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Das Biografiemonument für Carl Albert Loosli

Morgen Dienstagabend stellt der Historiker Erwin Marti im Historischen Museum den vierten und abschliessenden Band seiner Biografie des Schriftstellers C. A. Loosli vor. Die Veranstaltung ist mehr als eine Buchvernissage.

Erwin Martis C. A. Loosli-Biografie in vier Bänden. (Foto: Fredi Lerch)

Erwin Martis Band 3/2 seiner C. A. Loosli-Biografie ist mehr als ein neues Buch: Er ist erstens der Abschluss eines Lebenswerks, zweitens eine singuläre kulturpolitische und publizistische Tat und drittens ein Geschenk an alle gesellschaftspolitisch offenen Menschen.

Vierzig Jahre lang auf Spurensuche

1978 hat Erwin Marti zum erstenmal über C. A. Loosli publiziert. In seinem Buch «Aufbruch. Sozialistische und Arbeiterliteratur in der Schweiz» widmete er Loosli als «demokratischem, nichtkonformem Schriftsteller», wie er ihn nannte, ein kurzes Kapitel. Zwei Jahre später stellte er als angehender Historiker seine Aczessarbeit unter den Titel «Carl Albert Loosli und der Antisemitismus unter besonderer Berücksichtigung der Rolle Looslis im Berner Prozess um die ‘Protokolle der Weisen von Zion’». 

Damit hatte Marti die Spurensuche aufgenommen. Fünfzehn Jahre später begann sein biografisches Werk über Loosli im Chronos Verlag zu erscheinen:

• Band 1: Zwischen Jugendgefängnis und Pariser Boheme 1877-1907 (1996)

• Band 2: Eulenspiegel in helvetischen Landen 1904-1914 (1999)

• Band 3/Erster Teil: Im eigenen Land verbannt 1914-1959 (2009)

• Band 3/Zweiter Teil (mit Hans-Ulrich Grunder als Co-Autor): Partisan für die Menschenrechte (2018)

Was jetzt auf knapp 2250 Buchseiten vorliegt, ist nicht nur eine umfassende Darstellung von Looslis Leben und Werk, sondern eine Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, gesehen durch Looslis Augen – in erster Linie eine Sozial- und Kulturgeschichte der damaligen Schweiz. Aber nicht nur.

C. A. Loosli, 1948  (Foto: Hans Kipfer).

C. A. Loosli, 1948 (Foto: Hans Kipfer).

Ein tatkräftiger Antifaschist 

C. A. Loosli (1877-1959) war das uneheliche Kind einer Sumiswaldnerin, der Vater war ein italienischer Weinhändler. Der Bub wuchs bei einer Pflegemutter auf und wurde nach deren Tod versorgt, zuerst in eine Erziehungsanstalt, später in die Jugendstrafanstalt Trachselwald. Als Erziehung erlebte er deshalb statt Förderung Gewalt und Repression. Er liess sich aber nicht brechen, begann als Journalist zu arbeiten, heiratete und lebte mit seiner Familie ab 1904 in Bümpliz. Innert kurzer Zeit trat er nun als Journalist, Redaktor, Publizist, Erzähler und Lyriker unübersehbar in die Öffentlichkeit. Er gründete den Schweizerischen Schriftsteller-Verein, war unter dem Präsidenten Ferdinand Hodler Sekretär der Gesellschaft Schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten, initiierte die für Jahrzehnte massgebliche Ausgabe von Gotthelfs sämtlichen Werken. Undundund.

Martis abschliessender Band der Biografie setzt im November 1936 ein: Loosli hat sich als Experte im Berner Prozess gegen die Protokolle der Weisen von Zion exponiert und wird deshalb von den Frontisten, den schweizerischen Nazis, in zwei Gerichtshändel verwickelt. Dann werden ihm vertrauliche Akten zugespielt, die belegen, dass die Frontisten von den deutschen Nationalsozialisten Geld erhalten und es unter anderem in die Propaganda für die faschistische Volksinitiative Fonjallaz für ein Verbot freimaurerischer Organisationen einsetzen. Diese Initiative ist ein Angriff auf das Vereinsrecht und die Versammlungsfreiheit. In der heissen Phase des Abstimmungskampfs spielt Loosli als Journalist seine Unterlagen verschiedenen Zeitungen zu. Die damit einsetzende breite öffentliche Empörung gegen die ausländische Einmischung in die Abstimmung hilft mit, dass die zuvor populäre Initiative deutlich abgelehnt wird. 

