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Die Kunst lebt nicht vom Raum allein – Zur Erweiterung des Kunstmuseums Bern (Teil 3)

Muss es immer Bauen sein? Um jetzt das Bestmögliche für die Kunst im Kanton Bern zu erreichen, könnte auch mehr Kunst gewagt und vorerst auf Beton verzichtet werden. Eine Idee.

«Warum weiterhin hier im Zentrum das KMB und dort an der Peripherie das ZPK?»  (Foto: zvg)

Mit zusätzlich etwa zwei Millionen Franken Betriebsmitteln pro Jahr für KMB und ZPK zusammen – sie gehören ja zusammen! – wäre in den bestehenden Räumlichkeiten viel mehr möglich. Das KMB könnte ab sofort ausprobieren, experimentieren, sich öffnen. Es könnte mit Galerien, Off-spaces und den anderen Kunsthäusern im Kanton zusammenarbeiten. Es könnte an andere Orte gehen. Ein Probelauf für, sagen wir, zehn Jahre oder 20 Millionen. Daraus entstünde kein Monument, gewiss. Doch es käme zu Momenten, die man nicht vergisst. In den zehn Jahren könnte das Konzept für eine bauliche Erweiterung und die damit ermöglichte betriebliche Intensivierung reifen – dann wüsste man wofür es Geld braucht. Oder man würde erkennen, dass der Probelauf selbst das Konzept ist – und diesen in seiner ständigen Wandlung in die Zukunft hinein sichern.

Woher käme das Geld? Vom Kanton aus dem Kulturbudget, das dafür aufgestockt werden müsste. Und vielleicht von vermögenden Privaten, die an der Sache interessierter sind als am Denkmal. Und möglicherweise von vielen weniger vermögenden Menschen, die für die Idee zu gewinnen wären.

Und was ist mit dem Atelier-5-Trakt, der 2019 mit Unterstützung des Kantons in den Bereichen Erdbebenertüchtigung, Klima- und Brandschutz saniert worden ist? Auf wieviele Jahre ist der Museumsbetrieb dadurch neu «sichergestellt» (wie es in der Medienmitteilung heisst). Was ist nachher? Und wer bestimmt dies?

Jetzt mehr machen für die Leute und die Kunst

Wer miterlebt hat, was 20 Jahre einseitig auf das Bauliche gerichteter Suche gebracht haben, müsste sagen: Warum eigentlich nicht? Anstatt jahrelang auf das Neue zu warten, könnte man jetzt das Neue gestalten, verwerfen, neu anpacken. Kunst lebt nicht vom Raum allein. Kunst lebt von den Leuten, die sie machen, lieben, zeigen und vermitteln. Es lohnt sich, in sie zu investieren.

Dies müsste unter dem eigenen Dach beginnen. Weshalb die noch immer fein säuberlich aufgeteilten und getrennt beworbenen Ausstellungsprogramme? Warum weiterhin hier im Zentrum das KMB und dort an der Peripherie das ZPK? Und wie lange noch im zentralen Bereich der Kunstvermittlung sogar drei Einheiten: die des KMB, jene des ZPK und das Creaviva?

Wenn sich die Dachstiftung eine Überlegungspause im skizzierten Sinn gönnt, verliert sie nichts im Bereich der Kunst und ihrer Vermittlung. Im Gegenteil: Sie könnte diese stärken und so ein weiteres Publikum gewinnen. In dieser Zeit könnte die Suche nach örtlichen Alternativen mit der Stadt vorangetrieben werden – es würde nichts verbaut. Und wichtig: Eine Erweiterung des KMB könnte im Einvernehmen mit dem Museumsquartier Kirchenfeld entwickelt werden.

Nicht nur in der Stadt Bern

Was spricht dafür, wenn gleichzeitig die anderen wichtigen Kunstorte im Kanton – die Kunsthalle in Bern, das Centre Pasqu’art in Biel, das private Museum Gertsch in Burgdorf, das Kunsthaus Interlaken, das Kunsthaus Langenthal, das Kunstmuseum Thun und natürlich das ZPK – unterfinanziert sind und bleiben? Was können diese Kunstorte und ihre Regionen vom erweiterten KMB erwarten? Gibt es dafür Vorstellungen? Oder konzentriert man sich jetzt einmal auf Bern – wo ja gerade auch das Projekt «Museumsquartier» Fahrt aufnimmt, das auch den Kanton einiges kosten dürfte?

Gerade wer für die Förderung der Kultur einsteht, muss sich fragen, wie das gehen soll in einem Kanton, der zusammen mit den Gemeinden gemäss seiner neuen Kulturstrategie weniger Geld einsetzt als der Durchschnitt der Kantone, nämlich lediglich 78 Prozent davon. Wenn in der Folge das politische heikle Gefälle zwischen der Hauptstadt und «dem Land» bzw. zwischen den bernischen Städten nicht steiler werden soll, braucht es einen Plan. Einen solchen hatte man zum Beispiel in den 1990er Jahren in Luzern. Dort ging es darum, vor dem Entscheid über die Finanzierung des «Flaggschiffs» KKL die Bedürfnisse anderer (kleinerer und alternativerer) Kulturorte zu befriedigen und auf diese Weise potenzielle Gegner zu Verbündeten zu machen. Es gelang.

Es kann auch im Kanton Bern gelingen, wenn die Verantwortlichen der Kulturförderung mit den Verantwortlichen der anderen Kunsthäuser und dem KMB reden. Daraus kann ein kantonales Konzept entstehen, kein ausschliesslich Stadtbernisches. So würden die berechtigten Bedürfnisse aller Häuser berücksichtigt und im Idealfall Leistungen bestimmt, die ein Haus zu Gunsten der anderen erbringt oder bei denen alle zusammenwirken. Dies könnte etwa im Bereich der Digitalisierung sinnvoll sein. Schon 2005 gab es übrigens eine Zusammenarbeitsvereinbarung zwischen den Kunsthäusern des Kantons; sie scheiterte am Widerstand des KMB.

Meine Überzeugung: Wenn der Kanton aufgrund eines Gesamtplans handelt und so allen Regionen etwas bringt, lässt sich ein grosser Sprung nach vorn begründen.

Eine Frage als Fazit

Wo chiemte mer hi?

«wo chiemte mer hi / wenn alli seite / wo chiemte mer hi / und niemer giengti / für einisch z’luege / wohi dass me chiem / we me gieng»

Kurt Marti, rosa loui, 1967