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Kommentar /

Christoph Reichenau

Prinzip Vertrauen gegen Prinzip Hinterfragen

Vor ein paar Tagen überschrieben wir den Bericht über die Erweiterung des Kunstmuseums Bern «Halbvolles Glas». Dies hat Gründe.

Soll man überhaupt noch schreiben zu dieser langen Geschichte von Irrungen und Wirrungen? Ihr Ursprung liegt in der Forderung des Kunstmuseums (KMB), den vermeintlichen Bedeutungsverlust durch den Weggang vieler wichtiger Kunstwerke ins Zentrum Paul Klee (ZPK) wettzumachen durch eine neue Abteilung Gegenwartskunst. Das ist nun 20 Jahre her. Wer hat noch den Überblick, wer will ihn haben? Die Geschichte zu erzählen, ist kompliziert; wer mag es sich antun, das zu lesen? Ist es eine Glasspielerei, die oftmals fehlgeleitete Entwicklung verstehen und verständlich machen zu wollen? Gibt es einem nur der harte Kopf nicht zu, kapitulieren zu müssen vor – zuweilen denkt man: bewusster – Intransparenz und der Macht des Faktischen?

Ja, so ist es, wenn man mit sich selbst ehrlich ist. Eine gewisse Zwängerei spielt mit, eine Besserwisserei des alten Mannes. Allerdings auch ein Stück Erfahrung und Interesse an der Sache. Und, am wichtigsten, ungebrochener Optimismus, der einen denken lässt, es gebe in jedem Fall bessere Möglichkeiten. In dieser Gemengelage von Enttäuschung, Selbstzweifel, Zweifel an der Kompetenz und Ehrlichkeit anderer, wilder Hoffnung und Wissen um die Vergeblichkeit der eigenen Anstrengung – in dieser Melange halte ich sieben Punkte fest.

Erstens. Vom Kunstmuseum (KMB) bis zum Waisenhausplatz soll die Hodlerstrasse in die Erweiterung einbezogen werden. Das freut mich. Offen bleibt der Einbezug Richtung Schützenmatte. Das ist schade. Denn durch eine neue, rechtwinklige Einmündung der Hodlerstrasse in das Bollwerk könnte mittel- oder längerfristig an der Lorrainebrücke ein beachtlicher Bauplatz entstehen. Auf diesen möglichen Bauplatz wies übrigens schon vor zwanzig Jahren das Stadtplanungsamt im Zusammenhang mit einem Museum für Paul Klee hin. Gute Ideen altern nicht.

Zweitens. Zur gefälligen Kenntnisnahme vorgelegt werden als Ergebnis einer intensiven Analyse und Diskussion unter Fachleuten und Politikern ein paar Bruchstücke. 1'000 Quadratmeter zusätzliche Ausstellungsfläche in einem Neubau anstelle des Atelier 5-Trakts; Einbezug des Polizeigebäudes, in das die übrigen Funktionen (Ateliers, Vermittlung, Bistro) eingelagert werden; Öffnung des Neubaus gegen die Hodlerstrasse hin. Ein volumetrisches Modell, das die Machbarkeit bezeugt, wird nicht gezeigt. Von Zahlen, Kosten ist keine Rede. Desgleichen fehlt die verbindliche Schenkungszusage von Hansjörg Wyss. Wer es gern handfester hätte, findet im Archiv die Kostenschätzung von 40 Millionen Franken für die Gesamtsanierung des Atelier 5-Trakts (Juni 2017). Schon im September darauf hiess es, nun werde nur die Klimaanlage im A5-Trakt saniert, dringlich ab Sommer 2018, für 7 Millionen.

Drittens. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit wird mit Superlativen vorgestellt: «Grosse Chance für die Stadt und die ganze Region», «noch stärkere Positionierung des KMB», «noch stärkere Positionierung des Kunstplatzes Bern», «neue Möglichkeiten für den Raum Bärenplatz-Waisenhausplatz-Hodlerstrasse-Schützenmatte», «ideale Rahmenbedingungen für die Präsentation unserer Sammlungen», «kleines Wunder von Bern». Dass sich zuvor ein Murks an den anderen gereiht hatte, ist keiner Erwähnung wert. Also ein Neuanfang out of the blue? Nicht, wenn man sich umhört. Dann hat der Stiftungsrat der Dachstiftung KMB-Zentrum Paul Klee seit Jahren gewusst, dass an einem Neubeginn der Raumsuche, an der Auflösung des Mandats an das Architekturbüro Patrick Jordi und am Abbruch des Atelier 5-Trakts nichts vorbeiführt. Und dass die Fortsetzung der noch vom ehemaligen Stiftungsrat des KMB in Gang gesetzten Planung weder zweckmässig, noch rechtmässig war. Wo bleibt die Konsequenz in den Ideen? Wird das nun alles anders?

