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«Da ist etwas kaputt. Es erzählt sich gar nicht»

Berner Bücher - Neujahrsserie

Wir lesen wenig und verbringen viel Zeit am Bildschirm, das ist kein Geheimnis. Doch was ist mit der nächsten Generation? «Oje ein Buch» konfrontiert Kinder mit dem gesellschaftlichen Mangel an «Buch» und dem Überfluss an «Smartphone».

Eine Maus, die Feuer speit? Da schaut der Drache doof aus der Wäsche. (Illustration: Miriam Zedelius)

«Digital Detox» ist nicht das Wort des Jahres 2018 – aber es hätte problemlos das Zeug dazu. 55 Millionen Links spuckt Google aus, unzählige Bücher wurden bereits darüber verfasst, «Sieben Tipps zur digitalen Entgiftung», titelten namhafte Zeitungen längst. «Digital Detox» nennt sich die Kur für Menschen, denen die Geschwindigkeit und die Vernetzung der glasglatten Alleskönner in unseren Hosentaschen zu viel wird. «Wie kommt man nur vom Smartphone weg?» fragte die Süddeutsche Zeitung 2017. Am besten, man geht von Anfang an vorsichtig damit um, lautet die einfachste Antwort. Das Bilderbuch «Oje ein Buch» vom Berner Schriftsteller Lorenz Pauli und der Heidelberger Illustratorin Miriam Zedelius hilft Kindern dabei und offeriert gleichzeitig eine beständige Alternative zum dynamischen Smartphonescreen: das Buch.

«Oje ein Buch» handelt vom kleinen Juri, der ein Buch geschenkt bekommt und es sich von Frau Asperilla vorlesen lassen möchte. Diese jedoch ist hilflos: «Da ist etwas kaputt. Es erzählt sich gar nicht», ist sie überzeugt. Juri bringt ihr bei, wie man mit einem Buch umgeht und dass es, trotz der im Vergleich zum Smartphone beschränkten Möglichkeiten, ganz schön anspruchsvoll sein kann, ein Buch zu lesen. Den Text bebildert Zedelius mit liebevollen Zeichnungen, die man sich gerne zweimal, dreimal, viermal, fünfmal anschaut.

Parallel wird die Geschichte von Juris Buch erzählt, die gängige Rollen mischt wie die Lose einer Tombola: Eine Maus klopft bei einem riesigen blauen Monster an. «Happ!», macht die Maus und frisst das Monster. Da staunt man nicht schlecht. Auch Frau Asparilla ist überrascht: «Das geht doch gar nicht», sagt sie und versteht die Welt nicht.

Lorenz Pauli aber versteht sie zu erklären. Der Umgang mit digitalen Medien will gelernt sein, denn es wächst gerade die erste Generation heran, die keine Zeit mehr vor der durchdigitalisierten Welt kennt. Umso wichtiger, dass sich auch Kinderbücher diesem Thema annehmen. In «Oje ein Buch» kippt Pauli die gängige Hierarchie: Für einmal ist es der kleine Juri, der der hilflosen Frau Asperilla beibringt, dass man die Seite eines Buches nicht «swipen» kann und dass man eine Geschichte auch mal aushalten muss, ohne dass das nächste Katzenvideo zwei Tabs weiter zur gedanklichen Zerstreuung auf einen wartet. Das Schöne an Kinderbüchern ist, dass sie die Welt in einfachen Worten und Bildern erklären. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, es bleibt kein Platz für Umkreisungen und Ablenkungen – Manöver, die gerade in der Zeit des Internets kultiviert werden. Gleichzeitig schafft es Pauli, mindestens den doppelten Gehalt des lesbaren Textes in Subtext zu packen - das Buch regt zum Denken an. Kindern dürfte es gut gefallen. Erwachsenen auch.