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Alles Literarische ist randständig geworden

Am Donnerstag erhielt Christoph Geiser den Grossen Literaturpreis von Stadt und Kanton Bern. Der Preis, der nur alle vier Jahre verliehen wird, wurde im Rahmen des Berner Literaturfests überreicht. Christoph Geiser bedankte sich mit einer grundsätzlichen Rede zu den Veränderungen in der Wahrnehmung und öffentlichen Bedeutung von Literatur.

Verleihung des Grossen Literaturpreises von Stadt und Kanton Bern an Christoph Geiser, am 23. August 2018 im Progr Bern, Foto: Franziska Rothenbuehler

Frau Regierungsrätin, Herr Stadtpräsident, meine Damen und Herren, liebe Bernerinnen, liebe Berner

Ich bedanke mich sehr herzlich für den grossen Literaturpreis und freue mich, dass ihr mich in all den Jahren nie vergessen habt! Obwohl ich ja ursprünglich Basler bin. Doch was soll Herr Geiser in Basel? Alle meine Bücher sind hier entstanden, im Marzili, seit über vierzig Jahren am Ländteweg, einen Hechtsprung vom Fluss. Hier habe ich schwimmen gelernt, hier bin ich erwachsen geworden. Nun ja, warum soll Herr Geiser nicht ins Ausland gehen – wenn ihr mich dorthin schickt, in die Cité Internationale des Arts zu Madame le Président nach Paris zum Beispiel, oder zu Frau Geiser nach New York. Berlin habe ich der Einfachheit halber eingemeindet. Auch eine Bärenstarke Stadt. Die beiden Stadtpräsidenten, in Berlin heisst er einfach „der Regierende“, pflegen ja einen freundschaftlichen Austausch, wie wir gerade neulich zu erleben Gelegenheit hatten, auf historischem Gelände, an einem sehr heissen Abend. Da weckte die präsidiale Übermittlung der aktuellen Aaretemperatur geradezu Heimweh.

Viele meiner literarischen Stoffe habe ich aus Berlin mitgebracht. Dem Siegreichen Amor bin ich in Berlin begegnet, im Sommer 1983, Amor vincit omnia im Museum, während sie draussen wie die Fliegen starben an der Liebe – und dem Mönch am Meer, dem letzten Menschen auf der äussersten Feste angesichts des absoluten Nichts. Die Trümmer Lenins samt Zauneidechsen habe ich in Berlin gefunden – und Adolph Menzel, Maler und Zeichner des Realismus. Die Kleine Exzellenz aus dem neunzehnten Jahrhundert mit ihrem monumentalen Eisenwalzwerk der industriellen Arbeitswelt und dem Balkonzimmer der Vanitas, diesem Biedermeier Stübchen der bürgerlichen Abgründe, verfolgt mich noch immer. Und immer wieder stolpere ich über die fahl glänzenden Stolpersteine aus Messing, von denen es gerade in meinem Kiez besonders viele gibt. Ganze Hausgemeinschaften deportiert, ermordet, entrechtet und gedemütigt, Flucht in den Tod. Es ist wie mit den Blindgängern. Die Vergangenheit ist nicht vergangen, sie lauert unter dem Boden, und gäbe es keine versierten Sprengmeister, sie würde unkontrolliert hochgehen. Gerade heute ist es nicht schlecht, immer mal wieder zu stolpern, nachdem Europa sich anschickt, erneut Konzentrationslager zu errichten (unter seltsam euphemistischen oder zynischen Bezeichnungen). Fremde sind Freunde, die uns noch nicht kannten, steht auf der Schiefertafel neben dem Mittagsmenü bei Non Solo Vini Ecke Uhland/Güntzel.

