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Journal B

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Vorhang zu und (fast) alle Fragen offen

Stephan Märki und Sophie-Thérèse Krempl verlassen Konzert Theater Bern Knall auf Fall. Dies gaben Märki und der Stiftungsrat am Freitag bekannt. Offizieller Grund ist die Beziehung von Märki und Krempl. Viele Fragen harren der Beantwortung.

Die Fakten sind rasch erzählt: Intendant Stephan Märki und Sophie-Thérèse Krempl, Leiterin Kommunikation sowie Kooperations- und Sonderprojekte, treten per sofort von ihren Funktionen bei Konzert Theater Bern (KTB) zurück. Sie sind seit Frühjahr 2017 ein Paar. Was in Bern seit langem ein offenes Geheimnis ist und auch in Journal B erwähnt worden ist, hat der Stiftungsrat KTB nach eigener Aussage erst am Dienstag sicher erfahren. In langen Tagen und schlafarmen Nächten wurde die erwähnte Lösung gefunden und am Freitag um 14 Uhr an einer Medienkonferenz vorgestellt, zu der die Einladung wenige Stunden zuvor vermailt worden war. Stephan Märki, dessen Vertrag bis Mitte 2021 läuft, bezieht Lohn bis Ende April 2019. Er wird dafür Sonderaufgaben erfüllen. Die Gesamtleitung von KTB übernimmt bis auf weiteres Anton Stocker, der kaufmännische Direktor, mit externer Unterstützung. Der Stiftungsrat lobt die Offenheit der beiden Abtretenden und rühmt ihre Leistungen für KTB in den höchsten Tönen. Da KTB als öffentliche Institution einer vorbildlichen Compliance verpflichtet sei, erscheine die Trennung jedoch unumgänglich. Als Lehre aus dem Geschehenen plant der Stiftungsrat einen Verhaltenskodex mit höchsten Ansprüchen für die rund 550 Mitarbeitenden von KTB.

Bizarre Medienkonferenz

Das könnte es gewesen sein. Mehr Fakten waren an der Medienkonferenz nicht zu eruieren. Die Konferenz selbst war theaterreif. Es redeten Stephan Märki, die seit sechs Tagen im Präsidium installierte Nadine Borter sowie ihr Vorgänger und Noch-Stiftungsrat Marcel Brülhart. Als alle ihre Texte abgelesen hatten, verabschiedete sich Märki ; Borter und Brülhart waren bereit, Einzelinterviews zu geben, wollten aber keine Fragen im «Plenum» zulassen. In einer Intervention, fast einem kleinen Tumult, errangen die Medienleute eine ordentliche Konferenz.

Deren Erkenntnis: Der Stiftungsrat erklärt felsenfest, erst am Dienstag (3. Juli) sichere Kenntnis von der Beziehung Märki-Krempl erlangt zu haben. Er darf beanspruchen, dass man ihm dies glaubt. Trotzdem: Keine Medienvertreterin und kein Medienvertreter kann dies nachvollziehen. Das Bemühen um eine faire und vorurteilslose Berichterstattung wird auf eine harte Probe gestellt. Immerhin erscheint Nadine Borter bei ihrem ersten Auftritt in der neuen Funktion offen und bereit zur Auseinandersetzung.

Viele Fragen bleiben

Nachdem der Pulverdampf sich verzogen hat, bleiben viele Fragen, denen wir in den nächsten Tagen nachgehen. Hier einige davon:

- Wie glaubwürdig ist die Beteuerung des Stiftungsrats, vor dem 3. Juli nicht sicher von der Beziehung Märki-Krempl gewusst zu haben? Haben nicht schon Stephanie Gräve und insbesondre Cihan Inan auf dieses Problem hingewiesen? Und falls die Beteuerung zutrifft: Was sagt sie aus über Haltung und Verhalten des Stiftungsrats?

- Wie bewertet der Stiftungsrat die Tatsache, dass die Beziehung seit Frühjahr 2017 dauert und erst am 3. Juli 2018 bekannt worden ist?

- Wenn Märki und Krempl Privates und Berufliches lange so klar voneinander getrennt haben, dass selbst enge Mitarbeitende von ihrer Beziehung nichts geahnt haben (wie gesagt wird), was hat sie bewogen, gerade am 3. Juli die Tarnung aufzuheben?

- Ist die Beziehung a priori unhaltbar, weil nach «Compliance»-Regeln verpönt? Oder ist sie unhaltbar, weil sie nicht offen bekannt gemacht worden ist? Anders gefragt: Müssen Märki und Krempl gehen, weil sie eine Beziehung haben oder weil sie diese lange verheimlichten?

- Behandeln «Compliance»-Regeln Liebe zu Recht anders, schärfer und unerbittlicher, als etwa Hass, Neid, Missgunst, die unter Kolleginnen und Kollegen nicht selten sind und Entscheidungen beeinflussen können?

- Was bitte ist genau «Compliance» ausser dem Prinzip, rechtmässig, sachorientiert, nicht willkürlich und transparent zu handeln? Man kann diese paar Selbstverständlichkeiten zum Popanz aufblasen – für den Einzelfall bietet wohl keine Regel ein Rezept. Was also verspricht man sich vom Verhaltenscodex und für wen soll er gelten?

- Ist sich der Stiftungsrat bewusst, dass er nicht nur Teil der (möglichen) Lösung ist, sondern ebenso Teil des Problems? Dass also «Compliance» – wie immer verstanden – auch für ihn gilt?

