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Hodlers Parallelismus ist eine schillernde Idee

Heute Abend eröffnet das Kunstmuseum Bern aus Anlass von Ferdinand Hodlers hundertstem Todestag die Ausstellung «Hodler // Parallelismus». Eine Gelegenheit, Berühmtes im Original zu sehen und neu zu entdecken. 

Hier beginnt die Ausstellung: Drei Blicke von Leissigen über den Thunersee Richtung Interlaken. (Foto: Fredi Lerch)

Der monumentale Wilhelm Tell. Der brachiale Holzfäller (in drei Versionen). «Eurythmie», «Die Nacht» und «Die Wahrheit». Und immer wieder mal der Niesen. 

Im Kunstmuseum Bern hängen ab sofort diese und viele andere Bilder Ferdinand Hodlers (1853-1918), die man doch auch einmal im Original gesehen haben möchte, auf zwei Stockwerken verteilt und gegliedert in zehn thematische Gruppen: «Parallelismus der Natur», «Parallelismus der menschlichen Gestalt», «Das Gleichgewicht gegensätzlicher Kräfte», «Vertikaler Parallelismus», «Horizontaler Parallelismus», «Theorie und Kontext», «Die Reduktion auf das Wesentliche», «Parallelismus der Empfindung», «Die Porträts» und «Die späten Genferseelandschaften». Die Ausstellung heisst «Hodler // Parallelismus», ist in Zusammenarbeit mit dem Musée d’art et d’histoire de Genève entstanden und war bis am 19. August in Genf zu sehen.

Aber warum dieses komische Wort Parallelismus – laut Duden «Übereinstimmung, gleichartige Beschaffenheit, genaue Entsprechung»? – Parallelismus war Hodlers Wort, mit dem er sein Sehen und sein Werk beschrieb. So sehr, dass sein Biograf C. A. Loosli von Hodler den Ausspruch überliefert hat: «Mit der Richtigkeit oder Unrichtigkeit meines Parallelismus steht und fällt mein Werk. Entweder ist der Parallelismus, wie ich ihn erkannt, umschrieben und angewandt habe, ein Weltgesetz von allgemeiner Gültigkeit, und dann ist mein Werk von universeller Bedeutung; oder aber ich habe mich geirrt, und in diesem Fall ist mein Schaffen lauter Selbsttäuschung und Trug.»

Buchenwald, 1885-1894 (Kunstmuseum Solothurn, Schenkung Frau Erica Peters im Andenken an Herrn Dr. Rudolf Schmidt, 1971. © Kunstmuseum Solothurn)

Buchenwald, 1885-1894 (Kunstmuseum Solothurn, Schenkung Frau Erica Peters im Andenken an Herrn Dr. Rudolf Schmidt, 1971. © Kunstmuseum Solothurn)

Hodlers ästhetischer Parallelismus

Hodler selber hat spätestens zu Beginn der 1890er Jahre begonnen, in Bezug auf die Wiederholung und Reihung von Bäumen oder Figuren auf seinen Bildern von «Parallelismus» zu sprechen.

Nina Zimmer, Kuratorin der Ausstellung und Direktorin des Kunstmuseums und des Zentrums Paul Klee, erläutert: «Hodler hat den Parallelismus als seine Erfindung verstanden.» Ausgegangen sei er von Rhythmen, Mustern, Wiederholungen und Strukturen in der Natur –  die im Wasser gespiegelte Landschaft als horizontale Wiederholung, die axiale Symmetrie der Lebewesen als vertikale Wiederholung, zum Beispiel. Wichtig zu sehen sei, dass Hodler während seiner häufigen Eisenbahnfahrten auf der Suche nach Rhythmen und Strukturen in der Natur häufig gezeichnet und Notizen gemacht habe. Und er habe sich mit der Chronofotografie beschäftigt, die seit den 1870er Jahren mit Bildsequenzen von mehreren Aufnahmen pro Sekunde Bewegungsabläufe dokumentieren konnte. Im Parallelismus ist der (mobile) Standort des Betrachters und die Bewegung der (vorbeiziehenden) Welt mitbedacht.

Hodlers ethischer Parallelismus

Aber damit ist der Begriff noch nicht ausgeschöpft. Im sehr schön gestalteten Katalog (Verlag Scheidegger & Spiess) spricht der Hodler-Experte Oskar Bätschmann in seinem Essay davon, Hodler habe «ein erweitertes Verständnis» des Begriffs gehabt. Und er versucht, dieses Verständnis des Begriffs anschlussfähig zu machen an den damaligen akademischen Diskurs des «psychophysischen Parallelismus», der um 1900 in den Disziplinen Physik und Psychologie diskutiert worden ist. Allerdings nimmt auch Bätschmann nicht an, dass Hodler damals «eine der überaus zahlreichen Abhandlungen […] studiert haben könnte». 

