Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

We gon’ be alright – e wwiita Wäg vo Briens

Die Publizistin Lotta Suter ist zum zweiten Mal in die USA ausgewandert und hat darüber ein Buch geschrieben: «Amerikanerin werden». Zusammen mit dem Rotpunktverlag veranstaltet Journal B die Berner Buchvernissage.

  • Engel und Soldaten in einem Walmart-Gartencenter in Vermont. (Foto: Lotta Suter)
  • Gibt es noch Rettung? (Mailanhang von Lotta Suter)

Die ersten Lebensjahre verbrachte Lotta Suter weit hinten im Berner Oberland: «Ich bewunderte alles an ‘meinem Ort’: den grünblauen See, den Bergkranz, der uns wie ein schützender Ring umgab, die eigenwillige Sprache, Brienzertiitsch.» Mit ihren Eltern zog sie dann nach Luzern. 1970/71 verbrachte sie ein Austauschjahr in den USA. Dann studierte sie in Zürich Philosophie, Politologie und Publizistik. 1981 wurde sie Mitbegründerin und Redaktorin der WochenZeitung (WoZ). 1997 wanderte sie mit ihren vier Kindern in die USA aus und berichtete von nun an als Korrespondentin aus ihrer neuen Welt, unter anderem schrieb sie die Bücher «Einzig und allein. Die USA im Ausnahmezustand» (2003) und «Kein Frieden mehr. Die USA im Kriegszustand» (2008). 2011 kehrte sie für fünf Jahre ins Zürcher Oberland zurück. Im Sommer 2016, «diesmal bereits im Pensionsalter», wanderte sie erneut in die USA aus und schrieb seither das Buch: «Amerikanerin werden. Tagebuch einer Annäherung». Ihr Einbürgerungsverfahren wird voraussichtlich im Sommer 2019 abgeschlossen sein. 

Von Albert Streich, dem Dichter von Brienz, gibt es die Verszeile: «Das ischt e wwiita Wäg!»

Warum will jemand heute Amerikanerin werden?

Dass eine linke Journalistin und Publizistin wie Lotta Suter sich nicht wegen, sondern trotz der aktuellen US-amerikanischen Regierung um die Einbürgerung bemüht, ist selbstverständlich. Sogar die religiöse Gruppierung der Quäker, über die sie im Februar 2017 für eine Reportage recherchiert, steht «entschlossen gegen die umweltzerstörende, fremdenfeindliche und rassistische Politik der Regierung Trump». Was innenpolitisch stattfindet, ist klar: «Klassenkampf von oben». Und aussenpolitisch ist es so: «Zwischen 2015 und dem Oktober 2017 haben die USA in sechsundsiebzig Ländern der Welt Krieg geführt, das heisst Antiterrorismuseinheiten ausgebildet, Militärbasen betrieben, Drohneneinsätze geflogen und auch ganz herkömmlich gekämpft.»

Lotta Suter (Foto: zvg.)

Lotta Suter (Foto: zvg.)

Es ist nicht so, dass Suter im Sommer 2016 bereits definitiv entschlossen ist, Amerikanerin zu werden, als sie sich mit ihrem Partner im Bundesstaat Vermont niederzulässt. Das Tagebuch, das die Zeit vom ersten bis zum letzten Tag des Jahres 2017 umfasst, schildert die Phasen des in ihr reifenden Entschlusses – von der «Permanent Resident Alien», die sich als «teilnehmende Beobachterin» versteht, über das «kosmopolitische Landei» und die «widerstrebende Amerikanerin» bis zur «künftigen schweizerisch-amerikanischen Doppelbürgerin».

Wie dieser Entscheidungsprozess geschildert wird, macht ihr Buch interessant. Natürlich ist das Tagebuch der Text eines politisch informierten und bewussten Kopfes. Aber es ist auch das Buch einer Frau und Partnerin, die konfrontiert wird mit den Andersheiten der Wahlheimat, an die sie sich immer wieder gewöhnen muss: Als Europäerin will sie zum Beispiel von fremden Leuten, etwa im Spital, als «Mrs. Suter», nicht wie in den USA üblich, mit dem Vornamen angesprochen werden. Mit den Temperatur-, Hohl- und Längenmassen Fahrenheit, Pint, Gallon, Inch, Yard oder Mile hat sie ihre Umrechnungsprobleme. Und weil sie keine passende Hülse finden kann, schmuggelt sie aus der Schweiz durch die Kontrollen der Homeland Security ein Standrohr für den Stewi-Wäscheständer, das die Kontrolleure auch mit einer Rohrbombe hätten verwechseln können.

Zögern, Zweifel, Fluchtgedanken, Sorgen

Der Weg zum Entscheid, Amerikanerin zu werden, verläuft in Schlaufen. Suter zögert – etwa wenn sie sich vor dem Fernseher fragt, ob sie das vorhersehbare Geschehen der grossen US-Politik nur deshalb so intensiv verfolge, damit sie ihre «kleinen, persönlichen Schritte der Einbürgerung […] einen weiteren Tag hinausschieben» könne. Suter zweifelt – etwa wenn sie sich nach einem beunruhigenden Traum fragt: «Ob es noch zu früh ist für dieses Buch? Oder für das Amerikanisch-Werden?» Suter flüchtet: «Meine Gedanken fliegen hier- und dorthin, und in jedem Fall weg von dem Land, in dem ich Bürgerin werden will.» Suter sorgt sich – etwa wenn sie die USA als «multikulturelle Einwanderungsnation» immer mehr in Frage gestellt sieht und sich fragt: «Was passiert in diesem Fall rechtlich, aber auch kulturell und gefühlsmässig mit unsereins, den (noch) privilegierten Neuankömmlingen?»

