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Für Willi Schmid

Am 20. März ist Willi Schmid 90-jährig gestorben. Er war Chemiker, langjähriger Lektor des Zytglogge-Verlags und nach der Pensionierung Biowinzer in Vallamand. An der Trauerfeier sprach der Schriftsteller und Arzt Peter Weibel.

(Foto: Hektor Leibundgut)

Freundschaft. Wer das Glück hatte, ihn zum Freund zu haben, von ihm zum Freund gemacht zu werden, wusste um diesen Reichtum. Seine Freundschaft war kostbar, sie war wärmend - und vorbehaltlos. Ein väterlicher Freund – einer, der wie ein Vater war, den man gerne als Vater gehabt hätte – solidarisch, beharrlich, immer loyal, manchmal bedingungslos. Sein Einsatz für die Freundschaft war bedingungslos.

Wir liebten an ihm: Seine Beharrlichkeit, seine Wärme, seine behutsame Unnachgiebigkeit. Und ja, auch seinen Sanftmut, seine emotionale Berührbarkeit. Er selbst hat sie nicht immer geliebt. Auf einen Text zum Solothurner Lesebuch hat er geschrieben:  Heimatliche Töne, nicht nur sie, aktivieren immer mein Tränenreservoir. Diese Peinlichkeit werde ich einfach nie los.

Einer wie ihn gibt es nicht mehr. Einer, der mehr, viel mehr als ein Lektor war – denn Wort, Mensch und menschliche Haltung, das war für ihn untrennbar. Das Wort durchdringt alles, wenn es denn echt ist – das war sein Credo. Samuel Moser hat es in seinem Text zum Neunzigsten auf den Punkt gebracht:  Willi kann man nicht werden. Nur Willi konnte es. Deshalb erscheint mir auch die Klage über das Verschwinden der Lektoren unangemessen. Es kann nicht verschwinden, was es nie gegeben hat. Nur Willi gibt es.

Und jetzt das Verstummen. Keiner, der mehr sagt, das Manuskript ist gut, aber du kannst es besser. Der sagt, nimm dieses Wort, aber es gibt noch ein besseres. Der schon weiss, was sein Gegenüber noch nicht weiss, aber selbst erfahren muss, um es zu wissen. Der sagt,  misstraue diesem Text, aber finde ihn. Er hat es nie gesagt, aber ich unterstelle ihm, dass er es manchmal gedacht hat: Misstraue dir selbst, aber finde dich.

Aber vielleicht ist Willi gar nicht verstummt. Wird er gar nicht verstummen. Denn wir hören ihn noch, weil wir wissen, was er jetzt sagen würde. Nimm diesen Satz, aber es gibt noch einen besseren.

Wann beginnt man zu sterben? Medizin und Theologie haben darauf keine gültige Antwort. Aber Leben ist ja immer auch Voraus-Sterben. Und etwas von uns stirbt immer, wenn einer wie Willi geht. Wenn es leerer wird ohne einen wie ihn. Aber irgendwann wird das Sterben unabweisbar. An einem dunklen Nebeltag im Dezember wussten wir es. Willi wusste es. Ich habe an diesem Tag einen Text begonnen. Einen Text über das Verstummen. Darüber, dass wir uns in seinem Verstummen einrichten müssen.

...Die Rebstöcke beim Haus, die Blumenterrassen sehen verloren aus, sie glänzen düster unter der nassen Nebelhaut. Ich weiss nicht, ob der Nebel ein Zeichen ist, ein Zeichen wofür, du selbst hast dich nie auf die Deutung von Zeichen eingelassen. Aber drinnen im Haus riecht es nach Holz, nach Äpfel und Wein wie früher, wie immer, und im inneren Auge sehe ich mit mir alle anderen die Holztreppe hochsteigen, es sind viele gewesen, mit ihren Manuskripten unter dem Arm. Sehe dich oben stehen und dann eine Pfeife anzünden und warten, lange warten, höre dich geduldig sagen, der Text ist gut, aber denke noch einmal darüber nach –

Jetzt fragen wir nicht mehr. Nur die Fragen drehen weiter im Kopf, sie machen sich selbständig, was denkst du über die jungen Wilden in der Literatur, was sagst du zu Tujana, zu Gaza? Aber jetzt mag dein Körper keine Fragen mehr. Er ist fremd und brüchig geworden, ein stockendes Regelwerk, auf das kein Verlass mehr ist. Aber noch wenn der Atem schleppt, wenn der Schmerz durch jeden Gedanken reisst, fragst du, und was schreibst du, und ich sage nicht, bei diesem Text bist du jetzt mittendrin, eigentlich bist du bei jedem Text drin...

In jedem Text bist du mittendrin. Einer wie du gibt es nicht mehr, schon lange nicht mehr, einer, der den Rohstoff zum fertigen Buch formt, von dem du weißt, dass  es auch in abgeschlossener Form immer unvollendet bleibt. Wie viele Bücher sind es geworden, hundert, fünfhundert? Sie füllen die Regale an der Wand, sie reichen bis zur Decke hinauf und reden noch, aber du kennst sie alle, du brauchst nicht hinzuhören....

Die Veränderungen im Literaturbetrieb, im Weltbetrieb haben Willi zugesetzt.  Aber er hat sie als unaufhaltsames Naturgesetz verstanden. Er hat auch das Sterben als Naturgesetz verstanden – er war nicht begeistert, aber einverstanden.

Dass er in seinem Haus über seinem See,  bei seinen Rebhängen sterben konnte, getragen von Madlen, von seiner Familie, war etwas Grosses.

Vier Wochen vor seinem Tod die letzte Pfeife. Er hat sie nur noch mühevoll anzünden können. Kein Pfeifenrauch mehr, der ihn eingehüllt hat.

Aber zwei Wochen später ein letztes, ein sehr klares Gespräch. Die Bergpredigt müsst ihr lesen drüben in der Kirche. Er hat nie über seinen Glauben gesprochen, er hat ihn gelebt. Er war ein Liebender. Das Rebellische, Anarchistische von Jesus muss sein Glaube gewesen sein.

Und er hat auch gesagt: Es gibt etwas Mächtiges ausserhalb, ich weiss es. Ich habe die Zeichen gesehen. Vielleicht ist ja Willi jetzt ganz nahe und wünscht sich, dass auch wir die Zeichen sehen.