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Literatur und Arbeit

Vom 25.-30. August richtet ein Verein mit praktischer und finanzieller Unterstützung vieler das 8. Berner Literaturfest aus in der Bundesstadt und an weiteren Orten im Kanton. Man trifft sich wieder um zuzuhören und zu diskutieren. Literatur gehört zum Leben. Grossformatige Fotos im Programmheft zeigen, dass dies auch für harte körperliche Arbeit gilt.

Der Umbau der Marzilibrücke, wie er im Programmheft abgebildet ist.

Heute Abend beginnt im Kornhausforum das Berner Literaturfest, live, Corona zum Trotz. «Die Literatur ist da, wenn man sie braucht», erklärt der organisierende Verein. Kleingedruckt figuriert im Programmheft das Schutzkonzept mit Abstand, Maske, Desinfektionsmittel, Registrierpflicht für Innenräume und immerhin auch einer Anweisung für «Spontanentschlossene».

Abendanlässe

Ein nahrhaftes grünes Heft erschliesst das Programm. Es beginnt am Dienstagabend mit Peter Schneiders Einstimmung in Vivaldis Leben und dessen Musik, die Studierende der Hochschule der Künste spielen.

Der Mittwochabend ist Reportagen gewidmet. Am Donnerstag reden die Basler Geschlechterforscherin und Soziologin Franziska Schutzbach und Klaus Theweleit, Autor der legendären «Männerphantasien», über die Hintergründe von Aggressionen gegen Frauen. Später geht es um «Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten» – wobei Idiot den Eigensinnigen, Eigenständigen, Unbeirrten meint. 

Am Freitag führt Reto Sorg, Leiter des Walser-Zentrums, ein Gespräch mit Judith Hermann («Sommerhaus, später» hiess ihr durchschlagender Erstling). Gleichentags finden auch in Biel, Burgdorf, Köniz, Langnau, Meikirch, Münsingen und Schwarzenburg Veranstaltungen statt.

Vielfalt am Wochenende

Der Samstag bietet Kindern und Erwachsenen viel: tagsüber Lesungen, Gespräche und Diskussionen bis in den späten Nachmittag mit gegen 30 Autor*innen. Am Abend stellt Melinda Nadj Abonji den Zürcher Fotografen Ernst Koehli (1913-1983) vor, den «Chronisten der sozialen Schweiz», dessen Fotografien 1933-1952 kürzlich im Verlag HierundJetzt erschienen sind. Die Schauspielerin Angela Winkler (Hauptfigur in der Böll-Verfilmung «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» 1975) liest aus ihren autobiographischen Skizzen. Ariane von Graffenried und Robert Aeberhard, Fitzgerald & Rimini mit Band geben ein Konzert.

Das Festival klingt aus am Sonntag mit Melinda Nadj Abondji, Lukas Bärfuss und Raphael Urweider, die «Dunkelkammern» präsentieren, Geschichten vom Entstehen und Verschwinden.

Wer baute das siebentorige Theben?

Auffällig im Programmheft sind zehn grossformatige Schwarz-Weiss-Fotografien. Sie bilden Strassenarbeiten, Brückenbau, das Einsammeln von Kehricht ab in Bern in den Jahren 1897 bis 1928. Sie zeigen Arbeiter, eine Arbeiterin, Flaneure, staunende Kinder. Sie bezeugen die Systemrelevanz des harten Schaffens und erweisen denen die Ehre, die das Werk tun, getreu Brechts «Fragen eines lesenden Arbeiters»: «Wer baute das siebentorige Theben? / In den Büchern stehen die Namen von Königen. / Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?»

Leider findet der Lesende, Arbeiter oder nicht, im Heft keinen Hinweis auf das Warum und Wozu der Fotos. So bleibt das Rätseln: Sie stehen für die Baustellen unserer Gesellschaft, deren Wichtigkeit die fortdauernde Krise so deutlich zeigt. Nicht für geistige Eskapaden, sondern für körperlichen Einsatz. «Die Literatur ist da, wenn man sie braucht», versprechen die Organisator*innen. Das Gleiche gilt für die harte Arbeit. Nur widmet dieser kaum jemals jemand ein Fest.

www.berner-literaturfest.ch