Viertens. Ohne Vorwarnung trifft am Donnerstag um 09:01 Uhr per Mail des KMB eine Medienmitteilung ein. Auskunft geben Regierungspräsident Bernhard Pulver und Stiftungsratspräsident Jürg Bucher. Beide sind am Telefon offen, ebenso weitere Personen, die man fragt. Die grösseren Tageszeitungen können fest Angestellte einsetzen, die kleineren Medien können schauen, wo sie bleiben. In der Folge wird kreuz und quer herumtelefoniert, um den Verantwortlichen und Eingeweihten die Würmer aus der Nase zu ziehen. Jede Zusatzinformation verlangt einen Anruf. Die Medien legen sich ins Zeug und machen den Job, den die Verantwortlichen – ein bisschen von oben herab – nicht machen. Was, wenn wir ihn nicht gemacht hätten? Gewiss wäre es auch anders gegangen: Eine Medienkonferenz, ein bis zwei Tage im Voraus angekündigt, hätte Vieles verbessert. Fragen wären an Ort und Stelle möglich gewesen, alle hätten alles gehört. Man hätte zum Beispiel fragen können, wie es nun um die dringliche Sanierung der Klimaanlage stehe, ob deswegen der A5-Trakt demnächst geschlossen werden müsse, was dies für den Ausstellungsbetrieb bedeute. So bleiben diese Fragen – 2017 von hoher Bedeutung – bis auf weiteres offen, anscheinend ohne grössere Probleme.

Fünftens. Die Kommunikation bleibt die Schwachstelle des KMB. Dazu gehört, dass man wochenlang einen Termin mit der Direktion wünschen kann, ohne erhört zu werden. Hier gibt es Luft nach oben, wenn letztlich gutes Wetter für das Projekt und den Kredit geschaffen werden soll. Ein Beispiel: Zum Thema Sanierung bzw. Modernisierung oder Erweiterung KMB steht im Jahresbericht 2017 nur gerade dies: «Im KMB hatte der Abbruch des Modernisierungsprojektes im Herbst 2017 einen Jahresverlust von CHF 1,68 Mio. zur Folge. Dem stehen Forderungen an den Kanton von bereits realisierten Sanierungs- und Modernisierungsmassnahmen und Planungskosten von über CHF 3 Mio. gegenüber, die zum Teil in der Bilanz aktiviert wurde.»

Sechstens. Verstehen Sie das, liebe Leserinnen und Leser? Mein Reim darauf geht so: Falls das im Juni 2017 vorgestellte Modernisierungsprojekt (Umfang: 40 Millionen Franken) bis Ende 2017 weitergeführt worden wäre, hätte es letztes Jahr keinen Verlust gegeben. Ergibt diese Aussage Sinn? Nein. Was kann sie dann bedeuten? Sie kann bedeuten, dass der Betrieb des KMB mit einem Gewinn von rund 817'000 Franken abschloss, der Aufwand für das Projekt Modernisierung aber rund 2'500'000 Franken betrug. Deshalb endete die Erfolgsrechnung 2017 insgesamt mit einem Verlust von 1,68 Millionen. Und die Forderung von 3 Millionen gegenüber dem Kanton stünde, so verstanden, für weitere Aufwendungen für bauliche Sanierungen und entsprechende Planungen. Dies ergäbe also über die letzten Jahre Kosten von 5,5 Millionen Franken für – fast nichts. Denn noch immer ist die Klimaanlage im A5-Trakt nicht erneuert. Und für den Ersatz der Klimaanlage im Stettlerbau und einige Reparaturen am Dach ist das ein stolzer Betrag. Gehört es sich nicht, Licht in diese Zahlen zu bringen und auf den Tisch zu legen, wieviel wofür wem bezahlt worden ist? Dies ist für einen öffentlichen Betrieb, der zu zwei Dritteln vom Kanton subventioniert wird, eine kommunikative Bringschuld. Der Subventionsgeber müsste sie einfordern.

Siebtens. Was jetzt neu aufgegleist worden ist, beruht auf dem Prinzip Vertrauen. Das heisst: Die Medien und die Bevölkerung sollen vertrauen, dass seriös gearbeitet wird und nun nach Jahren der Pannen alles gut kommt. Die Grundlagen, auf denen das Vertrauen wachsen kann, werden uns jedoch vorenthalten. Auch wenn wir noch so gern vertrauen, die Aufgabe der Medien ist es, zu prüfen und zu hinterfragen. Nicht um destruktiv zu sein, sondern um verstehen zu können. Und genau dies machen uns die Verantwortlichen des baulichen Neuanfangs am KMB schwer.