Das Universum der späten Jahre

Mit diesem «Coup» – so der Titel des Kapitels – beginnt der neue Band. Es folgen Kapitel über Looslis Aktivitäten vor und während des Zweiten Weltkriegs; über sein Engagement für Juden und Flüchtlinge und gegen den Antisemitismus; über Looslis Kritik an Macht und Recht; über die Unterstützung seines Freundes, der ausserordentlichen Germanistikprofessors und Philologen an der Universität Bern, Jonas Fränkel, in dessen Kämpfen um die Werkausgaben von Gottfried Keller und Carl Spitteler; über das, was man heute fürsorgerische Zwangsmassnahmen nennt, also über Looslis Kampf gegen «Administrativjustiz» und die Sklavenhaltung der Verdingkinder. All diese Themen bietet Marti in bewährter Manier: gut geschrieben, akribisch recherchiert und mit Quellenangaben und Registern vorbildlich belegt. 

Das letzte Wort überlasst Marti dem Bildungswissenschaftler Hans-Ulrich Grunder, Direktor des entsprechenden Instituts an der Universität Basel. Grunder hat im Auftrag der C. A. Loosli-Gesellschaft auf deren Website eine Abteilung «Unterricht und Lehre» gestaltet, in der für interessierte Unterrichtende 14 Unterrichtseinheiten für die Sekundarstufe 2 und für den tertiären Bereich vorbereitet sind. Als Abschluss von Martis Biografie bietet Grunder nun einen längeren Essay unter dem Titel «Erziehung und Bildung bei C. A. Loosli. Gesellschaftspolitische Prämissen, pädagogische Kontexte, bildungspraktische Entwürfe». 

C. A. Looslis Aktualität

Dieser Band 3/2 verweist in zwei Richtungen. Mit dem abschliessenden Kapitel «Wie eine Lampe, der das Öl ausgeht» kommt Martis Biografie definitiv zum Abschluss. Umgekehrt signalisiert Grunders Essay einen Aufbruch: Jetzt geht es darum, Engagierte zu finden, die Looslis Bedeutung erkennen, und ihnen Material zu bieten, mit dem sie dessen Erbe in die Zukunft tragen können.

Mit Martis vierbändiger Biografie liegt ein bedeutendes kulturhistorisches Dokument von bleibendem Wert vor. Natürlich ist es ein grosser Aufwand, die Bände exakt durchzuarbeiten, und nicht alle werden das tun können oder tun wollen. Aber von nun an wird es sich niemand mehr leisten können – gerade in Bern! –, sich zum gesellschafts-, kultur- und sozialpolitisch fortschrittlichen Teil des Landes zu zählen, ohne Loosli zu kennen.

Im erwähnten Buch «Aufbruch» schloss Erwin Marti 1978 das Loosli-Kapitel mit dem Satz: «In der Erinnerung vieler Land- und Stadtleute im Kanton Bern ist er heute noch lebendig.» In der Einleitung zum Band 3/2 schreibt er nun, Loosli sei «kein Intellektueller des üblichen oder gar französischen Zuschnitts» gewesen: «Er blieb immer dem Volk und seiner Herkunft verbunden.» Gerade auch, dass es nicht genügt, sich auf seine urbane Fortschrittlichkeit etwas einzubilden und es falsch ist, alle jenseits des Stadt-Landgrabens als Dummköpfe zu ignorieren, kann man von Loosli lernen. 

C. A. Loosli ist heute aktueller, als vielen lieb sein wird.  

Erwin Marti/Hans-Ulrich Grunder: Carl Albert Loosli 1877-1959, Band 3/2: Partisan für die Menschenrechte. Zürich (Chronos Verlag) 2018, 68.-.