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Heisses aus dem Kalten Krieg - Der Lucens-Gau

Der Berner Krimi-Autor Peter Beutler legt in seinem neusten Doku-Thriller den Fokus auf ein ebenso skurriles wie wahnwitziges Projekt der eidgenössischen Militär- und Atomlobby aus der Blütezeit des Kalten Krieges und zieht dabei Erzählstränge vom Zweiten Weltkrieg bis zur nuklearen Katastrophe von Fukushima.

Nicht von ungefähr nennt der Berner Oberländer den deutschen Schriftsteller Wolfgang Schorlau als eines seiner Vorbilder. Wie Schorlau gelingt es Beutler in seinen Büchern immer wieder auf hervorragende Weise, brisante Themen aus der realen Welt wohldokumentiert in hochspannende, flüssige Fiktion zu übertragen und damit einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Dass er dabei stets auch an scheinbaren Wahrheiten rüttelt, angebliche Tatsachen hinterfragt und auf Ungereimtes hinweist, ist nur eine weitere Parallele zu seinem deutschen Vorbild.

Ging es etwa im «Berner Münstersturz» um den Fall Jeanmaire, in «Hohle Gasse» um prügelnde Luzerner Polizeioffiziere, in «Weissenau» um einen Mord in der Oberländer Fascho-Szene und in «Morgarten» um Bankdaten und den zweifelhaften Suizid eines Häftlings in einem Berner Gefängnis, greift der promovierte Physiko-Chemiker und ehemalige Seminar- und Gymlehrer Beutler mit «Lucens-Gau» ein Thema auf, das er von seiner Ausbildung her bestens kennt: Die Entwicklung der Atomphysik hin zur Nutzung von nuklearer Energie im militärischen und zivilen Bereich, die Geschichte der schweizerischen Versuchsreaktoren über Würenlingen bis Lucens und deren militärische Implikationen.

Armee als Inspirator

«Ich kannte das Labor von Würenlingen durch eigene Versuche während meiner Ausbildung und wäre nach Uni-Abschluss fast dort gelandet», sagt uns Peter Beutler im Gespräch. «Ich konnte mir also ein Bild machen, was dort so läuft. Vor zwei Jahren wurde ich von einem Berufskollegen, der in den 60iger Jahren in Würenlingen tätig war, auf die Geschichte um den Versuchsreaktor von Lucens hingewiesen. Er sagte mir: Du musst Dir bewusst sein, es ging damals um die Atombombe. Ich erhielt über 3 Gigabyte Informationen, Fachliteratur etc. und begann zu recherchieren und Hintergrundinformationen zu sammeln.»

Lange wurde verheimlicht und danach vehement bestritten, dass die Armeeführung die eigentlichen Impulse gab, einen Atomreaktor «Made in Switzerland» zu entwickeln. Der Historiker Tobias Wildi, beispielsweise, der sich in seiner Dissertation «Der Traum vom eigenen Reaktor» mit der Geschichte von Lucens beschäftigte, kam zum Schluss, man habe mit dem Versuchsreaktor ein «Atom-Réduit» schaffen wollen. «Das war auch die einzige Einflussnahme des Militärs, das sonst nichts mit diesem Projekt zu tun hatte», gab er noch 2011 der deutschen «Zeit» zu Protokoll.

«Das stimmt schlicht nicht, das ist einfach nicht wahr», meint Peter Beutler dazu. «Lucens war ein Reaktor mit Natur-Uran und hätte als Spaltprodukt das für die Atombombe notwendige Plutonium geliefert. Genau an dieses Nebenprodukt wollte man kommen. Die Franzosen haben mehrere solche Atomkraftwerke und verwenden das anfallende Plutonium für ihre Bomben. So war es in Lucens: Man wollte den Abfall, und nicht das Produkt Energie. Energetisch hätte es auch nichts gebracht: 1964 haben die USA der Schweiz bereits schlüsselfertige AKWs angeboten, die von der Energieproduktion her viel interessanter waren. Mit ihnen wäre es aber wegen der strengen Kontrolle nicht möglich gewesen, angereichertes Uran zur Seite zu schaffen für die Waffenproduktion. Die Bedingung der USA war: Ihr verzichtet auf eigene Kraftwerke und damit auf die Atombombe.»

