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Knochen, Klagen und Konzerte

Aus den Quartieren

Die Mahogany Hall feiert dieses Jahr ihr fünfzigstes Jubiläum. Die Geschichte der Mahogany Hall ist voller Höhepunkte und Hürden – und vor allem voller Musik.

Die Mahogany Hall in ihren Anfängen. (Foto: zvg)

Am 6. Dezember 1968 eröffnete das Konzertlokal nach viel Arbeit der enthusiastischen Gründer des Logstreet Jazzclubs erstmals seine Türen und feierte mit vollem Haus den Eröffnungsabend. Im Frühjahr 1968 hatte die gleichnamige Band den Verein Longstreet Jazzclub gegründet. Bald hatte dieser Verein mehr als hundert Mitglieder. Nur leider fehlt der Band ein Lokal, um Konzerte zu spielen. Neben dem wöchentlichen Auftritt in der «Schwarzen Tinte», einem Szenelokal für Junge neben dem Kino Capitol, war es schwierig, Orte für Liveauftritte zu finden. Gründungsmitglied Chita Fricker erinnert sich, dass ein Mitglied der Band von einem Leinölfabrikanten wusste, der in einem Abbruchobjekt am Klösterlistutz sein Lager räumen musste. Kurz darauf mietete sich der Longstreet Jazzclub am Klösterlistutz 18 ein. Innert zwei Monaten wurden die Lagerräumlichkeiten zu einem Konzertlokal umgebaut und am Mittwoch, dem 6. Dezember 1968, eröffnet.

Start mit Verboten und Auflagen

«Es war kühl im Dezember und der Gasherd der alten Küche vom ehemaligen Restaurant «Klösterli» ist noch hinten in der Küche gestanden», erzählt Fricker. «Aus Metall wurde kurzum ein Rohr gemacht und so die warme Luft vom Gasherd ins Konzertlokal transportiert. Es war damals alles etwas improvisiert», so Fricker. «Aber wir wussten von Beginn an, wir wollen, dass die Mahogany Hall eine Institution wird.» Die Gründungsmitglieder liessen sich nicht entmutigen, weder von Ausschankverboten, Auflagen der Fremdenpolizei für ausländische Künstler und Künstlerinnen, Billettsteuern, Tanzverboten noch von den Verboten für Strassenmusik oder den nur allzu kurzen Mietfristen. «Wir wollten kein Abbruchobjekt sein. Wir wollten nicht mehr wegzudenken sein», erinnert sich Fricker. Deshalb haben die Mitglieder des Longstreet Jazzclubs kurzum den Renovationsfonds Mahogany Hall erfunden. Den Fonds gab es nicht, aber es wurde fleissig dafür gesammelt, so auch am ersten Gurtenfestival, und das damalige Abbruchobjekt steht noch heute – 50 Jahre später.

Ein Blick ins Innere von damals. (Foto: zvg)

Ein Blick ins Innere von damals. (Foto: zvg)

Müllsauce für den WWF

Kontinuierlich wurde die Mahogany Hall bekannter. «Man machte sich langsam einen Namen und erhielt immer mehr Freiheit», erinnert sich Fricker. Die Zusammenarbeit mit den Behörden wurde einfacher und es konnten immer grössere Veranstaltungen organisiert werden – zum Beispiel das dreitägige WWF-Fest «Fescht für ds Läbe». Neben zahlreichen Konzerten und einer Demo gegen Walfang, organisierte das Mahogany-Team auch eine Installation zum Thema Müll. «Ein Spaziergang vom Blutturm bis zur Mahogany Hall sollte die Entwicklung des Mülls zeigen, begonnen mit lediglich einigen Knochen beim Blutturm bis hin zum geplanten Sperrmüllberg vor der Mahogany.» Die Organisatoren fragten bei der Müllabfuhr für Sperrmüll an. Nur leider ging das Wort «Sperr» bei der Anfrage verloren, lost in translation. Was geliefert wurde, war ein Berg Müll, der an den sonnigen Auffahrtstagen, während welchen das WWF-Fest stattfand, zu modern, zu stinken und zu rinnen begann. «Aus dem gewöhnlichen Ghüder ist eine Sauce Richtung Landhaus hinunter geflossen.» Doch die gute Stimmung an den bewilligten Freiluftkonzerten am Abend konnte auch diese kleine Panne nicht trüben. «Es sind einzelne Sachen, die einem über die Jahre besonders bleiben, und dieses Fest war wirklich einmalig.»