Eine andere Erweiterung des Begriffs, auf die Bätschmann verweist, scheint plausibler: Hodlers Parallelismus führe auch «eine demokratische und rechtsstaatliche Idee mit sich» – habe also eine über die Ästhetik hinausreichende, politisch-ethische Dimension. Hierzu hat Loosli geschrieben, Hodlers Parallelismus habe nicht, «wie allzuoft irrtümlich und oberflächlich angenommen wird, eine bloss künstlerische, formelhafte, sondern eine eigentlich weltanschauliche, philosophische Bedeutung […], dessen oberstes Gebot im Gemeinschaftsbewusstsein aller Menschen gipfelt. Sind sie doch alle in ihren wesentlichsten Daseinsbedingungen, im Hunger, in der Liebe, in Wachstum, Freude, Leidenschaft, Leid, Krankheit und Tod gleich!» (DU, Nr. 8/1941) Dass Loosli den Parallelismus in Hodlers Sinn zu interpretieren verstand, ergibt sich aus dessen Brief vom 10. Oktober 1907. Nach der Lektüre einer journalistischen Arbeit Looslis über ihn schrieb Hodler: «Endlich sende ich Ihnen Ihren Artikel zurück, Ihr Meisterwerk. […] Sie haben sich in Kürze sehr glücklich ausgedrückt, betreffs des Parallelismus. Ich glaube, dass mich bald einer verstanden hat.» 

Selbstbildnis, 1912 (Kunstmuseum Winterthur, Geschenk der Erben von Dr. Theodor Reinhart, 1919. © Kunstmuseum Winterthur)

Selbstbildnis, 1912 (Kunstmuseum Winterthur, Geschenk der Erben von Dr. Theodor Reinhart, 1919. © Kunstmuseum Winterthur)

Aus der Sicht von Hodler wäre Parallelismus demnach ein vom ethischem Wollen abgeleitetes ästhetische Theorem – also Mittel zum Zweck. Aus kunstwissenschaftlicher Perspektive ist eine solche Argumentation wohl bestenfalls prekär interdisziplinär. Bätschmann versucht Hodlers Parallelismus zu retten, indem er schreibt: «Hodler wollte sich an ‘jedermann’ wenden […], dafür musste er die Gleichheit der Menschen postulieren.» Man kann das so verstehen: Hodler habe in Bezug auf Parallelismus die Sache mit der Gleichheit der Menschen gar nicht wirklich gemeint, sondern das Argument bloss gebraucht, um als Künstler an ein möglichst grosses Publikum zu kommen. Dazu ist folgende Gegenthese denkbar: Hodler meinte genau das, was er sagte. Und darum ist Bätschmanns Argument erst dann richtig, wenn man es umdreht: Hodler wollte die Gleichheit der Menschen, darum musste er postulieren, sich als Künstler an «jedermann» wenden zu wollen. 

Das würde auch bedeuten: Nicht nur ist Hodlers Parallelismus kaum erklärbar aus damaligen akademischen Diskursen («psychophysischer Parallelismus») – der kunstwissenschaftliche Diskurs erklärt bis heute nur bedingt Hodlers Überlegungen, die dieser eben nicht aus Fachliteratur destilliert, sondern mit seinen Kollegen am Stammtisch diskutiert hat. 

Hingehen, es lohnt sich

An der Medienkonferenz fasste Nina Zimmer so zusammen: «Uns ist wichtig, dass wir mit dieser Ausstellung das Prinzip des Parallelismus ins Zentrum stellen. So möchten wir sowohl Expertinnen und Experten als auch jenen einen frischen Blick auf dieses Werk ermöglichen, die Hodler, ohne dessen Theorie zu kennen, entdecken und geniessen möchten.» 

Es lohnt sich, die Ausstellung zu besuchen. Gerade auch für solche, denen die politisch-ethische Dimension von Hodlers Parallelismus als die ins Bild gesetzte Gleichheit und Gleichberechtigtheit der Menschen nicht von vornherein undenkbar ist. Fragen können sie sich zum Beispiel: Was hat uns Hodler zu sagen, die wir seit vielen Jahren in immer kleiner werdenden Subkulturen immer zwanghafter an immer kleineren Differenzen sektiererisch die Welt in Freund und Feind aufzuspalten versuchen – und diese Arbeit im Dienst der politischen Korrektheit für die notwendigste überhaupt erachten? In welchem Verhältnis stehen heute Parallelismus und Diversität? Gleichheit und Gerechtigkeit?

Im Kunstmuseum Bern gibt es jetzt Gelegenheit, sich von Ferdinand Hodlers Werk und der schillernden Idee, unter der es entstanden ist, in viele Richtungen inspirieren zu lassen.