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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Noch fremdeln wir ein wenig

Zweimal bot die Tanzcompanie von Konzert Theater Bern vor dem Ende der Saison 2019-2020 «Prélude dansé» auf der Bühne des Stadttheaters. Ein Blick zurück, zwei Blicke nach vorn. Wie in der Politik ist die Mitte auch in der Kunst ein schwieriger Ort.

La Divina Comedia (Foto: Christian Kaufmann)

Es ist gut gemeint. Man spürt die liebevolle Erwartung der Tanzcompagnie, ihr «liebes, treues Publikum», wie Estefania Miranda sagt, im Zuschauerraum zu ahnen. Doch das Publikum ist wegen der Abstandsregel arg dezimiert, sitzt weit auseinander und gewöhnt sich erst wieder an Live-Auftritte. Und das Programm, das Konzert Theater Bern auf die Bühne «gestellt» hat, wie es heisst, ist auch so: Gestellt. In normalen Zeiten könnte man sich freuen über den Mut zur Kargheit, Knappheit, Andeutung – hier und jetzt erliegt man der Versuchung herauszufinden, was eigentlich vorgesehen wäre, wenn es keine Einschränkungen gäbe, die der Sicherheit der Auftretenden geschuldet sind.

Das Programm des «Prélude dansé» genannten Tanzabends besteht aus zwei «Amuse-Bouches» und einer Reprise. Mit einem kurzen Klavierkonzert von Mozart beginnt Simon Bucher die Einführung in den Tanzabend «Piano Chapters»; er verbindet vier ganz unterschiedliche Stücke, gegeben zu Klaviermusik verschiedener Komponisten. Wir sehen den Pianisten solo links auf der Bühne, von uns abgewandt. Nicht einfach, sich den kommenden Abend vorzustellen.

Es folgt der Einblick in den von Estefania Miranda choreografierten Abend zu Dantes Versepos «La divina comedia» aus dem 14. Jahrhundert. Zu Musik von Philip Glass treffen zwei Tänzer vor dem Vorhang aufeinander, bewegen sich später Mitglieder des Ensembles in der Tiefe der schummrig beleuchteten Bühne, verlorene Seelen, nahe und doch allein, vereinzelt (man denkt an den Lockdown). Die Länge der Szenen reicht (mir) nicht, warm zu werden. Distanz überwiegt, Fremdheit.

Zum Schluss ist Bekanntes angesagt: Der mittlere Teil des «Schwanensee»-Abends der zu Ende gehenden Saison, «The Sign of the Swan» (Estefania Miranda zu Musik von Arvo Pärt). Journal B schrieb damals: «In einer technisch anmutenden Kiste, von oben beleuchtet, kauert ein Schwan mit einem einzigen Flügel, versucht sich zu erheben, taumelt, sinkt zusammen, probiert es erneut, bis er – den Flügel abgestreift – der Kiste entrinnt. Und nun, flügellos, Frau wird. Die prachtvoll glänzende schwarze Schwinge ist weg, das Schwarze bleibt. Der schwarze Schwan hat sich selbst vom Zauberbann befreit. ‚Vogelfrei‘, so ungebunden wie gefährdet – das Wort taucht mir plötzlich auf. Ein versehrter und gezeichneter Mensch, wenn man in Hautfarben denke. Ein befreiter, schöner Mensch ohne derartiges Denkschema. Zu neuen Leben erweckt durch den Tanz (…) Verbindung zweier schwarzer Tänzerinnen zu einem neuen Ganzen. Einfach schön.»

Doch das Bekannte ist neu: Andere Tänzerinnen, keine Kiste, aus welcher der Schwan sich herauskämpft, und – vor allem – kein erster «Schwanensee»-Teil, der den Boden legt. Auch wenn bravourös getanzt wird, der mittlere Teil braucht den ersten und den dritten, um die Bedeutung zu erreichen, die wir damals erlebten: «Ein starkes Zeichen von Estefania Miranda gegen Vorurteile und Ideologien. Erleichternd, das ‚Auferstehen‘ des gefangenen Schwans als Frau mitzuerleben, nachdem der Flügel beseitigt ist.»

So bleiben Bruchstücke. Interessante Teile noch ohne Kitt und Verbindungen. Anfänge und Mittelteile, aber nicht Elemente des gleichen Ganzen. Es war auf der Bühne wie im Zuschauerraum: Zahlreiche Leerstellen, wenig Gemeinsames, mehr Interesse als Begeisterung. Indes: Es war den Versuch wert. Wir alle brauchen die Wiederannäherung an die Kunsterlebnisse vor dem Lockdown. Das fordert den Künstler*innen und den Zuschauer*innen einiges ab. Noch fremdeln wir ein wenig auf der Suche nach Nähe.