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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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«Klein in den Mitteln, aber unverschämt im Anspruch»

Letzten Freitag feierte das Kornhausforum sein 20-jähriges Bestehen. Zu diesem Anlass sprach der Leiter des Kornhausforums, Bernhard Giger, über die Entwicklung des Kultur- und Gesellschaftsortes im Herzen von Bern. Journal B druckt hier exklusiv Gigers Rede in voller Länge ab.

Das Kornhausforum feiert 20 Jahre Jubiläum (Bild: Archiv)

Lieber Alec von Graffenried
Liebe Gäste

Es soll, noch in Neunzigerjahren, solche gegeben haben, die sich hier durchaus ein Warenhaus vorstellen konnten. Andere bevorzugten Bürolösungen: 1954 hat der Stadtrat einen Vorstoss abgelehnt, der den Umzug der Finanzdirektion, die damals noch im Erlacherhof war, ins Kornhaus forderte, während das Gewerbemuseum an die Junkerngasse gezogen wäre. Eine Schnapsidee. Aber die Vorstellung ist natürlich schon reizvoll, dass ich heute als Leiter des Kornhausforums vielleicht im Büro des Stadtpräsidenten sitzen würde.

Es gab aber, seit den Sechzigerjahren, auch die anderen, die sich wagten, gross und quer zu denken. Eine Gruppe von Architekten und Planern um den Kunsthistoriker Paul Hofer legte 1963 den Entwurf für einen städtischen Gemeinschaftsraum auf dem Areal des einstigen Predigerklosters vor. Das Stadttheater und das anschliessende Verwaltungsgebäude hätten sie durch Neubauten ersetzt, die Kirche und das Kornhaus wären geöffnet worden. Das Konzept folgte einem neuen Verständnis der Stadt, es basierte auf der Idee des Stadtzentrums als Ort des demokratischen Ideenaustausches, der Kultur und der Gemeinschaft, der frei ist von den kommerziellen Zwängen der Main Street. Die klugen Köpfe um Paul Hofer konnten nicht wissen, dass sie damit erstmals ein Modell für ein Kultur- und Begegnungszentrum skizzierten, wie es zwanzig Jahre später mit der Reitschule realisiert wurde – unter komplett anderen politischen und gesellschaftlichen Umständen, aber im Kern dasselbe.

Das Projekt sorgte für Diskussionen – ich erinnere mich, wie mein Vater, durchaus angetan, einmal am Mittagstisch davon erzählt hat, nachdem er am Abend zuvor lange im Du Théâtre versessen war – und das Projekt wurde schubladisiert. Die Idee aber, die blieb in den Köpfen. 1987, im Jahr von Zaffaraya und der Wiedereröffnung der Reitschule, entstand das erste städtische Konzept zum Kornhaus. Was es, in seinen Kernsätzen, forderte, könnte im Zweckartikel unserer Statuten stehen: Ein offenes Haus, in dem kulturelle und gesellschaftliche Anliegen breiter Bevölkerungskreise thematisiert werden. Dafür steht das Kornhausforum – dafür steht ebenso seine Nachbarin, die Kornhausbibliothek – seit nun zwanzig Jahren. Und dann ist in dem Konzept von 1987 auch noch dieser wunderbare Satz zu lesen vom Kornhaus als einem «öffentlichen, zentralen Ort der Stadtgemeinde, der Identifikation erlaubt».

Dinge zu tun, die Identifikation erlauben – welch hehre Aufgabe, hehrer geht’s gar nicht. Aber selbstverständlich machen wir genau das, wir versuchen Identität zu stiften, jeden Tag, indem wir uns überlegen, wie wir den Menschen etwas mitgeben können, das in ihrem Alltag nachhallt. Tönt recht kitschig, aber ich meine: Eine Retrospektive des Fotografen Walter Studer, Fünfziger- und Sechzigerjahre, schwarz-weiss, für die einen Erinnerung, für die Andern Entdeckung, aber ein Stück Biografie und Familiengeschichte so oder so. Eine Ausstellung von Stadtgrün Bern über Aussenräume in städtischen Siedlungen - «walk on the wild side» heisst sie und wir eröffnen sie Ende November –, scheint total trocken, aber es geht um die nahe Zukunft der Stadt, wie wir darin leben und mit ihr umgehen zwischen den Häusern, in denen wir wohnen. Oder, ganz andere Szenerie, der Stadtsaal, der für Jugendliche zum ersten Partyort wurde, vielleicht noch in den Jahren, als man eigentlich zu jung war und reinbrennen musste. Die vergisst man nicht, die ersten wilden Nächte. Die Discokugel, die über die Holzdecke des Stadtsaals funkelt.  

