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Die eigene Erzählung ermöglichen

«Kontraste» ist der zweite Tanzabend der Compagnie von Konzert Theater Bern betitelt. Kontrast bezeichnet einen auffälligen Unterschied bis hin zum Gegensatz. Wer Kontraste ankündigt, stellt Vielfalt in Aussicht. Und kann gerade daran scheitern.

«Kontraste» zeigt zwei zwei Tanzstücke hintereinander. (Bild: Gregory Batardon)

Das Programm des Abends löst das Versprechen ein. Die Tanzstücke, «Lost Cause» der Israeli Sharon Eyal, und »Salve Region» von Jo Stromgren aus Norwegen, könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie zeigen prototypisch Möglichkeiten zeitgenössischen Tanzes auf. Dessen Spannweite wollte Direktorin Estefania Miranda mit der Schweizer Erstaufführung der beiden Stücke zeigen.

«Lost Cause»

«Lost Cause» ist ein tänzerisches Feuerwerk. Wie jedes Feuerwerk besteht es aus einer Reihe gebändigter Explosionen, kalkulierter Ausbrüche. Schwer zu beschreiben, was zu sehen ist und was das Gezeigte bedeutet, besteht doch Sharon Eyal darauf, es bedeute nichts. Getragen vom Puls eines permanenten Technobeats (DJ Ori Lichtik) bewegen sich die 15 Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie allein, in Grüppchen und in grosser Formation über die Bühne, bilden Muster, vereinzeln sich und formieren sich neu. Ein warmes Licht liegt auf der Szene. Im hautfarbenen Dress mit goldenen Einsätzen und mit manchmal grün oder blau blitzenden Fingerkuppen sieht man: Menschen. Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit: Grosse und kleine, Frauen und Männer, grazilere und stämmigere, kräftigere und feinere, dunklere und hellere (und bemerkt nebenbei, dass im Nebeneinander der Personen die Unterscheidung in «Weisse» und »Farbige» nicht zutrifft, weil sie keinen Aussagewert hat). Es ist ein Statement für die Vielfalt des Menschseins, und diese Vielfalt beginnt bei der äusserlichen Gestalt und bei der individuellen Art und Weise, den Körper – sich selbst – zu bewegen. Bräuchte es einen Beleg dafür, dass wir Menschen bei allen Unterschieden gleich an Würde und Rechten sein sollen, hier ist er. Das Schlusssolo, in dem Marieke Monquil zuletzt mit dem dämmrigen Hintergrund verschmilzt – nochmals eine Hommage an das Individuum.

Unmöglich zu glauben, dass diese wundersame Darbietung, die einen in ihren Bann zieht und gleichzeitig fast fliegen lässt, «nichts bedeuten» soll. Sicher: Sharon Eyal will uns nichts Bestimmtes aufdrängen. Doch was wir sehen, jede Zuschauerin und jeder Zuschauer anders, geht aus von dem Geschehen auf der Bühne: Vom Licht, vom Sound, vom Reichtum der körperlichen Gestaltung, von den Individuen, die unsere Augen anziehen, von der teils fiebrigen, teils coolen Atmosphäre. Diese regt an, unsere Gedanken frei schweifen zu lassen. Nichts ist vorgegeben im abstrakten Tableau. Kein Über-Ich fragt: Erkenne ich das richtig? Verstehe ich, was gemeint ist? Vermag ich der Geschichte zu folgen? Es gibt keine Geschichte. Was immer ich verstehe, ist richtig. Ermöglicht wird die eigene Erzählung der Zuschauerinnen und Zuschauer. Aber ohne den Tanz vor uns, in uns gäbe es keine eigene Erzählung. Das macht uns reich wie im Märchen, wo aus Stroh Gold geflochten werden kann.

«Lost Cause»? Eine verlorene Sache, eine nicht mehr gültige Ursache oder Veranlassung. Und auch Befreiung von einer Last, Chance zu Neuem.

«Salve Regina»

Nach der Pause ein radikaler Neuanfang. Die Bühne ist umgebaut. Vor einem Portal aus schmalen Stoffbahnen ein Grüppchen Frauen und Männer mit verschlissener Fahne, müde, gekrümmt. Die Zeit: Vergangenheit. Der Ort: unwichtig. Es können Eroberer sein, Sieger und zugleich Besiegte, Fremde in einem unbekannten Land, Schutz- und Trostsuchende. Hodlers «Rückkehr von Marignano» blitzt durch den Kopf. Die Bewegungen drücken Anziehung, Abstossung, Ausgrenzung aus. Es gibt derbe Szenen, Anzeichen von Verführung, Gewalt, Bannung der Gewalt mit Weihrauch, der schwül die Bühne einnebelt. Die Requisiten – Fahne, Kreuz, ein kitschig-süssliches Heiligenbild – spielen eine Rolle in wechselnden Zeiten, an wechselnden Orten. Die Musik reicht von der späten Renaissance (Monteverdi) über den Barock (Scarlatti, Vivaldi) in die Gegenwart (Soundcollagen von Jorgen Knudsen).

Worum geht es? Auch in «Salve Regina» ist wohl einzig der Tanz von Bedeutung, die Art der Bewegung, die Artistik der Körper, die das gesamte Repertoire der Bewegungsmöglichkeiten vorführen, eine Vielzahl von Kontrasten in ein und demselben Stück. Doch anstatt sich von der körperlichen Darbietung einfach mitnehmen zu lassen und zwanglos zurückzulehnen, fühlte der Rezensent sich eingespannt im Bestreben, dem Lauf einer Erzählung folgen und ihren Sinn verstehen zu können.

Erlebnis als Erinnerung

Wie anders »Lost Cause»: das erste Stück des Abends hatte eine Atmosphäre geschaffen für das freie Schweifen der eigenen Gedanken. «Salve Regina» dagegen schien den Gedanken eine Richtung zu einem möglichen Verstehen zu weisen – und engte sie ein. Es ging in beiden Stücken um die reine Bewegungskunst ohne die besondere Bedeutung (oder die Last) einer Geschichte, doch dies wurde nur in «Lost Cause» erfahrbar. In «Salve Regina» erschwerte dem Rezensenten das Geschichtsmaterial mitsamt Kostümen und Requisiten und Erzählelementen den Zugang zum Tanz.

Das ist schade für die Tänzerinnen und Tänzer. Ihre in beiden Stücken durchwegs grossartige körperliche und künstlerische Leistung wurde eingeschnürt in der Erzählung.

Die Spannweite des zeitgenössischen Tanzes zeigen will Estefania Miranda mit «Kontraste». Das ist eine gute Absicht. Die zwei Stücke hintereinander zu zeigen, wird indes keinem der beiden wirklich gerecht. «Salve Regina» nicht, weil es für mich weniger zugänglich ist; aber auch «Lost Cause» nicht, da es nicht seine volle Wirkung entfalten kann.

Das ist schade für das Publikum, das den Heimweg antrat mit der strahlenden Erinnerung an das erste Stück, das für sich allein den ganzen Abend zum wunderbaren Erlebnis gemacht hätte.

Weitere Aufführungen ab 17. Februar bis 9. April.