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Vor der Rückkehr

Aus Gesprächen mit Strafgefangenen hat Anna Papst Protokolle angefertigt und diese einem Theaterstück zugrunde gelegt. Das Stück behandelt anschaulich die grossen Fragen der Freiheit und ihres temporären Verlustes.

Jeanne Devos im Stück «Freigänger» (Foto: Christian Kleiner)

Wer ein Delikt verübt, bricht eine Regel. Je nach Schwere der Tat folgt eine Verurteilung. Diese kann im Entzug der Freiheit bestehen. Für Monate, für Jahre oder – im Fall der Verwahrung – für den Rest des Lebens. Bei der Verwahrung geht es darum, die Gesellschaft vor nicht resozialisierbaren Täterinnen und Tätern zu schützen. Die Freiheitsstrafe auf Zeit dient dazu, Täterinnen und Täter auf den Wiedereintritt in die Gesellschaft, in das Alltagsleben, in die Freiheit vorzubereiten.

Das Thema

Das Strafgesetzbuch hält zur Freiheitsstrafe fest: «Die Menschenwürde des Gefangenen oder des Eingewiesenen ist zu achten. Seine Rechte dürfen nur so weit beschränkt werden, als der Freiheitsentzug und das Zusammenleben in der Vollzugseinrichtung es erfordern. Der Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere die Fähigkeit, straffrei zu leben. Der Strafvollzug hat den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen, die Betreuung des Gefangenen zu gewährleisten, schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken und dem Schutz der Allgemeinheit, des Vollzugspersonals und der Mitgefangenen angemessen Rechnung zu tragen. (…) Der Gefangene hat bei den Sozialisierungsbemühungen und den Entlassungsvorbereitungen aktiv mitzuwirken.»

Resozialisierung ist eine gemeinsame Aufgabe der Verurteilten und der Verantwortlichen im Strafvollzug. Und Resozialisierung fordert uns alle, die wir «die Gesellschaft» bilden. Wer die Strafe verbüsst hat, soll in unserer Mitte wieder Fuss fassen, einen Platz finden, teilhaben können. Das geht nur, wenn wir – Nachbarinnen und Nachbarn, Arbeitskolleginnen und –kollegen, Arbeitgebende – mitwirken und der oder dem Betroffenen eine zweite Chance geben. So gesehen ist Resozialisierung verwandt mit Integration.

«Freigänger», Anna Papsts Recherche für das Theater, kreist um diese Frage. Die Reportage oder das Stück nährt sich hauptsächlich aus Gesprächen mit Freigängern. Freigänger sind Gefangene in der letzten Phase ihrer Strafverbüssung. Am Tag sind sie frei an der Arbeit im eingezäunten Gelände. Über Nacht werden sie eingeschlossen. Es ist eine Angewöhnung an die Entlassung, die Rückkehr in die einstige Welt, die Selbstverantwortung, die Freiheit.

Diese Freiheit, die wir oft fraglos als gegeben annehmen, besteht unter anderem darin, sich korrekt zu verhalten, Fristen einzuhalten, Rücksicht zu nehmen, sich mit amtlichen Briefen und Formularen abzugeben, Rechnungen zu bezahlen, das nötige Geld regelmässig zu verdienen, dafür zu arbeiten, alles in allem immer wieder zu müssen und zu spuren. «Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füg auch keinem andern zu», das ist die bürgerliche, nicht die ungebundene Freiheit. Sie ist kein kategorisch anderer Zustand als das Leben hinter Gittern, lediglich ein graduell unterschiedlicher: Die Chance, den Schlüssel wieder selber in der Hand zu halten.

Das Stück

Witzwil im bernischen grossen Moos ist eine Anstalt für Freigänger, für Männer. Durchschnittlich 7 Monate und 12 Tage verbringt hier jemand vor dem Austritt im grössten Landwirtschaftsbetrieb des Landes. Hauptsächlich auf Witzwil bezieht sich der informative Vorspann, der über den Bildschirm flimmert.

