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Spittelers Nobelpreis (2): Lobbyist Fränkel

1912 entschliesst sich Jonas Fränkel, sein Möglichstes zu tun, damit der Dichter Carl Spitteler den Literaturnobelpreis bekommt. Ein Dossier in seinem Nachlass zeigt, wie er vorgegangen ist und wie er argumentiert hat.

Treffen in Bümpliz (Foto: Carl-Albert-Loosli-Gesellschaft, Ausriss aus einer bisher nicht identifizierten Zeitung).

Nach dem Abschluss der gemeinsamen Arbeit am «Olympischen Frühling» 1909 bleibt der Austausch zwischen Spitteler und Fränkel intensiv. Fränkel konfrontiert den Dichter mit dessen eigener Biografie, weil er an der Universität Bern für 1910 ein Spitteler-Kolleg vorbereitet. Diese Erinnerungsarbeit weckt beim Dichter das Interesse für sein Frühwerk «Prometheus und Epimetheus» neu, und er entschliesst sich, dieses Prosawerk als Versepos ganz neu zu schreiben. Fränkel: «Und mich liess er daran teilnehmen während der vollen vierzehn Jahre, die ihm noch vergönnt waren.» Bei Fränkel in Bümpliz treffen weiterhin «fast Tag für Tag» Briefe aus Luzern ein, «mir alles anvertrauend, was ihm der Tag brachte und was ihm sein Genius Beglückendes schenkte. Ich hatte mich so sehr in seine dichterischen Pläne und Absichten hineingelebt, dass ich alle Phasen einer Arbeit mit ihm erlebte und fähig war, ihn auf seinen steilen Gratwanderungen zu begleiten.» 

Spitteler bestätigt sein uneingeschränktes Vertrauen zu Fränkel von Fall zu Fall auch gegenüber Dritten schriftlich, etwa wenn er dem Präsidenten des damals prominenten Lesezirkels Hottingen schreibt: «Fränkel hat ein für allemal jede Vollmacht von mir erhalten, in meinen Angelegenheiten alles zu tun, was er für gut findet.» (Spitteler an Hans Bodmer, 16.6.1919)

Die allzu grosse Bescheidenheit

Wenn Fränkel in «Spittelers Recht» schreibt, er sei «nicht Spittelers Sekretär» gewesen, dann ist es wohl so: Er war nicht weniger, sondern mehr als das. Obschon ihm der Dichter seine Zugspesen nach Luzern vergüten wollte, nahm Fränkel kein Geld an: «Ich wollte, gerade weil ich Spitteler derart liebte, ihm gegenüber meine Freiheit bewahren.» Entsprechend entschloss Fränkel sich 1912 ohne Spittelers Wissen, sich für den Literaturnobelpreis an ihn einzusetzen. 

Selber hat er später seine zentrale Rolle bei dieser «weitverzweigten Aktion um den Nobelpreis» nur im Notfall betont. In die Enge getrieben im «Schiedsgerichtsverfahren» gegen die Eidgenossenschaft um Spittelers Nachlass, hielt er 1945 in einer «Protestschrift» in einem Nebensatz kurz und bündig fest: «…nachdem ich ihm [Spitteler] im Jahre 1920 den Nobelpreis verschafft und ihn damit von seinen Geldsorgen befreit hatte». Gewöhnlich verleugnete Fränkel seine Rolle aber weitgehend. Im Text «Carl Spitteler in memoriam» von 1925 schreibt er zum Beispiel: «Der Nobelpreis für Literatur, der den Fünfundsiebzigjährigen erreichte, war endlich eine weithin sichtbare Anerkennung des dichterischen Werkes: doch man täusche sich nicht – die Ehrung war nicht getragen vom Urteil einer ganzen Nation […]. Sie war der Erfolg eines einzelnen hochgesinnten Mannes, der sich mit seiner ganzen gewichtigen Person in Stockholm für Spittelers Ehrung eingesetzt hatte; sie war der Erfolg und das Verdienst Romain Rollands.» 