Ich bin auch in meinem Berliner Kiez daheim, aber ich bin immer wieder ins Marzili zurückgekehrt, mit dem Geschriebenen im Gepäck, das man hier von mir erwartete. Ich bin ein kommunikativer Autor, der nicht im Bunker schreibt, nicht im funktoten oder luftleeren Raum, sondern auf seine Umgebung, seine Lebensumstände und somit auch auf seine Produktionsbedingungen reagiert. Und – ich brauche Reaktionen. Neulich, bei der Akademietagung in Darmstadt, traf ich Reinhard Jirgl wieder. Seit Reinhard Jirgl hier in Bern im Collegium Generale gelesen hat, eine eigens für Bern zusammengestrichene Lese-Fassung von Abtrünnig, wenn ich mich recht erinnere, komprimiert, damit man in der gegebenen Zeit den Roman auch gefällig vorstellen kann, wollten wir uns immer einmal ausführlich über unsere Zeichensysteme unterhalten. Wenn ich Jirgl lese, höre ich das stakkatohafte Stottern der DDR. Das verhaltene Sprechen. Die marionettenhaften Sprech-Gesten. Genau das wollten wir doch – in der Art von Partituren Gesprochenes in Geschriebenes umsetzen. Der Schrift Stimme verleihen, Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Klang, mit der Hilfe von Zeichen. Ich weiss allerdings nicht, ob sich unsere Absichten wirklich decken. So erinnerte ich Reinhard Jirgl an diese geplante Unterhaltung über Zeichen. Ach, wissen Sie, antwortete er, jetzt, da ich nicht mehr publiziere und mich von der Öffentlichkeit verabschiedet habe, hat das Gespräch keinen Sinn mehr. Nicht informiert über diesen Rückzug, war ich entsetzt. Aber Herr Jirgl – Sie sind Büchnerpreisträger, Träger vieler Preise, Sie können in einem schönen Publikumsverlag veröffentlichen... Letztes Jahr, unterbrach mich Herr Jirgl, bekam ich eine einzige Anfrage für eine Lesung. Das ist demütigend. Dreimal in meinem Leben habe ich mich für das Schreiben entschieden – und gegen die Demütigung, ergänzte ich im Stillen. Alle neu entstehenden Texte verbleiben in Privatbesitz, so steht es auch auf der Webseite des Hanser Verlages. Aber Herr Jirgl – wir brauchen doch Resonanz! Wenn Sie das brauchen, antwortete der Jirgl, dann sind Sie verloren!  

Dass ich noch nicht ganz verloren bin, verdanke ich euch. Im Grund teile ich doch Günter Eichs Zuversicht: In Saloniki / weiss ich einen, der mich liest, / und in Bad Nauheim. / Das sind schon zwei. Und ihr seid ja mehr als zwei.

Eine voreilige Versöhnung?

Ach, wen vermögen wir denn zu brauchen? Engel nicht? Menschen nicht? Und die findigen Tiere merkten es schon, dass wir nicht sehr verlässlich zuhaus wären in der gedeuteten Welt?  

Der Engel der Literatur genügt mir nicht, diese Nachteule, die am Fusse der Pyramide zu Gizeh mit dem Lufthauch ihrer Schwingen den Dichter erweckt. Was soll ich mit Eulen? Mit Engeln?! Ich verginge von ihrem stärkeren Dasein. Und die Nachtigallen machen mir zu viel Lärm. In Berlin gibt es so viele.

Auch Literarisches Schreiben ist ein kommunikativer Akt, der auf die Öffentlichkeit zielt. Selbst die artistische Kommunikationsverweigerung – Holzfällen! Eine Erregung! – ist auf Kommunikation bezogen, will Wahrnehmung, will Resonanz. Thomas Bernhard: Auftreten, lesen, Buch zuklappen, von der Bühne abtreten. Und danach, hinterm Theatervorhang versteckt, lauschen, wie über einen geredet wird... um dann, womöglich, die Kritiker zu beschimpfen, das Publikum, die Zuhörer, die Leserschaft. Wenn das kein frühlingshaftes Spatzengeztschilp ist im Gebüsch... oder ein Amselgezeter... ich habe nichts gegen Vögel.  

Auf Resonanz verzichten? Freiwillig? Ein Akt der Verzweiflung – oder, anders gesagt, Ausdruck des Zweifels an der Relevanz der Öffentlichkeit. Spatzengetwitter? Ist die Öffentlichkeit keine Partnerin mehr? Ob sie je verlässlich war, als Partnerin oder als Partner, darüber kann man streiten – aber die professionelle Werbung um die Gunst der Öffentlichkeit war zu unterscheiden von der dilettantischen Liebhaberei. Kann man die Öffentlichkeit lieb haben? Wer ist die Öffentlichkeit?  

