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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Nicht schlecht

Der Berner Autor Peter Fahr hat ein neues Buch veröffentlicht. Es vereint sechs in fast drei Jahrzehnten erschienene Bände. Nichts Neues also, eher das Archiv des bisherigen Schaffens.

«Konstantin Wecker, dessen Lied ich lausche, in Freundschaft gewidmet». Auf der ersten Seite wird ein hoher Ton angeschlagen. Wecker antwortet, sozusagen, auf Seite 330: «Peter Fahrs Gedichte sind – Gedichte. Endlich wieder ein Poet, der sich der Sprache hingibt».

«Selten nur» heisst das stattliche Buch, in dem Peter Fahrs Gedichte aus fast 30 Jahren gesammelt sind, die in sechs Bänden seit 1990 erschienen. In zwei Publikationen (Menetekel, 2005,  und Dekadenzen, 2017) nehmen die Gedichte Bezug zu Geschehnissen und Zitaten, sind also Kommentare, Reaktionen, Repliken. Ein Bespiel: Zum Satz des SVP-Präsidenten Albert Rösti «Kämpfen wir gemeinsam für den Erhalt unseres wunderbaren und einzigartigen Landes!» meint Fahr 2016 unter dem Titel

 

i love switzerland

ich lebe im schlaraffenland,
hier alpenglüht’s und schneit’s.
das volk ist frei und traut sich nicht:
ich lebe in der schweiz.

hier wohnen bauern und bankiers,
vereint in gier und geiz.
man hortet gülle, scheffelt gold
und preist den standort schweiz.

und hast du andere ideen,
dann weiss man das bereits.
dann wirst du lächelnd abserviert:
ich liebe diese schweiz.


Kann man es plakativer sagen? Wo bleibt der Widerhaken der Ironie, wo die Überraschung oder das Schräge oder das, was einem «einfährt»? Wo ist der Gedanke zum Weiterdenken?

Was Fahr schreibt, kann man getrost unterschreiben. Es ist politisch korrekt, stromlinienförmig. Glatt kommen die Verse daher, fragenlos. Mal an Kurt Marti erinnernd, mal an Tucholsky oder Kästner. Dazu ein kleiner Vergleich. Erich Kästner schrieb:

Wird’s besser? Wird’s schlimmer? fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.

Dagegen Fahr 2000:

prosit neujahr! lasst uns das schicksal feiern,
die himmelsmacht, die ewig wahre .
der blick wird trüb, die zunge bleiern:
vor mensch und menschenwerk du uns bewahre!


Man wundert sich, dass so kluge und verständige Menschen wie Jean Ziegler, Hans A. Pestalozzi, Peter Surava, Hans Saner, Simonetta Sommaruga, aber auch Schriftstellerinnen und Schriftsteller, etwa  Silja Walter, Dorothee Sölle, Luise Rinser, Gudrun Pausewang, Hilde Domin, Peter Weibel oder Kurt Marti den Autor Peter Fahr dermassen loben. Konstantin Wecker weist besonders auf Fahrs Satz hin «Wer sich selbst verändert, verändert das Ganze» und vergisst, dass Ludwig Hohl etwa 1934 geschrieben hat «Wenn DU dich verwandelst, verwandelt sich die Welt».

Damit man die Lobesworte findet, sind sie im Buch fein säuberlich aufgelistet, so sorgfältig wie die Gedichtanfänge, die Gedichttitel, die Zitate und das Register der Personen. Schon fast ein Sarg.

Das erste Gedicht im Buch handelt wie das letzte vom Fluss. Dazwischen liegen fast 30 Jahre. 1990 tönte es so:


dasein

flach fliesst der fluss

bis plötzlich
wild
das wasser
fällt
getöse
und

flach fliesst der fluss

bis plötzlich

 

Und jetzt:


der fluss

am grund des flusses rollt ein stein,
sagt rollend ja und rollend nein,
geht hin und her jahraus, jahrein
und hat es satt, ein stein zu sein.

darüber zieht der wellen fluss,
da wasser nun mal fliessen muss.
die wellen sprudeln mit genuss,
sie kennen keinen überdruss.

wir sind die wellen und der stein
und werden immer beides sein.
denn unser schicksal ist der fluss,
der sich im meer vollenden muss.

 

Überrascht der frühere Text mit dem Bruch und offenem Ende, ist im späteren alles abgeschliffen und vorhersehbar. Dass die Bilder in keiner Weise stimmen, verstimmt.

Warum so negativ? Weil das Buch einschliesslich des Tamtams um seine Vernissage im Zentrum Paul Klee den Eindruck zu vermitteln versucht, es gebe einen Schatz zu heben. Der aber besteht, ist das Wasser der Propaganda abgetropft, aus reichlich «normalen» Sätzen von eingemitteter Moral. Kein Geheimtipp, nichts, was man verpasst hätte. Nicht schlecht, aber nicht mehr.

Peter Fahr: Selten nur – Die Gedichte, Münster, Basel 2018, 382 S.