1933 hat der Schriftsteller C. A. Loosli – auch wegen dieser allzu grossen Bescheidenheit seines Freundes Fränkel – selber in den schliesslich über fast zwei Jahrzehnte andauernden Rechtsstreit um Spittelers Nachlass eingegriffen und in seinem Referat «Carl Spittelers Wille und Rechte» festgehalten: «Im Spätherbst 1912 überraschte mich Fränkel mit der Frage, was ich davon dächte, wenn Spitteler den Nobelpreis erhielte. Ich war von der Frage nicht wenig überrascht, fand aber, diese Ehrung wäre mehr als nur am Platze und des Schweisses eines Edlen wert. Fränkel erklärte, er werde es versuchen. Er tat’s. Von 1912 bis 1918 hat Fränkel keine Mühe gescheut, keinen Schritt unterlassen, bis endlich das vorgesteckte Ziel erreicht ward.»

Fränkel als Lobbyist

Loosli hat in seiner Rede auch erwähnt, alles, was er sage, wisse er deshalb so genau, weil er das «dicke Aktenbündel» gesehen habe, das bei Fränkel aufliege und aus «unzähligen Briefwechseln […] samt den dazu gehörigen Postquittungen» bestehe. 

Lobbyarbeit in Stockholm: Beginn des siebenseitigen Fränkel-Briefes von 1914. (Foto: Fredi Lerch)

Lobbyarbeit in Stockholm: Beginn des siebenseitigen Fränkel-Briefes von 1914. (Foto: Fredi Lerch)

In Fränkels umfangreichem Nachlass findet sich heute ein Mäppchen mit dem handschriftlichen Titel «Eingabe an die Nobel-Stiftung». Es beinhaltet 49 Dokumente, eines der frühesten ist der Empfangsschein der Eingabe vom 25. Januar 1912 an das «Svenska akademiens Nobelkommitté». Der grosse Teil der Dokumente betrifft Fränkels Korrespondenz mit literaturwissenschaftlichen Grössen seiner Zeit im ganzen deutschsprachigen Raum, die er um Unterstützung seiner Eingabe bat. 

Insbesondere spannend aber ist ein siebenseitiges, von Fränkel handschriftlich korrigiertes Typoskript an das Nobelpreiskomitee mit seiner Begründung für die Eingabe. Datiert ist es mit Schreibmaschine «Bern, im Januar 1913», die Jahreszahl ist handschriftlich auf 1914 korrigiert. Darin schreibt Fränkel unter anderem: «Die Dichtungen Spittelers zeichnet ein hoher, erhebender Idealismus aus, der auch über seiner ganzen literarischen Laufbahn leuchtet. Unbekümmert um die literarischen Moden, unbeirrt durch den wechselnden Geschmack des Publikums, ging dieser Dichter immer seine eigenen Wege, heroisch das Schicksal eines Grossen ertragend, der sich bewusst ist, höchste geistige Güter seinem Volke dargebracht zu haben und dafür alle Entbehrungen und Demütigungen eines Einsamen erdulden zu müssen. Nie hat er sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer Konzession bequemt, auf keiner Seite seiner immerhin mehr als ein Dutzend Werke reichen literarischen Ernte wird sich auch nur die Spur eines Abirrens von dem gleich mit einem Erstling beschrittenen Wege nach der höchsten Kunst nachweisen lassen. Und alle seine grossen Dichtungen gipfeln in der Mahnung zur Treue gegen den Genius im Innern des Menschen. Ob der Treue gegen sich, gegen seine ‘Seele’, duldet Prometheus, der Stimme seines Genius opfert der Held in ‘Imago’ sein Glück, und die Verherrlichung des allem Unheil und aller Bosheit zum Trotz den vorgezeichneten Weg nach der Erde wandelnden Herakles krönt den neuen Schluss des ‘Olympischen Frühlings’. Dieses Vorbildliche an Spittelers Dichtung ist es – neben ihrem ausserordentlichen künstlerischen Werte –, das ihren Schöpfer einer Auszeichnung durch den literarischen Nobelpreis vor allen andern würdig erscheinen lässt.»

1914 wird aber schliesslich kein Literaturnobelpreis verliehen. Stattdessen bricht Anfang August der Erste Weltkrieg aus.

Lesen Sie übermorgen Samstag, 19.10.2019: Spittelers Nobelpreis (3) – Fränkels Durchbruch

Unter Verwendung von: 

• Jonas Fränkel: Spittelers Recht. Dokumente eines Kampfes. Winterthur (Mondial-Verlag) 1946, S. 42, 60f., 70f. und 249.

• C. A. Loosli: Carl Spittelers Wille und Rechte. Eine Zeugenaussage, in: ders.: Gotthelfhandel. Werke Band 4. Zürich (Rotpunktverlag) 2007, S. 389ff., insb. 393 und 400.