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Das leere Münster macht beweglich

600 Jahre sind seit dem Beginn des Münsterbaus verflossen. Auch wenn die Feierlichkeiten Corona zum Opfer fielen – die Restaurierung des Mittelschiffgewölbes (bis 2024) begann pünktlich. Sie bringt uns eine Installation der Handwerkskunst und – vorerst für kurze Zeit – ein Münster ohne Querbänke. Ein Erlebnis. Hingehen.

  • : Das freie Münsterschiff 2021 mit Arbeitsplattform für die Restaurierung (Foto: Kilian Bühlmann).
  • Das freie Münsterschiff 1993 (Foto: Dominique Uldry)
  • Das freie Münsterschiff 1993 (Foto: Dominique Uldry)

Auf den Tag genau vor 600 Jahren, am 11. März 1421, ist der Grundstein des Berner Münsters gelegt worden. Der Schulheiss, der Münsterbaumeister (Matthäus Ensinger), alle wussten, dass sie die Fertigstellung des Baus nicht erleben würden. Für Christophe v. Werdt, Präsident der Münster-Stiftung eindrücklich ist die damalige Überzeugung, das Vertrauen in Höheres, mit dem die Verantwortlichen ans Werk gingen.

Als 1528 die Reformation eingeführt wurde, der neue Glaube die Stadt lähmte und beschäftigte, wurde der Bau für zwei Generationen eingestellt. Das Mittelschiff war mit einem vorläufigen Dachstuhl aus kunterbunten Holzteilen gedeckt, eine unschöne Konstruktion.

1571 rief der Rat den in Basel tätigen Baumeister Daniel Heintz– Könner im Renaissancebau und Kenner der spätgotischen Architektur – und beauftragte ihn mit der Fertigstellung des Münsters. Nach zwei Jahren Vorbereitung – dies erzählt Jürg Schweizer, Präsident des Münsterbaukollegiums – begann Heintz mit der Errichtung einer hölzernen Plattform im Innern der Kirche und stützte sie auf Stangen am Boden ab. Von der Plattform aus vollendete er das Gewölbe mit Sandsteinrippen sowie Gewölbekappen aus Backsteinen mit Verputz, die bemalt und mittels Schablonen verziert würden. Über den Gewölberippen liegt eine Backsteindecke. Dies alles dauerte ein knappes Jahr.

Heute muss das Gewölbe ein weiteres Mal restauriert werden. Wie bei seiner Entstehung ist 14,5 Meter über dem Mittelschiff des Münsters ein Balkenboden eingezogen. Er liegt auf einer Metallkonstruktion, die zu filigran wirkt, um das Gewicht tragen zu können. Auf dem Holzboden arbeiten die Restauratorinnen und Restauratoren. Bis 2024 befreien sie die Fläche von mehr als 400 Quadratmetern mit kleinen Schwämmen vom Schmutz der letzten Jahrhunderte. Nicht in allem ist bereits klar, mit welcher Technik und welchen Werkzeugen, mit welchem Material und in welcher Arbeitsabfolge vorgegangen wird. Einiges wird zum ersten Mal gemacht. Das ist kein Wunder, erforschen doch Fachleute gleichzeitig, wie damals das Gewölbe aufgebaut worden ist, welche Bauelemente zuerst errichtet, welche später hinzugefügt wurden. Die Restaurierung ist das Gegenteil einer 08:15-Arbeit. Obwohl Erfahrungen aus der unlängst beendeten Restaurierung des «Himmlischen Hofs» über dem Münsterchor helfen, ist Vieles erst zu erkunden, zu erforschen, zu erproben. Viele Disziplinen der Architektur- und Baugeschichte, der Restaurierungstechnik und letztlich der Planung so anspruchsvoller Vorhaben werden erheblich hinzulernen. Man wird über das Münster, die spätgotische Bautechnik insgesamt mehr wissen.

Und wir? Vier Gewinne

Und was hat dies mit uns gewöhnlichen Menschen zu tun? Wir bezahlen es. Wir können es mitverfolgen. Wir haben ab heute den Blick frei auf die Arbeitsplattform. Und wir dürfen zumindest während ein paar Wochen das Münster «frei» erleben. Der Reihe nach.