Was vor der eigenen Haustür läuft, ist hier im Gespräch. Die Reihe des Architekturforums Bern zum Viererfeld im nächsten Frühjahr ist bereits geplant, auch die Wettbewerbs-Ausstellung dazu auf der Galerie. Die Architekturabteilungen der Berner Fachhochschule BFH haben an ihrer Jahresausstellung im März die Agglomeration zur Diskussion gestellt. Es war höchste Zeit dafür, wir wissen so wenig über den Lebensraum, in dem die Mehrheit der Bevölkerung lebt. Die Berner Design Stiftung wiederum liegt mit ihrer Jahresausstellung «Bestform» auf einer der ältesten Linien des Hauses: Man nannte es noch nicht Design, sondern angewandte Kunst oder Kunsthandwerk, dafür war das Gewerbemuseum fast hundert Jahre der Ort im Kanton. Ich komme wieder mit meiner Familie: Mein Grossvater hat hier in den Dreissigerjahren Ausstellungen gemacht für den SWB, den Schweizerischen Werkbund, über die Kunst der Buchbinderei. August Stutz hat er geheissen. Seine Buchbinderei war er an der Gerechtigkeitsgasse, vorne wohnen, hinten, gegen die Postgasse, arbeiten. Und immer eine Zigi zwischen die Lippen geklemmt.

Ende Oktober 1998 hat begonnen, was wir heute feiern. Ganz sicher bin ich mir nicht, aber ich glaube, am 31. Oktober 1998 wurde das Forum für Medien und Gestaltung eröffnet. Das neue Kornhaus war eine Wucht. Umgebaut, saniert, restauriert, vom Volk abgesegnet, nicht nur der 15-Millionen-Franken-Umbau, sondern auch die mehrheitlich kulturelle Nutzung des Hauses. «Gewiss: Alles hat seinen Preis,» hatte «Bund»-Redaktor Heinz W. Müller in seinem Kommentar zur gemeinderätlichen Kornhaus-Vorlage 1995 geschrieben. «Das Kornhaus-Engagement der Stadt ist gross – die Stadtkasse leer. Da sich aber die Bernerinnen und Berner vermutlich ihren Gurten von Migros gratis sanieren lassen, werden sie bereit sein, jetzt für ihr Kornhaus in den eigenen Geldbeutel zu langen. Sonst ist dann Hopfen und Malz verloren.»

Der heilige Zorn tat seine Wirkung. Die Regionalbibliothek, die neu eingezogen war und nun Kornhausbibliothek hiess, das Medien-Forum, im Dachstock das Stadttheater, im Erdgeschoss das Café und der Kornhauskeller – nach dramatischem Kulturkampf glücklich restauriert anstatt weiss gestrichen von unten bis oben – als neue Ausgehorte: Zum Jahrhundertwechsel hatte Bern die Mitte doch noch gefunden, die es vierzig Jahre früher ausliess.

Die ersten neun Jahre, als das Kornhausforum zuerst in einer Ko-Leitung von Claudia Rosiny und Peter Eichenberger, später von ihr allein geleitet wurde, waren wahrscheinlich die aufregendsten. Dieser neue Ort zwischen Kultur, Gesellschaft und Politik musste sich erst selber finden und erfinden. Neue Medien waren noch nicht Massenthemen, das Kornhaus wurde zur Plattform einer Avantgarde, die voraussagte, was heute Medienrealität ist. Und es setzte Akzente: Salgados «Workers» wurden hier gezeigt, die wohl erfolgreichste Ausstellung je im Kornhausforum, es gab Werkübersichten und Arbeiten von Adrian Frutiger, Peter Zumthor und Othmar Zschaler zu sehen, und Dokumentationen zur Schweizer Kulturgeschichte. Es kam zu ersten Kooperationen mit Festivals, den Berner Tanztagen zum Beispiel.

