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Das «Aus» wäre wohl endgültig

Der Sparvorschlag des Gemeinderats für 2024 sieht auch die Schliessung der Stadtgalerie vor. Was würde dies bedeuten? Gibt es weniger einschneidende Alternativen?

Die Stadtgalerie im PROGR. (Foto: Nicolas Eggen)

Von den 50 Millionen Franken, die der Gemeinderat der Stadt Bern 2024 einsparen will, entfallen 1,34 auf die Kulturförderung. 220‘000 Franken davon trägt nach Plan die Schliessung der Stadtgalerie bei.

Die Stadtgalerie ist 1967 gegründet worden. Sie bespielt mit wenig Stellenprozenten und einem kleinen Kredit für Ausstellungen und Veranstaltungen zwei mittelgrosse Räume im Parterre des PROGRs.

Ohne Stadtgalerie kein PROGR

Nach mehreren Stationen, unter anderem im Kellergewölbe des Alten Schlachthauses bis zur Hodlerstrasse 22 am Brückenkopf der Lorrainebrücke, hat die Stadtgalerie im PROGR ihren heutigen Ort gefunden. Ohne die damalige Leiterin Beate Engel gäbe es übrigens den PROGR nicht. Sie weibelte für das Zentrum für Kunstproduktion, die Abteilung Kulturelles bot ideellen Rückhalt, der Stadtpräsident finanzielle Unterstützung. Nach 17 Jahren im PROGR kann die Stadtgalerie für das Kunstmuseum, das sich ennet der Hodlerstrasse erweitern will, eine ideale Ergänzung sein.

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Mit der Stadtgalerie identifizieren sich die Kunstschaffenden. Sie ist ihr Ort, ähnlich wie es vor hundert Jahren die von ihnen gegründete Kunsthalle war. Die Stadtgalerie hat einen Status und – bei aller Offenheit – eine gewisse Offizialität. Sie steht in der Reihe mit dem ebenfalls städtisch betriebenen Helmhaus Zürich oder etwa dem Kunstraum Baden.

Bei aller Bescheidenheit der Mittel arbeiten die Kuratorinnen und Kuratoren der Stadtgalerie auf professionellem Niveau und kontinuierlich. Kontinuierlich auch an der Weiterentwicklung des Kuratierens. Off-Spaces kommen und gehen, private Kunstgalerien werden eröffnet und geschlossen (der Kunstkeller von Dorothe Freiburghaus war mit 44 Jahren die Ausnahme), die Stadtgalerie ist ein sicherer Wert, beharrlich und solid mit langem Atem. Deswegen kann sie eine Drehscheibe bilden, die die Hochschule der Künste, Galerien und Off Spaces sowie die Berner Kunsthalle und Kunstmuseen verbindet.

Sich erproben können

Die Stadtgalerie bietet Künstlerinnen und Künstler die Möglichkeit, sich zu erproben, ohne auf die Verkäuflichkeit der Werke und Installationen zu achten. Und ein Gütesiegel, denn die Stadt steht dahinter. Von der Mélange von Freiheit und Anerkennung profitierten zum Beispiel der inzwischen international bekannte Videokünstler Peter Aerschmann, der unlängst verstorbene Bernhard Huwiler oder Heinrich Gartentor, der hier die erste Gelegenheit bekam, sich als Künstler zu etablieren. Unvergessen der Gerüstturm von Ronny Hardliz 2007. Oder die beeinduckende Ausstellung der jungen Künstlerin Nina Rieben 2019. Etwa tausend Kunstschaffende konnten in 54 Jahren hier ausstellen. Sie hinterliessen – abgesehen von der Dokumentation ihrer Werke, Geschichten, Wünsche, Erfahrungen – eine immense Vielfalt von Kunst-Geschichten, die zu sammeln und nachzuerzählen sich lohnen würde, um für die Zukunft der Förderung zu lernen.

Ohne die Fördertätigkeit der anderen Kunstgalerien und der Off-Spaces in Bern im geringsten schmälern zu wollen: Die Stadtgalerie ist ein besonderes Sprungbrett in der Ausstellungslaufbahn einer Künstlerin oder eines Künstlers. Das Sprungbrett hat zahlreichen, heute längst anerkannten Künstlerinnen und Künstlern geholfen.

Nun soll 2024 das Sprungbrett abmontiert werden.

Anders sparen?

Wenn gespart werden soll, kann man dies negieren oder bekämpfen. Gewiss, die Kultur wird in Bern insgesamt nicht zu üppig gefördert. Doch darf man anderen Bereichen zumuten, wovon man sich selber ausnehmen möchte? Und ist ein Sparprogramm nicht immer auch eine Herausforderung, das Unentbehrliche vom weniger Wichtigen zu unterscheiden? Wo also könnte mit geringerem Schaden im Bereich der Kultur gespart werden als durch Opferung der Stadtgalerie? Woher 220‘000 Franken nehmen?

Natürlich fällt einem zuerst Konzert Theater Bern ein. Um 288‘000 Franken hat die Stadt ihre Subvention von 18,6 Millionen (von insgesamt 38,8 Millionen) pro Jahr ab 2019 erhöht. Oder eine kleine Kürzung bei der Dampfzentrale und dem Schlachthaus Theater, um die Stadtgalerie am Leben zu erhalten? Oder eine Reduktion des Kredits für den Ankauf zeitgenössischer Kunst? Oder …

Man merkt, einfach ist es nicht, Einrichtungen gegeneinander abzuwägen, die man allesamt nötig findet und deren Wirken man schätzt, bedeutet bald, sie gegeneinander auszuspielen und ihren Eigenarten nicht gerecht zu werden. Wenn eine davon – jetzt die Stadtgalerie – geopfert werden soll, klingt das gut: ein bewusster Schnitt, keine Sparerei mit dem Rasenmäher. Doch erscheint es auch grob: ein einseitiger Eingriff in ein fein austariertes Gesamtgebilde.

Ich füge eine weitere Einschätzung an: Wird die Stadtgalerie geschlossen, wird sie es lange bleiben. Mit etwas weniger Geld können viele Kultureinrichtungen schlecht und recht überleben, gerade wenn das Kulturleben nach Corona wieder zu blühen beginnt. Ohne Geld ist fertig. Ein Neubeginn würde dann überproportional viel Aufwand, Engagement, Überzeugungsarbeit erfordern. Deshalb: Ein paar tausend Franken abzwacken, wenn es sein muss, aber bitte keine Schliessung.