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Das kleinste Museum der Altstadt

Aus den Quartieren

Hinter der frisch renovierten Fassade des Hauses Herrengasse 13 verbirgt sich ein winziges Museum: In einer Vitrine im Parterre werden Fundstücke ausgestellt, die während des Umbaus 2017 hinter dem Täfer gefunden wurden. Jedes Objekt erzählt seine eigene, spannende Geschichte.

Eingang zum Haus Herrengasse 13 mit Jahrzahl 1560 und hebräischer Inschrift im Kielbogen. (Foto: zvg)

Wer durch die Herrengasse spaziert, bemerkt mit Sicherheit die renovierte Fassade des Hauses Nummer 13 mit dem eleganten gotischen Eingang und der Jahrzahl 1560. Wer noch genauer hinsieht, entdeckt auf dem Kielbogen eine hebräische Inschrift und die Initialen WM. Diese liess der damals neue Hausbesitzer, der humanistisch gebildete Theologieprofessor Wolfgang Müslin (1497−1563), hier anbringen. Die hebräische Inschrift verweist auf Psalm 127,1 und lautet in der Luther-Übersetzung: «Wo der Herr nicht das Haus bawet / So arbeiten umb sonst / die daran bawen». Und weiter unten, beim einstigen Kellereingang, fast auf Trottoirhöhe, findet sich in griechischen Buchstaben 1. Timotheus 5,25: «Brauche ein wenig Wein». Im Keller wurde der Wein gelagert, das Zitat mahnt zum mässigen Weingenuss. Doch neben diesen bekannten Zitaten hat das Haus Herrengasse 13 noch anderes Interessantes zu bieten.

Raumteilende Vitrine mit Fundstücken, die sich bis zum Umbau 2017 hinter dem Täfer versteckten. (Foto: zvg)

Raumteilende Vitrine mit Fundstücken, die sich bis zum Umbau 2017 hinter dem Täfer versteckten. (Foto: zvg)

Von ausgesuchten Teespezialitäten ...

In einer raffiniert in den Eingangsbereich integrierten Vitrine, die gleichzeitig als Raumteiler und Lichtkörper dient, sind ein paar zufällig beim jüngsten Umbau zum Vorschein gekommene Objekte wirkungsvoll ausgestellt. Jeder Gegenstand hat seine eigene Geschichte zu den Bewohnern und der Geschichte des Hauses zu erzählen: Da ist etwa das papierene, stockfleckige Säcklein, das auf einen Einkauf im Kolonialwarenladen von «E. Eggemann, London & Berne» hinweist. Dieses Geschäft an der Ecke Bärenplatz-Schauplatzgasse (heute eine Cafébar) existierte nur wenige Jahre. Gegründet und betrieben wurde es ab 1871 von Edward Simpkin und Ernst Eggemann als Comestibleshandlung mit Feinkostangeboten wie «aechte neapolitanische Maccaroni», «geräucherter schottischer Salm», «Gothaer Cervelat und Trüffelwurst», «englische Biscuits» oder «aechte englische Biere» wie «India Pale Ale».

Besonders aber war die Feinkosthandlung spezialisiert auf feinste chinesische Teequalitäten, dazu bot sie auch die entsprechend schön dekorierten Teebüchsen an. Vermutlich war der aus Leicester stammende Simpkin für den Import der Waren aus England zuständig. Bereits 1873 trennen sich aber die Geschäftspartner und Eggemann führt die Handlung bis 1875 unter seinem Namen weiter. Simpkins scheint nach der Geschäftsaufgabe mit seiner Familie nach England verzogen zu sein. Seine Frau, die Bernerin Charlotte Elisabeth von Rodt, kehrte nach der Auflösung der Ehe 1879 mit ihren beiden Töchtern wieder in die Schweiz zurück und führte unter dem Namen «Pension Simpkin» ein im englischen Stil gehaltenes Gästehaus im Küblibad bei Interlaken. Die geräumige Pension war bald ein beliebtes Ziel englischer Touristen.

Einkaufssäcklein aus den 1870er-Jahren aus einem Comestiblesgeschäft am Bundeshausplatz. (Foto: zvg)

Einkaufssäcklein aus den 1870er-Jahren aus einem Comestiblesgeschäft am Bundeshausplatz. (Foto: zvg)

... bis zum Hudson River

Das Säcklein aus der Comestiblehandlung kann also nur in einem sehr kurzen Zeitraum, nämlich zwischen 1873 und 1875, seinen Weg in die Herrengasse gefunden haben. Dem etwa gleichen Zeitraum zuzuordnen ist ein weiteres Fundstück, nämlich die Titelseite des 1874 erstmals erschienenen Unterhaltungsblattes «Sorgenlose Stunden im Kreise beliebter Erzähler», herausgegeben von Friedrich Wilhelm von Hackländer (1816−1870) im Auftrag des Stuttgarter Verlagsunternehmens Adolf Kröner. Die bis 1877 erscheinenden illustrierten Hefte enthielten jeweils eine abgeschlossene Novelle oder Erzählung und wurden gerne als «Reiselectüre» empfohlen. Hackländer, Hofrat, Sekretär und Reisebegleiter des Kronprinzen von Württemberg, später Schriftsteller und Orientreisender, war einer der meist gelesenen und publikumswirksamsten Autoren des 19. Jahrhunderts. Neben anderen Autoren steuerte Hackländer zahlreiche Erzählungen für die Unterhaltungshefte bei und bewarb mit seinem Namen deren erfolgreiche Einführung auf dem Markt.

Neben dem Tee und der Reiselektüre deutet ein weiteres Fundstück auf eine reiseerfahrene oder zumindest mit der weiten Welt in Kontakt stehende Bewohnerschaft hin. Eine leider nicht mehr leserliche kleine Faltkarte, wohl eine Art Visitenkarte, zeigt ein hübsches koloriertes Bild mit der Unterschrift «West Point Hudson». Der Blick von der im Orange County, New York liegenden Festungsanlage aus dem Unabhängigkeitskrieg auf den Hudson River, der dort eine pittoreske S-Kurve fliesst, war ein damals oft gemaltes und beliebtes touristisches Sujet. Warum und auf welchen Wegen kam die Karte nach Bern? Teilen sich die Fundstücke etwa eine gemeinsame Geschichte? Solche und weitere Fragen stellen sich auch bei den anderen ausgestellten Objekten. Etwa: Was suchen drei elegante Gabeln, darunter eine auf 1857 datierte und mit Monogramm versehene, wohl Teil eines Hochzeitsgeschenkes, hinter dem Täfer? Alle Gegenstände sind wohl durch Zufall hinter dem Täfer verschwunden und über 150 Jahre verborgen geblieben. Es sind überraschende Zeitzeugen gelebten Lebens und Wohnens. Wer weiss, was sie uns noch alles erzählen wollen?


Von: Claudia Engler
Aus: BrunneZytig Ausgabe Nr. 2/2018