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Soziale Innovation

Wenn am Stadttheater getanzt wird, tanzen vor den Bildschirmen zuhause Senior*innen mit. Konzert Theater Bern bietet mit dem Tanzklub «Seniorstars» ein kreatives Bewegungsprojekt für ältere Semester an.

Bei den letztjährigen Durchführungen fand der Tanzklub noch ohne Abstand statt. Heute läuft auch dieser über zoom. (Foto: Nathalie Jufer)

Die Unterrichtsform ist unerwartet für eine Tanzgruppe. Aktuell vermittelt Konzert Theater Bern über die Videoplattform Zoom einen Tanzkurs, der sich speziell an Seniorinnen und Senioren richtet. Dieser orientiert sich im laufenden Halbjahr inhaltlich am Spielplan der Tanzcompagnie Konzert Theater Bern. Dort wird momentan La Divina Comedia von Dante Aligheri geprobt. Die Choreografie dazu stammt von Estefania Miranda.

Einmal wöchentlich treffen sich die Kursteilnehmenden des Tanzklubs vor ihren Bildschirmen um unter der Leitung von Clare Guss-West und Carla Winkelmann kreative Bewegung auszuleben. Die Virtualität des Unterrichts verunmögliche zwar einige Elemente, wie die Möglichkeit zur räumlichen Orientierung und den Fokus auf die Reaktionszeit, erklärt Guss-West. «Wir fokussieren uns deshalb auf das Bewegungsvokabular, das Estefania Miranda in ihrer Choreografie verwendet», fährt sie fort.

Auch werden im Seniorstars Tanzklub dieselben musikalischen Genres wie bei der Inszenierung am Stadttheater verwendet. Als Zugang zu Dantes Gedicht benutzt Guss-West die dramatischen Illustrationen und Malereien von William Blake und Gustav Doré. «Jede Probe von uns ist eine Reise von der Erde durch die Hölle zum Himmel», sagt Guss-West, «so dass wir die Aspekte des Gedichts und Estefania Mirandas Choreographie erfahren können.»

Zentrales Element im ganzen Tanzprojekt ist die Verbindung von Tanzen, Gesundheit und Wohlbefinden. Guss-West ist Direktorin der niederländischen «Dance & Creative Wellness Foundation» und kennt sich bestens aus mit solchen Themen. Die Gestaltung des Unterrichts beruhe auf Ergebnissen der Gesundheitsforschung und ziele darauf ab, körperliches und mentales Wohlbefinden zu fördern, erläutert Guss-West. Die ehemalige professionelle Tänzerin ist überzeugt, dass ein Projekt wie der Tanzklub für Senior*innen insbesondere in einer alternden Gesellschaft einen wichtigen Beitrag leisten kann.

Technikscheu scheinen die Hobbytänzer*innen des Seniorstars Tanzklub auf jeden Fall nicht zu sein. Sie sei positiv überrascht über diesen Vermittlungsweg, lässt eine Teilnehmerin verlauten: «Ich dachte, dass es vielleicht lang und etwas langweilig wird, muss aber gestehen, dass es nicht der Fall ist.» Angeboten wird das Tanzprojekt von Konzert Theater Bern zusammen mit dem Institut für Sportwissenschaft (ISPW) der Universität Bern.

Andrea Schärli, die Fachleiterin Tanz des ISPW, ist als Projektleiterin beim Seniorstars Tanzklub dabei. Gefragt nach der Verbindung zwischen Tanz und Gesundheit im Alter antwortet sie: «Verschiedene Studien zeigen, dass im Alter die exekutiven Funktionen abnehmen. Dazu gehört etwa die Fähigkeit fürs Dual-Tasking, deswegen können Stürze passieren. Tanzen ist eine optimal Form des Trainings, wo nicht nur Muskelkraft und Gelenkigkeit trainiert werden, sondern auch kognitive Prozesse.»

Für den Unterricht sei zudem zentral dass auch angepasste Übungen möglich sind, so dass jemand auch im Sitzen mittanzen kann. «Die Lehrperson muss während der ganzen Stunde sehr aufmerksam sein und alle Teilnehmenden gut beobachten», betont Andrea Schärli. Übermorgen, am Samstagabend, hätten die Senior*innen, die sich seit einigen Wochen mit Mirandas Choreografie und Dantes Gedicht auseinandersetzen, die Vorstellung am Stadttheater besuchen wollen. Dies fällt nun vorerst ins Wasser, da alle Aufführungen bis und mit 23. November abgesagt werden mussten. Schade, denn wie Guss-West meint: «Auch wenn wir Objekte aus der Originalchoreografie für unseren Unterricht adaptieren, so bleiben sie doch erkennbar für die Senior*innen, in dem Moment, wenn sie sie bei der Performance auf der Bühne sehen.»