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Sie haben Fyduz

Da die Kunst-Galerien nun auch geschlossen sind erprobt da Mihi mit der Künstlerin Victorine Müller am kommenden Sonntag ein neues Format, digital und interaktiv. Hoffentlich gelingt der Versuch.

Victorine Müller: LING in Illiswil.

«Fyduz haben» heisst nach dem berndeutschen Wörterbuch von Otto von Greyerz und Ruth Bietenhard: Lust haben auf etwas. Fyduz kann man Barbara Marbot und Hans Ryser, dem Team der Galerie da Mihi, attestieren. Sie bieten am kommenden Sonntag ab 17:15 in der hereinbrechenden Dämmerung eine halbstündige Performance der Künstlerin Victorine Müller.

Wie muss man sich dies vorstellen? Die Künstlerin performt in Illiswil bei Bern auf einem Bio-Bauernhof. Sie tut es im Innern einer Plastik aus Plastic, einer aufblasbaren Haut, die aussieht wie eine Wolke mit zwei Flügeln. Das Kunstwesen heisst LING. Dieses Gebilde, die ländlich-bäuerliche Umgebung und die Künstlerin im schwindenden Licht des Tages – das ist die Performance, das Kunstwerk in der Bewegung des Windes, der Zeit, der abnehmenden Helligkeit. Wir können es ungefähr 30 Minuten lang anschauen.

Ein aufwendiger Versuch

Wie geht das? Die Performance wird gefilmt und via Instagram übertragen. In die Übertragung werden die Zuschauerinnen und Zuschauer via Zoom vor ihren Bildschirmen eingeblendet. Diese haben die Möglichkeit, sich untereinander per Chat auszutauschen. Für eine Stunde kann, wenn man sich darauf einlässt, durch digitale Mittel und die Interaktion der Teilnehmenden ein Gemeinschaftsgefühl entstehen.

Und wie nimmt man teil? Indem man sich einloggt über Links, die ab Mittwoch auf der Website www.damihi.com mitgeteilt werden. Wer es sich nicht so recht zutraut, der oder dem wird geholfen über eine Telefon-Hotline (031 332 11 90).

Die Performance ist ein Versuch, die wegen COVID-19 geschlossene Ausstellung von Victorine Müller «kein Elefant im Raum» kurzzeitig zu öffnen. Kunst-Galerien durften bis Mitte Januar geöffnet bleiben, weil sie – anders als Museen – den Läden gleichgestellt wurden. Seit nun auch diese geschlossen wurden, sind die Galerien zu. Da muss man Neues versuchen.

Der Versuch von da Mihi ist aufwendig: Einschliesslich der Künstlerin wirken 10 Personen mit, die 3 Internetkanäle bedienen. Viel Aufwand, technisch, organisatorisch, finanziell – und kein pekuniärer Ertrag. Das braucht Fyduz.

Kein Galeriensterben

Im «Bund»-Interview hat unlängst Bernhard Bischoff, Geschäftsführer im Auktionshaus Kornfeld und selbst Galerist im PROGR, befürchtet, es komme zu einem grossen Galeriensterben und erklärt: «Das ist verheerend, weil die Kunstschaffenden hier dann keine Ausstellungs-, Vermittlungs- und Verkaufsmöglichkeiten mehr haben.» Bernhard Bischoff hat aus meiner Sicht Recht und Unrecht. Ja, für die Künstlerinnen und Künstler ist die Schliessung von Galerien ein grosses Unglück, ein grosser Schaden. Aber Nein: Zum Galeriensterben dürfte es zumindest in Bern nicht kommen, denn die meisten Galeristinnen und Galeristen betreiben ihre Galerie nicht aus kommerziellem Interesse – wie es oft heisst –  sondern aus Lust und Leidenschaft und Freude an der Kunst. Zum Glück und im Interesse von uns allen. 

 

Bildlegende: Victorine Müller: LING in Illiswil.