Zwar habe der Bundesrat 1964 verkündet, die Atombombe sei keine Option mehr. Trotzdem sei an Lucens weiter gearbeitet worden. «Lucens wurde weiterlaufen gelassen, obwohl es dauernd Pannen gegeben hat und es eigentlich schon absehbar war, dass daraus nichts wird. Aber in den Hinterköpfen der Militärs war halt, dass auch bei kurzer Betriebsdauer ein wenig Plutonium herauszuholen wäre. Generalstabschef Annasohn war einer der Hauptpromotoren, all jene, die den Kauf der Mirage vorangetrieben hatten, das Flugzeug, das fähig gewesen wäre, die Bombe bis nach Moskau zu tragen...» Die Industrie hätte sich weitgehend schon zurückgezogen und jene, die bei der Stange geblieben seien, hätten dies nur wegen dem sonst drohenden Wegfall von andern lukrativen Aufträgen des Bundes gemacht. «Auch was die Wissenschaftler anbelangt, war nurmehr die zweite Garde dabei», betont Peter Beutler. «Die haben es tatsächlich fertiggebracht, dass 1968 der Reaktor zu laufen begann, drei Monate lang, dann musste er wieder abgestellt werden wegen Wassereinbrüchen und wurde umgebaut. Natürlich gab es auch immer wieder warnende Stimmen, wie in meinem Roman der Insider Meichtry, trotzdem erteilte der Bund schliesslich die definitive Betriebsbewilligung, etwas das er nie hätte machen dürfen. Beim erneuten Hochfahren dann gab es eine Kernschmelze, alle andern Erklärungen sind Unsinn. Es passierte im Kleinen, was dann in Fukushima passiert ist.»

Absurder Bundesrat

Er schreibe gegen die Gleichgültigkeit und für die Menschlichkeit, meint der Alt-68er aus dem Kleinbauern- und Arbeitermilieu des Berner Oberlandes. «Ich will mit dem Lucens-Buch wirklich etwas bewirken. Es geht darin ja auch um die Gefährlichkeit der Atomkraftwerke.»

Dass heute der Bundesrat in Sachen atomarer Rüstung erneut laviert und sich weigert, das Internationale Atomwaffenverbot zu unterzeichnen und zur Ratifizierung vorzulegen, findet Peter Beutler absurd und völlig daneben. «Das ist der Einfluss von Maurer und der gestärkten Rechten, mit FDP und SVP, dieses alte Denken, das durchbricht. Es ist skandalös, dass man immer wieder davon anfängt und eine Riesengefahr.» Mit seinem Lucens-Thriller möchte der SP-Gemeinderat von Beatenberg nicht zuletzt auf diese Gefahr hinweisen: «Ich möchte die Bevölkerung daraufhin sensibilisieren, dass wenigstens wir in unserem Land klar sagen: Wir distanzieren uns von der Bombe. Ein Schritt dahin wäre die Ratifizierung des Atomwaffenverbots. Wenn die Schweiz nicht mitmacht, hätte das eine fatale Signalwirkung.»

Gegen die Weisswäscherei

Bereits hat Peter Beutler sein nächstes Buch in Bearbeitung. Mit dem Arbeitstitel «Der Bunker von Gstaad» beschäftigt er sich mit der Geheimarmee P-26. «Ich will einen Kontrapunkt setzen zur skandalösen Weisswäscherei, die mit diesem Thema gegenwärtig betrieben wird.»


Dieser Text erschien in «Unsere Welt», 4/2018