Trotzdem schreibt sie am 3. August 2017: «Für dieses Stück Amerika, diesen ländlichen und doch kulturell und politisch wachen Flecken Vermont habe ich mich entschieden. Hier will ich Amerikanerin werden, soweit ich das noch kann.» Ein erstes Mal reift der Entschluss in ihr übrigens im African American Museum of History and Culture in Washington DC, als ihr klar wird, dass der «bis heute andauernde Kampf gegen Rassismus und für soziale Gerechtigkeit […] ein bedeutsamer Teil der nationalen Identität der USA» ist. Um sich gleich darauf zu fragen: «So empfinde ich es im Stillen. Soll und darf ich, eine hellhäutige Europäerin, es auch laut sagen?»

Der Aussenblick ermöglicht immer wieder genaues Hinschauen, das aber auch immer wieder die Widersprüchlichkeit eigenen Wollens und Handelns spiegelt.

Literatur und Protestkultur

Ob Lotta Suter als politische Journalistin, der es vorab um «klassische Aufklärung» geht, mit diesem Tagebuch einen journalistischen oder einen literarischen Text geschrieben hat, ist eine knifflige Frage. Selber schreibt sie: «Dass ich meine journalistische Arbeit von Anfang an so klar als gesellschaftliche Dienstleistung oder Bürgerinnenpflicht verstand, gab meinem Schreiben Halt und Struktur.» Nur «innerhalb dieses ‘realistischen Rahmens’» habe sie es gewagt, «mit literarischen Schreibformen» zu experimentieren. Dass sie um 2000 für ihre Töchter «eine Reihe eigener Gedichte» habe schreiben können, sei überhaupt erst möglich geworden, «weil wir inzwischen in die USA umgezogen waren». Hier habe sie neu anfangen können, weil niemand sie «als linke Journalistin» bewertet habe. Diese ist sie im deutschen Sprachraum bis heute geblieben, die «lyrischen Gehversuche» – auch Libretti für ihren komponierenden Lebenspartner – hat sie auf englisch geschrieben.

Kurz vor Drucklegung, 2018, hat Lotta Suter ihrem Tagebuch einen «Nachtrag» beigefügt. Hier betont sie, was die USA-Berichterstattung hierzulande in den letzten Monaten nicht sehr hoch gehängt hat: dass die Protestkultur gegen die aktuelle Regierung seit dem Frauenmarsch im Januar 2017 nicht abgerissen ist. An den Demonstrationen gebe es «ein gutes Gleichgewicht zwischen Plakaten und Sprechchören gegen Trumps menschenverachtende Politik und solchen für eine andere, bessere, friedlichere und grünere Welt». Vielleicht, fügt sie fast trotzig bei, seien «Grundwerte wie Solidarität, Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung doch mehr als Altweibergeschichten einer 68erin». Darum hält sie es in diesen abschliessenden Bemerkungen mit dem Rapper Kendrick Lamar: «‘We gon’ be alright’ – wir schaffen das schon, es kommt schon gut.»

Leseprobe: Blick in die medienpolitische Zukunft

«Eine andere oder weitere Frage ist, wie gut die heutigen weitgehend monopolisierten US-Medien, die Noam Chomsky schon vor Jahren als ‘Konsensfabriken’ kritisiert hat, die Aufklärungsfunktion noch erfüllen können. es gibt viele gute Journalistinnen und Reporter, doch nicht genügend bezahlte Aufträge. Vor allem lokale Medien haben finanziell einen sehr schwierigen Stand. Diese Woche habe ich gehört, dass analog zur Bildungshilfsorganisation ‘Teach for America’ nun auch eine Gruppierung ‘Report for America’ geschaffen wurde. In beiden NGOs werden talentierte junge Berufsleute rekrutiert und gegen bescheidenen Lohn zu einem oft mehrjährigen Einsatz in unterversorgte Gegenden der USA geschickt. Eine Art Entwicklungshilfe im eigenen Land. Die jungen Lehrkräfte gehen meist in die Inner Cities, in arme und bildungsschwache Quartiere im Zentrum von Grossstädten. Die Journalistinnen und Journalisten ihrerseits helfen in ländlichen Gebieten aus, deren Medien sich keine bezahlten Reporter (mehr) leisten können.

Ist das wirklich ein tragfähiges Gesellschaftsmodell, wenn lebensnotwendige oder jedenfalls demokratienotwendige Güter wie Bildung und Information als karitativer humanitärer Einsatz speziell organisiert werden müssen? Wären diese Aufgaben nicht Teil eines Service Public, der diesen Namen verdient?» 

Lotta Suter: Amerikanerin werden. Zürich (Rotpunktverlag) 2018, 252 S. (hier S. 183), 28 Franken.