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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Hat Sprache am Ende etwas mit Kunst zu tun?

«Geschichten im Vorübergehen» heisst Jürgen Theobaldys neues Buch. In 68 Kurzgeschichten entwirft der Autor ein faszinierendes Sprachfeld, in dem Bern – vom Bundeshaus bis zum Zehnerbus – die Ehre hat, Kulisse zu sein. 

Nicht alle müssen besitzen, damit es ihnen gehört: In seinem neuen Buch gehört Bern Jürgen Theobaldy. (Foto: Fredi Lerch)

Jürgen Theobaldys neue Kurzgeschichten sind solche, über die man in Bern stolpern kann. Zwar ist man lesend auch kurz einmal in Heidelberg, in Mannheim und in Berlin-Charlottenburg unterwegs – anderen Stationen im Leben des Autors –, aber vor allem bildet Bern die Kulisse für die 68 «Geschichten im Vorübergehen».

Dass Bern zu dieser Kulissen-Ehre kommt, ist nicht selbstverständlich. 1968 war Theobaldy (* 1944) Mitglied des «Sozialistischen Deutschen Studentenbunds» und ein profilierter Junglyriker in der BRD. Aber 1984 zog er aus privaten Gründen in die Schweiz, und bald darauf begann er im Bundeshaus zu arbeiten. 22 Jahre lang schrieb er Protokolle für national- und ständerätliche Kommissionen. Als er pensioniert wurde, verabschiedete man ihn mit Applaus. Er ging «winkend» aus dem Ratssaal und kommentierte seine Geste später so: «Etwas musste man ja machen.» («Bund», 17.11.2010)

Bern oder darüber hinaus

In seinem Leben hat Theobaldy neben einem Dutzend Gedichtbänden zum Beispiel fünf Romane gemacht und ist unterdessen in Bern soweit zum Einheimischen geworden, dass er schreibt: «Ans Fenster getreten, atme ich die nächtlich feuchte Luft der Bundesstadt, wo ich die Sprache auf den Strassen und Gassen, in den Kauf- und Wirtshäusern seit Jahren besser verstehe als spreche und wo ich allmählich zum Anwärter auf ein Plätzchen in einem ihrer weit angelegten Friedhöfe zu werden drohe.» Ein Eingeborener wird er deswegen nicht: Am Schluss des Buches setzt er sich in Wettingen in die S12, und als der Zug anfährt, geht für ihn die Reise «westwärts, in Richtung Bern oder darüber hinaus.»

Theobaldy hat den Blick des Aussenstehenden behalten und sieht das Volk der Eingeborenen mit sanfter Ironie: Bei Gelegenheit eines Symphoniekonzerts bemerkt er, das Parkett im Konzertsaal sei einer «der seltenen Orte im Kanton, wo die schweigende Mehrheit auch die vermögende Mehrheit ist». Er selber sitzt oben in der Galerie als «einer der wenigen, die nicht zu den Kennern gehören, ein älterer Herr, der seine Jugend gelebt und zum Glück nicht mit vollen Händen vergeudet hat». 

Mit seinen Geschichten hat Theobaldy jedoch weder selbstgefällig-autobiografische Altherrenprosa noch einen weiteren Band für die Bernensia-Sammlung der Burgerbibliothek geschrieben. Es geht in diesem Buch genau genommen weder um Bern noch um ihn – auch wenn er «so etwas wie eine Funktion, eben die des Erzählers» einnimmt. Aber: «Ich ziehe mich zurück, entziehe mich den meisten Geschehnissen […] und werde selber zum Erzählten werden.» Fragt sich: Kann die Behauptung, sich erzählend in der Sprache aufzulösen, mehr als Koketterie sein? Oder ist es am Ende umgekehrt: Würde überhaupt erst in dieser Weise «Literatur» möglich werden? Literatur, die mehr und anderes wäre als die gutgemeinte Schönschreibeprosa der «Ichter», von denen Theobaldy jenen beschreibt, der schliesslich eine «dreistellige Zahl an Tagebüchern» hinterlässt. Ein solcher Ichter ist er selber nicht: «Oft geht das Wort an andere weiter, Beglückte und Geschundene, für einen kuriosen Auftritt aus der Geschichte ihres Lebens, der sich einem Treffen im Kaffeehaus verdankt, einer Zeitungsmeldung, einer Beobachtung auf der Strasse, oder er ist frei erfunden, gar erträumt, wo zur Welt der Dichtung auch all das gehört, was nicht der Fall ist.»

Lernen, Perlen zu pflücken

Darum ist es nicht wichtig, ob in diesem Buch tatsächlich viel Bern steckt oder nur eine Kulisse, die immer wieder aussieht wie Bern. Und es ist nicht wichtig, ob das Erzähler-Ich der während des Zweiten Weltkriegs in Strassburg geborene Theobaldy ist oder ob sich der Erzähler irgendwie im Erzählten verflüchtigt hat. Wichtig ist die Sprache dieses Buches – eine Sprache, von der der Autor in einem unbewachten Moment «An der Haltestelle» sagt: «Ob die Sprache im Vers, im philosophischen Satz, gar im Gestammel von Liebenden oder doch in der mathematischen Formel ihr ganzes Vermögen entfaltet und enthüllt; eine ihrer zwingenden Eigenschaften ist die, dass sie dort, wo mehr als ein Mensch herumsteht, nicht nur den alltäglichen Umgang regeln hilft, nein, erst mit der Sprache lässt sich die stumme Auster unserer Einsamkeit aufbrechen und mitunter eine Perle pflücken.» 

Damit ist gesagt, dass Theobaldys literarische Sprache nicht Schönschreib-Ware ab Fliessband sein will, sondern Kommunikation: Das eine ist, in Austern Perlen wachsen lassen zu können und das andere, sie lesend zu pflücken. Theobaldys «Geschichten im Vorübergehen» können als Austernfeld gesehen werden voller Schalenwerk mit nicht selten raffiniert konstruierten Sätzen, die man – nach der Auster suchend – mit Gewinn ein zweites oder gar ein drittes Mal liest. Es lohnt sich, sich diese Zeit zu nehmen, auch wenn in Bern die Zeit immer knapp ist, nicht nur «An der Haltestelle», wo am Schluss die Störung «in tiefem Rot» vorfährt, «mächtig seine Frontscheibe, der Zehnerbus, mit Erdgas angetrieben, leise wie ein Fahrrad.»