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Stephan Märki und die Verluderung der Kulturszene

Stephan Märki tritt als Intendant von KonzertTheaterBern zurück. Seine persönliche Beziehung zu einer leitenden Mitarbeiterin mache ihn erpressbar. Die «NZZ» wittert Kannibalismus am Theater und die Verluderung der Kulturszene.

Die «NZZ» schriebt nach dem Rücktritt Märkis von der Verluderung der Kulturszene. Zu Recht? (Foto: Manu Friederich)

Am Montag vor einer Woche wurde im Kornhausforum in sehr harmonischer Weise über die Zukunft von KonzertTheaterBern diskutiert, und diese Zukunft schien bestens aufgegleist. Das Führungsmodell habe sich bewährt, wurde dem Publikum mitgeteilt, es bestünden flache Hierarchien mit grosser Autonomie für die beteiligten Spartenleiterinnen und Spartenleiter. Der geräuschvolle Abgang von zwei Schauspieldirektorinnen und einem Schauspieldirektor sei allein auf bedauerliche persönliche Gründe zurückzuführen. Ein Anlass zu irgendeiner Überprüfung oder Änderung bestehe nicht.

Vier Tage später lag das Kartenhaus am Boden. Der seit wenigen Tagen amtierende neue Stiftungsrat von KonzertTheaterBern hatte kurzfristig zu einer Medienkonferenz eingeladen, an welcher Stephan Märki seinen Abgang und denjenigen von Sophie-Thérèse Krempl mit sofortiger Wirkung mitteilte. Zwischen ihnen bestehe eine persönliche Beziehung, und diese mache eine Weiterarbeit unmöglich. Im Übrigen habe er während seiner ganzen Tätigkeit geschäftliche und private Angelegenheiten immer sauber getrennt. Die neue Präsidentin des Stiftungsrates, Nadine Borter, teilte mit, dass man sich auf eine sofortige Freistellung von Märki und Krempl geeinigt habe und dass man jetzt nach Übergangslösungen suche.

Böse Worte aus der NZZ-Redaktion

Seither diskutiert das Feuilleton, ob denn eine Beziehung zu einer Mitarbeiterin wirklich verwerflich und ein Grund für eine Kündigung sei. Am buntesten treibt es die Theaterkritikerin der NZZ, Daniele Muscionico, welche vom «letzten Akt einer Kampagne» schreibt. Nicht die künstlerische Leistung, sondern das Privatleben des Intendanten sei der Qualifikationsmassstab geworden. Im Bereich des Theaters seien intime Beziehungen keine Seltenheit, und was da in Bern abgehe, sei Kannibalismus und die Verluderung der Kulturszene. Schliesslich gebe es keine Fakten, wonach Stephan Märki jemals jemanden persönlich bevorzugt habe.

Die gleiche Journalistin hatte sich schon im Mai beim Schauspielensemble von KonzertTheaterBern unbeliebt gemacht, als sie den Verzicht des amtierenden Schauspieldirektors Cihan Inan auf eine Verlängerung seines 2019 auslaufenden Vertrages mit der saloppen Formel kommentierte, Unruhe sei immer gut für die Kunst. Das ganze Ensemble wehrte sich in einem offenen Brief gegen diesen Artikel. Frau Muscionico verwechsle künstlerische Unruhe mit personellen Unruhen. Künstlerische Unruhe setze Kontinuität und Vertrauen voraus, und diese seien in Bern eben gerade nicht mehr gegeben.

Tatsächlich scheint sich Frau Muscionico damals so wenig wie heute um die Fakten zu kümmern. In ihrer Wahrnehmung ist Stephan Märki ein erfolgreicher Intendant, und das Stadttheater stehe künstlerisch und finanziell hervorragend da. Die Behauptung, dass Stephan Märki nicht zwischen geschäftlicher und privater Tätigkeit unterscheide, sei faktenfreier Gossip. Woher eigentlich kommt es, dass sich die Zürcher Journalistin da so sicher ist?

Ein kurzer Rückblick

Zwei Tage nach Muscionicos Tirade präsentierte die «Sonntags-Zeitung» Ergebnisse einer Recherche zum Thema. So hatte Märki schon gegenüber der früheren Schauspieldirektorin Stephanie Gräve die Bedingung gestellt, dass seine Lebenspartnerin aus Weimarer Zeiten, Claudia Meyer, als Hausregisseurin engagiert werde und zwei Inszenierungen pro Spielzeit machen dürfe. Gleichzeitig musste ihr auch noch ein Mitspracherecht bei der Verpflichtung von Schauspielerinnen und Schauspielern eingeräumt werden. Wo blieb da die Autonomie der Schauspielleitung? Und wo blieb die Trennung von Privatem und Geschäft?