Die Öffentlichkeit ist durchaus personifiziert – geradezu greifbar. Eine Verlegerin ist eine Instanz der Öffentlichkeit. Renate Nagel, meine Verlegerin und Lektorin während eines Vierteljahrhunderts, sagte in einem Interview, das sie zu Beginn ihrer selbständigen verlegerischen Tätigkeit 1984 dem Börsenblatt des Deutschen Buchhandels gab: „Was wir nicht publizieren, das ist so gut, als wär’ es nicht geschrieben. Das macht einen kleinlaut.“ Werner Weber verfügte, in seiner berühmten Spalte am Wochenende links innen im Blatt, wer, als Autor, im Kommen ist und wer schon da ist. Oder – falls von wb. übersehen und nicht erwähnt im Blatt – weder kommt noch da ist. Von MRR, R.I.P., gar nicht zu reden... da verkommt die Instanz fast schon zur Karikatur. Aber immerhin noch vor dem Hintergrund des Kanons der Weltliteratur.

Brauche ich den Kanon? Kann ich mich mit einem Publikum verständigen, das meine Referenztexte nicht mehr kennt? Brauche ich Instanzen? Die Lektoratsschlachten mit Renate Nagel gemahnten mich an das Aushandeln einer Resolution im UNO-Sicherheitsrat, womöglich zum Nahostkonflikt. Höchste Brisanz, höchste Verbindlichkeit. Ob es gut ist, den König zu töten, oder nicht, ist bekanntlich eine Frage der Interpunktion, des Kommas, ob’s gesetzt ist und wo. Unser letztes Gefecht, bei dem es nur noch um die Satzzeichen ging, erinnert mich an die Troer, die noch Stückchen in den dreifachen Holztoren der Stadtmauer zurechtrückten, während der falsche Gaul schon in der Stadt war.

Auf verlorenem Posten? Und der Jirgl behielt recht?

In der DDR, in der Reinhard Jirgl zu schreiben anfing und nicht publizieren konnte, gab es eine Gegenöffentlichkeit. Das waren zwar private Leseveranstaltungen in der Wohnstube, das Publikum war aber nicht privat, sondern professionell. Eine Gegenöffentlichkeit setzt eine definierte Öffentlichkeit voraus... die Situationen sind nicht vergleichbar. Die Lage ist unübersichtlich geworden.

Weltliteratur ist das Grinsen der Katze im Baum ohne Katze – und Baum. Tote Dichter antworten nicht. Die Lebenden? Ja, es gibt diese konspirativen Treffen, auf Inseln oder Hügeln, bei denen man sich hinter verschlossenen Türen gegenseitig Texte vorliest und sie ohne Vorbehalt kritisiert – die Öffentlichkeit – bestehend aus Verlagspersonen und Mitgliedern des Feuilletons, als Instanzen – bleibt ausgesperrt.

Ein Dialog unter Fachkollegen? Und die (abwesende) Öffentlichkeit wäre in diesem Dialog als Gesprächsgegenstand ein Phantom?

Die Öffentlichkeit ist konkret – die Öffentlichkeit der Buchpreise, die demnächst den Nobelpreis ersetzen, die Buchmessen, wer je in Leipzig war, weiss wie erdrückend die Öffentlichkeit in diesen gläsernen Messetunnels ist. Nichts für Klaustrophobiker. Die Öffentlichkeit ist die Mehrheit, die Öffentlichkeit ist die Masse, und was öffentlich ist, bestimmt der Kommerz – die Meinungsvielfalt ist eine Illusion. Die Benutzerfreundlichkeit der neuen Medien erhöht nur den Lärmpegel und damit den Grad der Unschärfe der Wahrnehmung. Auch moralische Empörung muss sich verkaufen, sonst wird sie nicht gehört oder verpufft mitsamt den vernetzten Filterblasen, die ja auch vom Kommerz genährt werden. Vanitas vanitatum et omnia vanitas. Ein Haschen nach Wind. Oder ein Bauen auf Treibsand. Natürlich mag ein Klima allgemeiner Verunsicherung und politischer Surrealität als kreative Chance erscheinen, dem, der im Glashaus des Intelligenzblattes sitzt. Die Leute draussen aber wollen umso mehr moralische Gewissheiten, Gewissheit um jeden Preis, selbst um den Preis des medialen Lynchings. Schalter um, Schluss, fertig. Die kostengünstige Lösung. Das Böse ist bekannt, die Bestie ist benannt. Es herrscht Einigkeit, man will ja unter Geschwistern sein. Wer den Konsens in Frage stellt – das Böse hinterfragt –, am gesellschaftlichen Nutzen der ewigen Verdammnis zweifelt, nur wissen will, was wirklich war und hinter den Fakten die Erzählung sucht, die nur literarisch zu haben ist: wird nicht zugelassen zum Prozess der Wahrheitsfindung, kommt nicht ins Schloss, nicht einmal auf den Parkplatz (der Mobilen Polizei in Schafisheim).