Drei Jahre hat Anna Papst ihrer Recherche gewidmet, die 30 langen Gespräche mit Inhaftierten, Fachleuten des Strafvollzugs und der Risikoeinschätzung von Delinquenten, aber auch einzelnen Angehörigen und Entlassenen in der Sprache der Befragten sorgfältig redigiert, welche Fragen, Ängste und Bedenken, die Ambivalenzen, das Stockende und auch das Verstockte behutsam bewahrt. Aus dem Material, das wahr aber nicht roh ist, formte sie eine «enacted oral history».

Die Aufführung

Vidmar 2 ist ein kleiner Raum mit einer Empore. Gespielt wird ebenerdig, es hat keine Bühne. Längsseitig zwei Stuhlreihen für die Zuschauenden. Ein grosser Getränkeautomat, drei Podeste. Drei Schauspielerinnen verkörpern in diversen Rollen zehn Männer und zwei Frauen. Sie tragen Alltagskleidung, fast, die grauen Hosen haben einen roten Streifen an der Seite.

Graziella Pergoletti, Jeanne Devos und Florentine Krafft agieren bewundernswert. Für mich wirken sie bedingt echt. Sie zelebrieren die Aussagen der Figur, der sie ihre Stimme, ihre Gebärden, ihre Haltung leihen – bedeutungsschwer, selbstsicher, mit einem Hauch von Selbstverliebtheit in der Hinwendung zum Publikum. Einige zu raue Mundartbrocken im hochdeutschen Text. Mag sein, dass mich zusätzlich Lacher im Publikum irritierten, deren Belustigung – aber vielleicht war es Verlegenheit – ich nicht nachempfinden konnte. 

Je mehr die Monologe sich verbanden und mit Aussagen weiterer Figuren überlagerten, desto stimmiger wurde das Spiel. Ganz überzeugte es dennoch nicht. Die Texte einfach zu rezitieren und so zwischen die Figur und die Schauspielerin Distanz zu legen, wäre für mich eine passende Alternative gewesen.

Warum spielen Frauen Männer? Ich lege es mir so zurecht, dass damit die Allgemeingültigkeit der Aussagen gesteigert werden soll. Dass das Individuelle jeder Figur und jedes Geschehens auf eine abstrakte Ebene gehoben wird. Dass die Fremdheit wächst. Dass wir merken: Das hätte mir genauso gut passieren können.

Wie Schicksal und Zufall zusammenhängen, zeigt ein witziger Einfall: Mehrmals versuchen die Freigängerinnen, mit Münzen, Zureden, Fusstritten aus dem Automaten eine Cola zu holen. Vergeblich. Am Ende des Spiels, als das Interesse erlahmt ist, setzt sich die Maschine von selbst in Bewegung und spuckt die Flaschen aus, für jede Schauspielerin eine.  

Mein Schluss

Ein wichtiges und schwieriges Thema. Toll, dass es so gründlich und mit Ernst aufgegriffen wird. Sehr verdienstvoll, werden wir alle als mitverantwortlich für gelingende Resozialisierung angesprochen.  Die Art der Ansprache war für mich eindrücklich, einigen Schwächen zum Trotz.

Freiheit kann bedeuten, bewusst Grenzen zu überschreiten. Freiheit kann bedeuten, Notwendigkeiten einzusehen. Und Freiheit kann entstehen, indem man am Beispiel anderer sich selbst in Frage stellt. Das bleibt.

Nächste Vorstellung heute Dienstag, 29. Januar, 19:30 Vidmar 2, weitere bis im April.

Am Mittwoch, 30. Januar, 20:30 Uhr, kommt es in der Mansarde des Stadttheaters zum ersten Gespräch in der Reihe Res:Publikum mit dem Online-Magazin «Republik» über Aspekte des Stücks.