Knochen im Keller

Die Sanierung des eigentlichen Abbruchobjekts war es dann, die den Friedhof des ehemaligen niederen Spitals freilegten. Nur wenige Zentimeter unter dem Fussboden der heutigen Bar stiessen Bauarbeiter 1988 auf mehrere Skelette, total 120 Bestattungen. Der archäologische Dienst Bern kam den Bauarbeitern zu Hilfe. Die gefundenen Skelette wurden alle wieder bestattet, identifiziert konnten die Urbernerinnen und Urberner aber nicht mehr werden. Dies waren aber nicht die einzigen Knochenfunde in der «Mahog», wie die Vereinsmitglieder ihr Lokal liebevoll nennen. Bereits einige Jahre zuvor, nach einer langen Konzertnacht, begann Chita Fricker mit einigen Bandmitgliedern im sandigen Bereich hinter der Bar zu graben. Sie stiessen auf mehrere Stufen und wollten wissen, wo die geheimnisvolle Treppe im Sand hinführte. Etwa auf der vierten Stufe grub Fricker schliesslich einen Knochen aus. Nach einiger Aufregung über den morbiden Fund stellte sich aber heraus, dass es sich beim gefundenen Gebein um den Knochen einer Kuh handelte.

Klagen um Lärm

Wie viele andere Clubs erhielt auch die Mahogany Hall vermehrt Klagen von Nachbarn wegen Lärms. Doch die jahrelange Arbeit und das konstante Engagement des Vereins um die Mahogany Hall hatten ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Mahogany Hall ist auch in den Augen der Stadt geworden, was sich die Gründungsmitglieder von Anfang an gewünscht hatten, eine Institution. Die Stadt Bern – als Eigentümerin der Liegenschaft – entschied, die Mahogany Hall sei erhaltenswürdig und bewilligte im Jahr 2016 eine Sanierung, die die denkmalgeschützten Wände und Fenster entsprechend den Lärmschutznormen dämmte. Damit ist der weitere Konzert-Betrieb im gesetzlichen Immissions-Rahmen möglich und die vielen kommenden Konzerte sind gesichert.

Die Mahogany Hall heute, ein Treffpunkt für alle, die Musik lieben. (Foto: zvg)

Die Mahogany Hall heute, ein Treffpunkt für alle, die Musik lieben. (Foto: zvg)

Vergangene und kommende Konzerte

Auf viele kommende Konzerte freut sich auch Andreas Rupp, Vorstandsmitglied und ehemaliger Präsident der Mahogany Hall. «Vom 26. November bis zum Jubiläumstag, dem 6. Dezember 2018 gibt es jeden Tag Konzerte, von Rap über Singer-Songwriter bis Lindy-Hop ist für jeden Geschmack etwas dabei, bis über den Röstigraben», erzählt Rupp. Es lohnt sich also, einen Blick ins Programm zu werfen. «Aber auch, auf gut Glück vorbeikommen ist immer eine gute Idee, in der Mahogany Hall gibt es immer wieder spannende Künstler zu entdecken», so Rupp. Deshalb freut er sich, dass seit einiger Zeit wieder sogenannte Open-Mic-Abende stattfinden. «Du hast hier eine gute Anlage, es stehen Schlagzeug und Flügel zur Verfügung und damit die idealen Voraussetzungen für alle Arten von Musik.» Nach vorangehender Anmeldung wird jeweils ein Programm mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern zusammengestellt. «Wir hatten schon jemanden, der Kurzgeschichten las, an einem anderen Open-Mic trat ein Zauberer auf und an einem dritten zeigte ein Rapper sein Können,» erinnert sich Rupp. Es sollen Abende sein, die für jung und alt etwas zu bieten haben, aber auch eine Plattform für Leute, die ihre Kunst zeigen möchten.

Aber auch an vergangene Konzerte denken Fricker und Rupp gerne zurück. Unvergessliche Ereignisse in Punkto Konzerten waren die musikalischen Darbietungen auf der Aare. Mit mehreren Weidlingen fuhren Mitte der 70er-Jahre Musiker, Musikerinnen und Zuschauende den Fluss hinunter. Obwohl teilweise die einen Weidlinge zu schnell oder andere zu langsam die Aare hinunter flössten und aus diesem Grund nicht immer alle Zuhörenden die Musik auch effektiv zu hören bekamen, bleiben die Konzerte auf der Aare ein Höhepunkt in der Geschichte der Mahogany Hall, erinnert sich Chita Fricker.

Und was hält die Zukunft für die Mahogany Hall bereit? Welche Hoffnungen und Wünsche bestehen heute für das Traditionslokal? «Es ist wunderschön, dass die Mahogany Hall immer noch als Verein organisiert ist und durch die ehrenamtliche Arbeit vieler Mitglieder weiter bestehen kann. Für die Zukunft wüsche ich mir, dass die Mahogany auch weiterhin ein Ort für junge Leute ist, ein Ort mit durchmischtem Publikum. Mit dem neuen Präsidenten Chris Heimann und anderen jungen Vereinsmitgliedern ist wieder viel neuer Wind in die «Mahog» eingekehrt. Wir freuen uns auf die nächsten fünfzig Jahre und hoffen, auch einige Leser und Leserinnen von Journal B bei unseren Jubiläumsveranstaltungen anzutreffen», schliesst Andreas Rupp.

Sophie Muralt
Quelle: BrunneZytig 2/2018