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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Ein Transformationsprojekt für Bern

Wenn Kunst drinnen verboten ist, warum treten Künstler*innen nicht draussen auf? In der Stadt gibt es Orte genug, wo dies unter Einhaltung der Schutzregeln geht. Daraus liesse sich ein gemeinsames Transformationsprojekt machen – für Kunst im Zeichen von Corona.

Wie es auch anders gehen könnte

«Lasst uns spielen!» fordern viele Kulturinstitutionen und Kulturschaffende der Freien Szene im Lockdown unter Verweis auf Schutzkonzepte, die sich bewährt hätten. «Bleibt möglichst zu Hause» mahnen Bundesrat, Kantonsregierung und zahlreiche Expert*innen, um die Zahl zwischenmenschlicher Kontakte drastisch zu reduzieren und senken die zulässige Belegung von Räumen oder schliessen diese ganz. Nicht wenige Kulturschaffende und Medienleute finden, die Behörden schätzten Kunst und Kultur gering. Für die Behörden ist dieser Vorwurf schwer verständlich, denn sie achten Kunst und Kultur hoch und federn gerade in diesem Bereich wirtschaftliche Folgen deutlich ab.

Muss es beim Entweder-Oder bleiben? Gibt es ein Sowohl-Als auch? Eine Überlegung ab sofort bis auf Weiteres:

 

  • •Draussen gelten lockerere Regeln als drinnen. Der Bundesrat lässt Versammlungen im Freien mit bis zu 15 Personen zu.
  • • In der Stadt Bern gibt es zahlreiche Plätze und Orte, wo solche Versammlungen mit genügend Abstand möglich sind, vom  Bundesplatz bis zum Rathausplatz, vom Schosshaldenfriedhof bis zum Park des Historischen Museums, vom Schänzli bis zum Innenhof des Generationenhauses oder des PROGRs. Das Polizeiinspektorat und der Gesundheitsdienst können die Orte und Plätze ausmessen und markieren.
  • • Für eine minimale Ausstattung der Kulturorte mit der erforderlichen Infrastruktur für Auftritte und Projektionen stehen die Depots der Event-Agenturen voll. Bei Bedarf könnte Konzert Theater Bern und weitere Institutionen aushelfen.
  • • Jeden so markierten und eingerichteten Ort können Kulturschaffende gratis nutzen, grundsätzlich während des ganzen Tages bis zur Sperrstunde der Restaurants.
  • • Die Kulturnutzung umfasst alles, was unter diesen Umständen geht: Von der Rezitation eines Gedichts, einer Ballade, zur Aufführung des Hamlet-Monologs, einer Lesung aus Ulysses, einem Tanzstück, dem kleinen Konzert eines Musikensembles jeglicher Richtung bis zu Theaterszenen. Wenn wir weiterdenken sind auch Kabinett-Ausstellungen von wetterfesten Reproduktionen zum Beispiel an den Plakatständern denkbar, die jetzt vor den Stadtratswahlen herumstehen. Die Aufführungen werden sinnvollerweise auf eine halbe Stunde begrenzt, das Publikum steht ja draussen bei Wind und Wetter oder bringt ein Klappsitzlein mit.
  • • Damit die Kulturschaffenden sich nicht in die Quere kommen, braucht es ein Reservationssystem, um die Darbietung einzutragen. Das System dient auch als Veranstaltungskalender, wo man sich informieren kann, was wann wo los ist. Könnte dies die Berner Kulturagenda übernehmen?
  • • Natürlich ist eine zentrale Stelle nötig, welche die Kulturorte betreibt und unterhält. Könnte nicht Konzert Theater Bern (KTB), die am stärksten subventionierte Kulturinstitution dies im Rahmen der ansonsten ja weitgehend brachliegenden Leistungsvereinbarung übernehmen? Und im Übrigen, falls es nicht schon geschieht, könnte KTB auch Proberäume und Werkstätten zur Verfügung stellen.
  • • Wer bildet die zentrale Stelle? KTB oder Bekult, die Organisation der KulturveranstalterInnen, die Berner Kulturagenda oder sonst eine mutige, energische Organisation – dazu kann niemand gezwungen werden. Bei den lauten Rufen nach «Lasst uns!» sollte die Suche rasch erfolgreich sein.
  • • Wenn es Geld braucht für Gagen und Weiteres, haben möglicherweise die grossen Häuser Beträge frei, die sie derzeit nicht anders einsetzen können. Sollte es mehr kosten – das halte ich für unwahrscheinlich – gibt es in der Covid-19-Kulturverordnung des Bundesrats und der entsprechenden kantonalen Rechtsgrundlage die Möglichkeit der Unterstützung von «Transformationsprojekten». Was genau das ist, weiss noch niemand genau; sicher geht es um die Verwandlung des kulturellen Produzierens unter den Anforderungen der Pandemie. Transformations-Finanzhilfen decken bis zu 60% eines Projekts und höchstens 300‘000 Franken pro Kulturunternehmen. Die ganze Stadt Bern als ein einziges Transformationsvorhaben, wäre das nicht verlockend?
 

Potenzial der Kunst

Soweit die Überlegung. Ihr Sinn: Wenn die Leute nicht zur Kunst kommen können, kommt die Kunst zu den Leuten, aus ihren Räumen und Hallen hinaus auf die Plätze an die freie Luft. Je wichtiger man Kunst als Lebenselixier nimmt, desto mehr Wandel ist ihr zuzumuten – und zuzutrauen. Ohnehin erwarten wir von der Kunst neue Blicke, Gedanken, Zugänge. Voilà. Und neu an einer solchen Transformation wäre nicht lediglich die Art, Inhalte zu präsentieren, sondern die Einübung in die Zusammenarbeit über Sparten-, über Häusergrenzen hinweg. Vereint sind wir stark, ist das Motto.

Eine Utopie? Ja, wenn wir auf die Szene heute blicken. Nein, wenn wir ihr Potenzial ermessen. Und wem trauen wir eine Utopie zu, wenn nicht der Kunst, den Künstlerinnen und Künstlern?