- Schaut der Stiftungsrat im Lichte des jetzt auch ihm selber offiziell bekannt Gewordenen zurückliegende Begebenheiten neu an und beurteilt er sie vielleicht neu? Beurteilt er auch seine Rolle neu? Dies betrifft etwa das allgemeine Funktionieren der Geschäftsleitung, die Vorhaltungen von Schauspieldirektor Cihan Inan, möglicherweise auch die Umstände der fristlosen Freistellung von Stephanie Gräve Anfang 2016.

- Ist sich der Stiftungsrat bewusst, dass er durch sein Verhalten Vertrauen verspielt und der grössten Kulturinstitution des Kantons geschadet hat? Was unternimmt er, um das Vertrauen zurück zu gewinnen? Soll der vorgesehene Verhaltenscodex die einzige Massnahme bleiben? Bezieht der Stiftungsrat – als Teil der Gesamtorganisation KTB – sein eigenes Funktionieren in den Codex ein?

- Was ist eigentlich geschehen in den Tagen und Nächten zwischen dem 3. und 6. Juli? Haben Märki und Krempl aus freien Stücken gekündigt und um sofortige Freistellung ersucht? Hat der Stiftungsrat ihnen die Kündigung nahe gelegt aus Gründen der «Compliance» oder auch aus anderen Gründen? Hätte nicht die eine der beiden Personen bleiben können? War es ein gemeinsamer Diskussionsprozess Stiftungsrat, Märki und Krempl hin zum nun bekannt gegebenen Ergebnis?

- Ist Stephan Märki, dem seit langem in Medien und in privaten Gesprächen viele Vorwürfe in Richtung Machtmissbrauch gemacht werden, einzig an der Beziehung zu Sophie-Thérèse Krempl gescheitert? Ist diese Beziehung wirklich der Grund für das jetzt Geschehende oder ein Vorwand? Ist er ein «Bauernopfer» und, wenn ja: für wen?

- Weshalb findet der Stiftungsrat in seinen Verlautbarungen kein einziges wirklich kritisches Wort zum Verhalten – also zum späten Bekenntnis – von Märki und Krempl? Weshalb ist nur von Bewunderung, Respekt, Grösse, von Handeln im Interesse von KTB die Rede? Warum wird auch die vergangene berufliche Leistung nur in höchsten Tönen gewürdigt? Ist dies Verblendung oder Verbrämung?

- Warum bezieht Stephan Märki noch Lohn, Sophie-Thérèse Krempl nicht? Ist das eine Mann-Frau-Frage? Hat es andere Gründe?

- Könnte die nun dringend anstehende Suche nach einer Nachfolge an der Spitze von KTB der Beginn einer neuen Ära des Stiftungsrats sein mit den Merkmalen: Öffentliche Diskussion über das Leitungsmodell (das «Bund»-Gespräch vom 2. Juli war davon meilenweit entfernt), Erläuterung des konkreten Vorgehens usw.

Fehlstart ...

Eines ist gewiss: Einmal mehr wirft das Handeln des Stiftungsrats Fragen auf. Einmal mehr wird nur scheibchenweise informiert und vieles ungesagt gelassen. Einmal mehr wird ein Schweigegebot auferlegt. Dies widerspricht dem Versprechen von mehr Transparenz. Und wiederum entstehen bei KTB ungeplant Personalkosten in beträchtlicher Höhe. Da sind zehn Monate Lohn für Stephan Märki ohne erkennbare Gegenleistung. Da ist die externe Unterstützung für Toni Stocker als Interimsintendant. Mit 300'000 Franken dürfte man nicht weit daneben liegen. Es ist unnötig ausgegebenes Steuergeld.

Der Start des mehrheitlich neu zusammengesetzten Stiftungsrats folgt dem Muster seines Vorgängers. Man erklärt vor den Medien: «Mehr sagen wir nicht». Das lädt geradezu ein, nachzuforschen. Dann folgen – wohl auch jetzt – scheibchenweise weitete Puzzleteilchen. Diese führen zu weiteren Erklärungen des Stiftungsrats. Was Benedikt Weibel und Marcel Brülhart 2016 scheinbar zum Schutz von Stephanie Gräve nicht sagen wollten, führte letztlich zu deren Demontage und zum Vertrauensverlust des Stiftungsrats. Ein wenig erinnert das an den Verwaltungsrat der Post im Fall Postauto.

Wenn der neue Stiftungsrat agiert wie der alte, macht er einen Fehlstart. Das müsste nicht sein. Noch ist es nicht zu spät, aktiv die Karten auf den Tisch zu legen. Es wäre nicht im Interesse der an KTB interessierten Bevölkerung, wenn der Stiftungsrat einfach Kontinuität wahren würde anstatt mutig einen Neuanfang zu wagen

... und dennoch

Ein Letztes für heute: Die meisten Medien verspüren eine – kritisch anteilnehmende – Mitverantwortung für das Gedeihen von KTB im Dienst von Kunst und Gesellschaft. Es ist nicht lustig, immer wieder Negatives hervorheben zu müssen. Aber wenn man spürt, dass man Fragen lieber nicht stellen und Antworten nicht hinterfragen soll, und wenn etwa in Jahresberichten ausschliesslich rühmende Medienberichte erwähnt werden, wird Bocken zum Reflex. Es ist eine grosse Aufgabe der Medienvertreterinnen und –vertreter wie des Stiftungsrats, ein konstruktives Verhältnis neu herzustellen, das über Duldung und Koexistenz hinausgeht. . Nadine Borders Verhalten an der Medienkonferenz lässt hoffen. Und der Umstand, dass die Medienkonferenz am Freitag letztlich anders verlaufen konnte als ursprünglich geplant, ist ein gutes Zeichen.

«Ich weiss nicht, ob es besser kommt, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll». Lichtenbergs Aphorismus wäre ein gutes Motto.