2007 der Crash. Der Gemeinderat wollte die Subventionen streichen, im Stadtrat regte sich Widerstand und noch mehr im Umfeld der Trägerschaft, bei Architekten und Planern, beim SWB. So kam ich zum Kornhausforum. Ich wurde angefragt, einen runden Tisch zu moderieren. Was dort besprochen wurde, war der Beginn vom zweiten Anfang. Rund zwei Jahre dauerte der Prozess der Erneuerung, neuer Vertrag, neues Konzept, 300'000 Franken weniger Subvention. Urs Rietmann hat zusammen mit Markus Rub das Forum durch die turbulente Zwischenzeit geführt, wo niemand recht wusste, ob und wie es weitergeht.  

2009 Neustart. Fotografie, Architektur und Design als Themen, im Forum Stadtentwicklung, Raumplanung und Regionale Zusammenarbeit als Richtschnur. Das erste eigene Projekt 2009 war eine Foto-Installation an der Museumsnacht zum Thema städtische Brachen. Wir zeigten grossformatige Bilder vom Rand der Stadt im Weissenstein, eine kleine Wildnis, wo heute ein neues Stadtquartier steht. Programmatisch auf seine Art.

Ich zähle nun nicht alles auf, was wir gemacht haben in den vergangenen zehn Jahren. Es ist, um es kurz zu machen, aufgegangen. Niederschwelligkeit als Prinzip, freier Eintritt, einfache, direkte und unkomplizierte Vermittlung. Enger lokaler Bezug, aber mit sicherem Blick über den Zaun.  Wir verstehen uns nicht als Institution von nationaler Bedeutung und es ist auch nicht unser Ziel, eine zu werden, aber es ist uns wichtig, als Institution von regionaler Bedeutung wahrgenommen zu werden, wie es der Rahmen unseres Leistungsvertrags mit Stadt, Region und Kanton Bern festlegt. Daraus, aus dem lokalen Bezug, leitet sich unser Auftrag ab. Wir stehen, wenn ich das Bild noch einmal bemühen darf, lieber in der Mitte der Berner Kulturlandschaft als am Rand von Zürich.

Es ist aufgegangen. Der Gemeinderat will uns nicht mehr abschaffen. Wenn politisch nichts dazwischenkommt, wird das Kornhausforum ab 2020 den dritten Leistungsvertrag seit dem Neustart haben, den ersten mit einer Erhöhung des Beitrags um 50'000 Franken. Finanziell bewegen wir uns am Limit, das ist nicht aussergewöhnlich, Kulturarbeit, wie wir sie leisten, ist konstant unterfinanziert und erfordert Gratisarbeit in zuweilen erheblichem Mass. Dazu muss man bereit sein, sonst sollte man es besser lassen mit der Kultur. Lamentieren nützt wenig, zwischendurch zünftig schimpfen aber tut gut.

Aus dem etwas machen, was einem zur Verfügung steht, nicht mit Messer und Schere im Kopf, sondern mit Lust und Leidenschaft und eben: mit so viel Trotz und Zorn, wie nötig ist, so verstehe ich die Arbeit, die wir hier machen. Es ist die kleine Form, die wir betreiben, die andere Seite des Events und des Opernzaubers. Aber es ist auch eine freie Wiese, bespielbar in vielen Formen und Genres, einmal subversiv, einmal romantisch.

Ich habe, als Fotografen-Lehrling und Szenegänger, in diesen inzwischen so oft verklärten Jahren der Sechziger und Siebziger, als die Kellertheater moderne Stücke spielten und die Kunstszene neue Horizonte entdeckte, viel gelernt darüber, wie man mit kleinen Mitteln Wirkung erzeugt. Das waren keine Massenspektakel, die damals abgingen, die Legende ist grösser als es der Zuschauerzuspruch war, aber für die, die teilgenommen haben, war es anderes Bern, ein guter Grund jedenfalls, nicht einfach davonzulaufen, wie es einem oft zumute war. Ein wenig von dem möchten auch wir mitnehmen. Das mag sich altmodisch und ein bisschen sentimental anhören, aber es hat sich bewährt. Klein in den Mitteln, aber unverschämt im Anspruch. Läuft nicht schlecht so, dünkt mich.