Bin – auch – ich elitär? Womöglich undemokratisch? Weil mir der Rechtsstaat wichtiger wäre als die Volksherrschaft? Und so wäre die Jirglsche Lösung die einzig konsequente auch hier?

Ansichten sind nicht meine Stärke, für Meinungen bin ich nicht zuständig, sondern für Sprache und Rhetorik, für Motive und Metaphern, für Erzählstrukturen und literarische Traditionen, für Bedeutungsfelder und Satzzeichen. Die Vielfalt sprachlicher Möglichkeiten zu nützen ist meine Aufgabe. Gelobt sei die babylonische Sprachverwirrung! Ich will nicht reden wie alle reden – sondern womöglich in Zungen. Die Linguisten aber sagen uns, der zunehmend weltumspannende Handel führe zum Verschwinden sprachlicher Vielfalt. Laufend verschwinden Sprachen, weil man sich ja weltweit verständigen muss, um global Geschäfte machen zu können. Die Zukunft des Deutschen liegt allenfalls in seiner dialektalen Randständigkeit, sagen uns die Linguisten schon lange.

Alles Literarische ist randständig geworden.

Muss ich denn konsequent sein? So kompromisslos bin ich nicht, aber für einen Kompromiss braucht’s ein Gegenüber.  

Soll ich mich in die Archive verkriechen, in der Hoffnung auf ein work in progress postum?

Im Gedächtnis geblieben ist mir seit Jahrzehnten der schöne Titel eines solchen postumen work in progress: „Von den hereinbrechenden Rändern.“ Auch Ludwig Hohl wäre heute nur noch im Archiv oder im Antiquariat greifbar, gäbe es keine Ludwig Hohl Stiftung. „Von den hereinbrechenden Rändern“ – klingt nicht nur schön, sondern auch bedrohlich. Die Ränder garantieren die Stabilität des Zentrums, das sie umschliessen, begrenzen, definieren. Das Zentrum ist eine Bestimmung der Ränder und umgekehrt. Stelln Sie sich vor – plötzlich knallt Ihnen so ein Stück Rand vor die Flosse und Sie gucken nach oben und da klafft ein Loch in die Schwärze des Nichts. Eine Frühwarnung quasi. Da zeigen sich Risse am Rand, das Krakelee im Firniss des Weltbilds. Und nun – was fangen Sie an mit dem Stück Rand vor Ihren Füssen? Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie’s nicht einfach wegkicken, weg klicken, sondern aufheben. Betrachten, ja womöglich vorzeigen. Seht her – Was ist Das? Eine Zerzählung womöglich. Den Begriff habe ich geklaut. Von Peter Lehner. Aber – wer war Peter Lehner? Hat wenigstens grad noch ein paar Zeilen bei Wikipedia und in dem einen oder andern Lexikon. So bedanke ich mich zu guter Letzt auch bei all den Verschwundenen. Vergessenen. Im Main Stream Untergegangenen. Den sich Jirglsch Verweigernden. Den Verbrannten, Verglühten, Meteoriten, Kometen, Asteroiden, Irrgästen aus den Tiefen des literarischen Alls, die uns Trümmer hinterliessen. Fragmente des Literarischen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Christoph Geiser. Bern, am 23. August 2018