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(Wunsch-)Casting im Stadtteil V

Aus den Quartieren

Stell dir vor, einer verschenkt Geld und es ist Kunst. Im Stadtteil V konnte die Bevölkerung im Rahmen des Wettbewerbs «Kunstplätze» Herzenswünsche anmelden und dafür Geld beantragen. Der Künstler Florian Graf entscheidet jetzt, wer die 25'000 Franken bekommt.

Im Wettbewerb der Wunschideen: Florian Graf mit zwei Kandidatinnen beim Casting. (Foto: Rita Jost)

Es ist ein bisschen wie bei Happy Day: man kann einen Wunsch anmelden, der die eigenen Mittel übersteigt, und vielleicht wird man ausgewählt und bekommt seinen Wunsch erfüllt.

Aber vorher geht’s ins Casting. Und das ist bereits Teil des Kunstprojekts.

Es ist einer der letzten heissen Augusttage, die Aare lockt mit sommerlichen 19 Grad, am häuslichen Fernsehapparat geht das Eidgenössische in den Schlussgang. Aber das kümmert die Leute vor dem alten Fischerhäuschen im Botanischen Garten wenig. Sie wollen Geld für ihr ganz persönliches Projekt. Florian Graf hat das Geld und will es verteilen. Er sitzt zusammen mit seinen Kameraleuten im kühlen Gartenhaus und hört sich die verschiedensten Quartierwünsche an.

Konzert, Thailandreise, Bild

Eine Frau beispielsweise möchte für ein Konzert zwei Wunderkinder nach Bern holen, eine andere wünscht sich 6000.-, damit sie die Asche ihres Vaters nach Thailand bringen kann, einige Quartierbewohner möchte einen Baum retten, und ein Kunstliebhaber möchte 600.— damit er sich ein Werk seines Lieblingskünstlers kaufen kann. Zwei junge Frauen möchten eine Performance «das Huhn, ein verkanntes Haustier» verwirklichen und ein Mann beantragt 1500 Franken für eine Unterwasserkamera, damit er das Sozialverhalten der Fische im Moossee dokumentieren kann. Der Künstler Florian Graf hört sich all diese Wünsche geduldig an, fragt nach, sagt «spannend» und «interessant» und «ja, das kann ich mir gut vorstellen» und legt die ausgefüllten Projektbeschriebe auf eine Beige, die immer höher wird.

92 Eingaben hat er insgesamt erhalten. Ein erfreuliches Echo, wie die Projektleiterin für die Aktion «Kunstplätze» bei der Stadt Bern, Annina Zimmermann, sagt. Das Projekt wurde 2018 ins Leben gerufen. Nach und nach sollen alle Stadtteile in den Genuss einer derartigen Kunstaktion kommen. Zum Auftakt wurden die Stadtteile II (Länggasse/Felsenau) und V (Breitenrain/Lorraine) ausgewählt.

Das Porträt eines Quartiers

Die Idee hinter der Geldverteilaktion: Der Basler Künstler und Architekt verschenkt einen Grossteil der ihm zugesprochenen Summe von 30'000 Franken an Bewohnerinnen und Bewohner, damit sie sich ihre Herzenswünsche erfüllen können. Auf diese Art will Florian Graf die geheimen Wünsche eines Stadtteils aufdecken und einen Gegenpunkt setzen zu Aussagen wie «Kunst ist reine Geldverschwendung». Die ganze Aktion wird dokumentiert und am Schluss werden alle, die mitgemacht haben, zu einer Matinee mit Film und Gesprächen eingeladen. Preissumme sowie Werbeaktion für den Aufruf, den Film und ein Kunstbuch übernimmt die Stadt. Der Künstler bekommt nur 4000.—plus Spesen.

Und der Aufruf wurde gehört. An den zwei Casting-Tagen erschienen weit über 100 Leute und stellten ihre Projekte vor. Florian Graf staunt über die Breite der Projekte. Es sei, so meint er «das Porträt eines Quartiers und seiner Wünsche», und in diesem Sinne komme da  eigentlich sogar so etwas wie ein repräsentativer Wunschzettel für die Schweiz zusammen. Unter den Eingaben hat es bescheidene Wünsche – wie ein Paar Turnschuhe – und exklusive Forderungen – wie den Kauf einer Rolex-Uhr. Und es hat auch Überraschendes: jemand wünscht sich, dass seine Schulden beglichen werden. Und eine ganze Gruppe wünscht sich den Erhalt der Viktoria-Alleebäume. Spätestens hier könnte es Probleme geben mit den Geldgebern, denn die Baumfällaktion würde (für das Tram nach Ostermundigen) von der gleichen Stadt in Auftrag gegeben, die auch den Kunstpreis sponsert.

Die Qual der Auswahl

Aber noch kennt man ja die Sieger dieser Aktion nicht. Florian Graf wird in den nächsten drei Wochen entscheiden, wem er Geld zuteilt. Und er verschweigt nicht, dass damit der schwierigste Teil der Aktion beginnt. «Wie Eltern, die einem Kind einen Wunsch abschlagen müssen, werde auch ich natürlich nicht alle Gesuchsteller befriedigen können,» sagt er, aber damit müsse er leben. Auswählen, entscheiden stehe ja immer am Anfang jeder Arbeit in der Kunst. Er müsse jetzt zuerst einmal entscheiden, ob er systematisch oder intuitiv vorgehe bei der Auswertung; nach Sympathien oder nach Nutzen für die Allgemeinheit entscheide. Unter den 92 Eingaben hat es übrigens etwas mehr Wünsche, die der Allgemeinheit zugute kämen.

Die Wünsche zu sichten und zu entscheiden wird keine einfache Aufgabe sein. Graf will aber in drei Wochen alle Teilnehmenden über seine Wahl informieren. Am 15. Dezember gibt es dann für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Matinee im Restaurant Löscher. Dort wird man auch den Film über das Projekt erstmals öffentlich zeigen.

Für Graf ist die Verteilaktion übrigens auch eine Premiere. Etwas Erfahrung mit Geldverschenken hat er allerdings. Zum 150-jährigen Jubiläum der ETH Zürich war ein Wettbewerb ausgeschrieben worden, den Graf zusammen mit Kollegen gewann. Sie hatten vorgeschlagen, dass die Summe von einer halben Million nicht in ein Projekt in der Schweiz investiert würde, sondern in ein Studentenbegegnungszentrum in Afghanistan. Dieses Projekt wurde schliesslich realisiert und 2006 eingeweiht.