Als Sophie-Thérèse Krempl 2012 im Gefolge von Stephan Märki aus Weimer nach Bern kam, wurde sie als Assistentin des Direktors angestellt. Nach dem Weggang von Iris Laufenberg als Schauspielleiterin und der Freistellung ihrer Nachfolgerin Stephanie Gräve stieg Krempl zur leitenden Dramaturgin auf, später erfand man für sie eine neue Stelle als Leiterin der Kommunikation. Beide Stellen waren mit dem Einsitz in der Geschäftsleitung verbunden, für beide erfolgte nie eine Ausschreibung. Stephan Märki hatte einfach aufgrund seiner Machtstellung seine Freundin Sophie-Thérèse Krempl für diese Stellen portiert, ohne den Stiftungsrat über die persönliche Nähe zu dieser Person zu informieren. Angesichts seiner privaten Interessen hätte er beim Berufungsverfahren klarerweise in den Ausstand treten müssen. Wo blieb da die Trennung von Privatem und Geschäft?

Das System Märki eskalierte, als sich der neue Schauspieldirektor Cihan Inan im Mai 2018 mit dieser Vermischung von privater Beziehung und geschäftlicher Stellung nicht mehr abfinden wollte. Er verlangte, dass Sophie-Thérèse Krempl aus seinem Tätigkeitsbereich verschwinde. Als sich Stephan Märki weigerte, dies zu tun, und ihm der Stiftungsrat Recht gab, zog Inan die Konsequenzen. Er hatte verstanden, dass angesichts der Vermengung von Beruflichem und Privatem auf der obersten Geschäftsleitungsebene eine erfolgreiche Tätigkeit nicht möglich war.

Ist es Gossip, auf solche Entwicklungen hinzuweisen und auch die Namen der beteiligten Personen zu nennen? Muss die Vermischung von Privatem und Geschäftlichem in einem Theater einfach hingenommen werden, wie Frau Muscionico meint? Ist es Kampagnenjournalismus, wenn sich jemand gegen solche feudalistischen Zustände wehrt?

Und jetzt?

Man muss sich natürlich fragen, weshalb dieses System Märki solange funktionieren konnte. Die Spatzen pfiffen es vom Theaterdach, und Cihan Inan verlangte explizit das Ende dieser Günstlingswirtschaft. Trotzdem behauptet der Stiftungsrat heute, von allem nichts gewusst zu haben. Die Leute dieses Stiftungsrates leben nicht auf dem Mond, sie lesen regelmässig Zeitung und sie haben sich nach eignen Aussagen bei Stephan Märki nach den Fakten erkundigt. Wenn sie also trotz aller Hinweise nichts Sicheres gewusst haben, so kann das nur bedeuten, dass Märki ihnen die Wahrheit verschwiegen hat. Bis diese aus einem bisher noch nicht bekannten Grund eben doch ans Licht kam.

Fazit: Es gibt keinen Kannibalismus am Theater Bern und die Berner Kulturszene ist alles andere als verludert. Sie hat sich gerade jetzt erfolgreich gegen Verluderung gewehrt, indem sie sich von einem Intendanten befreit hat, welcher es offenbar sowohl mit der Trennung von Geschäftlichem und Privatem als auch mit der Treuepflicht gegenüber seinem Arbeitgeber nicht allzu genau genommen hat. Der Schaden in Bezug auf die verlorenen Leiterinnen und Leiter der Schauspielabteilung und die weggegangenen Schauspielerinnen und Schauspieler, die alle gute Arbeit geleistet haben, ist angerichtet, und dass Stephan Märki jetzt trotz seiner Illoyalität noch weiter Lohn bezieht, ist ärgerlich. Ärgerlich ist auch, dass über den von Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern zu berappenden Lohn des Intendanten Stillschweigen bewahrt wird, wo wir doch über Löhne des Bundessrates, des Stadtpräsidenten, der Chefs von SBB und Post und anderer Trägerinnen und Träger öffentlicher Funktionen wie selbstverständlich informiert werden. Sei's drum. Grund zur Freude ist zumindest, dass die Eiterblase geplatzt ist und dass ein neuer Stiftungsrat am Werk ist, der sich offenbar nicht mehr so leicht an der Nase herumführen lässt.