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Christoph Reichenau

Kunst ist keine Ausrede

«In allen Phasen der Zusammenarbeit agieren Festangestellte, Künstler*innen, Mitglieder der Crews, Freelancer*innen und temporär Angestellte auf Augenhöhe und behandeln einander respektvoll und freundschaftlich. Gewalt, sexuelle Übergriffe, Machtmissbrauch und uneinsichtig diskriminierendes Verhalten akzeptieren wir nicht.» Ein neues Gesetz? Nein, das Manifest von auawirleben.

Die Macherinnen von «auawirleben» Nicolette Kretz, Silja Gruner, Isabelle Jakob und Bettina Tanner (v.l.n.r.; Foto: Nathalie Jufer)

Nach vielen Jahren äusserster Knappheit erhält das Berner Theaterfestival «auawirleben» mit der neuen Leistungsvereinbarung deutlich mehr öffentliche Mittel. Das Team der Macherinnen um Nicolette Kretz empfand die finanzielle Besserstellung als Verpflichtung, für den sorgfältigen Einsatz des Geldes verbindliche Regeln aufzustellen. Eine Retraite im Sommer 2018 und weitere Diskussionen zum inneren Funktionieren sowie zur Öffnung gegen aussen führten zu Leitsätzen, die der Vorstand absegnete. Sie sind nun im Manifest «Kunst ist keine Ausrede» zusammengefasst und veröffentlicht worden.

Im Manifest stehen Sätze wie: «Das Budget ist öffentlich. Wir veröffentlichen die Jahreslöhne sowie die Lohnstruktur der Festangestellten. Die Diversität unserer Gesellschaft bilden wir im Programm und im Team ab. Wir bezahlen mindestens Gagen nach den aktuellen Empfehlungen des Berufsverbands. Auawirleben bezahlt (…) Sozialleistungen sowie BVG-Beiträge ab dem ersten Franken. Eine Anstellung bei auawirleben ist mit unterschiedlichen Lebensentwürfen vereinbar; ändern sich die Lebensunterschiede von Mitarbeiter*innen, suchen wir nach Lösungen. Bei Visionierungsreisen reisen wir für Strecken unter 11 Stunden Reisezeit mit dem Zug oder Bus. An den Festivalbars und in der Küche verzichten wir auf Wegwerfgeschirr und Einzelverpackungen (inkl. Mineralwasserflaschen) und kaufen möglichst lokal und biologisch ein.» Das ganze Manifest ist publiziert auf www.auawirleben.ch.

Das Manifest verpönt Diskriminierung, gebietet Anstand und Respekt, gewährleistet Transparenz, Öffnung für alle, Inklusion, achtet auf Umweltfreundlichkeit in jeglicher Hinsicht und Nachhaltigkeit. Im Grunde steht darin nichts Neues. Aufsehen erregt, dass es das Manifest gibt. Auawirleben bindet sich mit dem Manifest, lässt sich messen an vielen konkret formulierten Vorsätzen und stellt sich ins Glashaus. Nota bene: Die Leistungsvereinbarung verlangt dies nicht in derartiger Deutlichkeit.

Das verdient Anerkennung. Lobenswert ist auch, dass das Team und der Vorstand von auawirleben nicht auf andere gewartet hat, die mitmachen, sondern sich getraut, den ersten Schritt zu machen, voranzugehen.

Denn klar ist: Bei der Selbstdeklaration des Theaterfestivals darf es nicht bleiben. Nun sind die anderen Kulturveranstalterinnen und -veranstalter gefordert, von anderen kleineren Institutionen über Konzert Theater Bern (wo der Entwurf eines Code of conduct vorliegt) bis zu den grossen Museen. Und auch Bekult als Verband bernischer Kulturveranstalter sowie die schweizweiten Kulturorganisationen dürften, ja müssten aufmerksam werden.

«Kunst ist keine Ausrede» lautet der Titel des Manifests. Keine Ausrede, findet auawirleben: «Nicht für Diskriminierungen, nicht für Machtmissbrauch, nicht für falsche Verschwiegenheit und Intransparenz, nicht für Ressourcenverschwendung, nicht für Ignoranz.»

Das Manifest ist ein Anfang. Seine Anwendung wird jährlich überprüft, allenfalls wird es angepasst. Ein erster Schritt, der Mut macht und zeigt, wie ein Team Verantwortung versteht.

 


Das ganze Manifest findet sich auf: www.auawirleben.ch