Fachleute geben drei Jahre lang ihr Bestes, um das Gewölbe für weitere hundert Jahre zu erhalten, Forscherinnen und Forscher ergründen technische, geschichtliche Fragen, die Münsterbauhütte dokumentiert alles fein säuberlich, um die Erkenntnisse in die Ausbildung weiterer Fachleute und in die Restaurierung all der weiteren gotischen Kathedralen in Europa einfliessen zu lassen. Wir zahlen mit unseren Steuern eine wert- und sinnvolle Tätigkeit, die grosse Zeugen unserer Kultur und unserer Identität lebendig erhält.

Während der Restaurierung wird es im Münster kleine Ausstellungen zu verschiedenen Themen geben, auch zu angewandten Baufragen. Das Stadtarchiv bereitet diese vor. Es wird aber auch Führungen im Münster und bis hinauf zur Plattform geben.

Diese temporäre Plattform, im Dienst der Erhaltung eines Baudenkmals, ist an sich ein Kunstwerk. Von Metallstreben getragen, die sich auf Ecksteine stützen, die bei der letzten Restaurierung Anfang des 20. Jahrhunderts dafür ausgehauen wurden, wirkt sie, als ob es sie immer gegeben hätte und ewig weiter gäbe. Sie ist filigran, von unauffälliger Eleganz, eine minimale Skulptur aus Stahl und Holz. – Auch die Plattform hat ihre Geschichte. Die Firma Peter Holzbau aus Blumenstein hat innerhalb von sechs Wochen aus dem Münsterschiff eine Baustelle gemacht, um die Plattform, von der viele Teile in der Werkstatt gefertigt worden waren, auf den Millimeter genau aufzubauen, zusammenzufügen, von aussen zugänglich zu machen und so zu hinterlassen, wie wenn sie ohne menschliche Eingriffe entstanden wäre. Das ist eine Meisterleistung der Handwerkskunst. Und eine Meisterleistung der Planung und Logistik im Zusammenspiel von Münsterbaumeisterin Annette Löffel, der Münsterbauhütte, des Statikers Silvan Feller on Hartenbach&Wenger AG, der Firma HOMAG sowie Peter Holzbau.

Die Baustelle auf dem Münsterboden ist weg und die dafür entfernten Kirchenbänke, das dunkle Quergestühl sind noch nicht wieder montiert. Das soll so bleiben bis Ende März/Anfang April. Ein paar Tage also ist das Münster «frei», weitgehend unmöbliert, lassen sich das Mittelschiff und der ganze Ort erleben wie sie zur Zeit der Reformation waren. Ein Wunder!

Wie lange? Elisabeth Kälin, Präsidentin der Betriebskommission des Münsters, freut sich. Das leere Münster ermögliche es, den gotischen Raum zu erleben, das leere Münster mache beweglich. Es gelte indes abzuwägen zwischen dem praktischen Nutzen der festen Kippbänke für die Vielzahl unterschiedlicher Veranstaltungen und dem oftmaligen neu Einrichten mit Einzelstühlen. Affaire à suivre.

Aufgeschobene Jubiläumsfeiern

Eigentlich hätten die für das Münster verantwortlichen vielen Instanzen vier Tage lang der 600 Jahre seit der Grundsteinlegung gedenken wollen. Corona kam dazwischen.

Gar nichts geschieht dennoch nicht: Heute um 15 Uhr spielt Sigrist Felix Gerber ein dynamisches Glockengeläut nach einer Komposition von Münsterorganist Daniel Glaus; zu hören auf dem Münsterplatz. Bereits aufgeschaltet hat das Stadtarchiv das Schuldbuch von St. Vinzenz (eine Art Spendenverzeichnis für das Münster) mit einer handschriftennahen Lesefassung digital. Und im Sommer wird es im Park des Historischen Museums eine Münsterbauhütte im Kleinen geben. In einem Jahr wird offiziell gefeiert werden. Und wirklich Freude herrscht, wenn Ende 2024 die Restaurierungsarbeiten am Gewölbe über dem Mittelschiff abgeschlossen sein werden.

Man darf träumen, dass dann die Offenheit dazu geführt haben wird, das Münster in Bewegung zu halten. Und uns den Freiraum zu eröffnen, den der von Bänken freie Münsterraum bedeutet.