, die über die nötigen Kapazitäten verfügen.»

Sara Montani, SIA

Dafür sind aber gut und stark besetzte Ämter notwendig, die über die notwendigen Kapazitäten verfügen. Nur so ist eine sinnvolle Stadtplanung überhaupt möglich.

Ein Resultat der zu heftigen Sparpolitik? Die Resultate werden es weisen. Fakt ist, dass Investoren sich die Kapazitäten und Kompetenzen für die Entwicklung von Projekten geben. Es liegt an der Stadt, im Sinne der Allgemeinheit die nötigen Ressourcen für eine gute und sinnvolle Stadtentwicklung bereitzustellen.»

(Sara Montani, Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverband, Präsidentin der Sektion Bern)

Weiter schreibt Kaja Keller, Co-Präsidentin des FSU Mittelland: «Der Vorstand des FSU Mittelland unterstützt die Stellungnahme des SIA betreffend Gaswerkareal.»

Wir bleiben dran!