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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Die grosse Unübersichtlichkeit

Das Kunstmuseum Bern widmet der von Cornelius Gurlitt geerbten Kunstsammlung eine zweite Ausstellung. Nach der von den Nazis so benannten «entarteten Kunst» geht es nun um die in der NS-Zeit geraubte Kunst – mit Folgen bis heute. Aufklärung im Zwielicht.

  • Impressionen aus der Ausstellung. Hier ein Bild von Max Liebermann mit dem Titel «Figuren am Strand» (Foto: Mick Vincenz © Kunstmuseum Bern und Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)
  • Claude Monet Waterloo Bridge, 1903 (Foto: Mick Vincenz © Kunstmuseum Bern und Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)
  • Max Beckmann Zandvoort Strandcafé, 1934 (Foto: Mick Vincenz © Kunstmuseum Bern und Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH)

Man liest neben einem Bild: «Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014». Oder «Legat Cornelius Gurlitt 2014, Provenienz in Abklärung». Die sogenannte «Credit Line» hat nichts zu tun mit Rechnungswesen; sie gibt Auskunft über das Eigentum am Werk oder besser: Über den Stand des Wissens über das Eigentum. Vier Credit Lines gibt es. Sie bezeichnen das Eigentumsverhältnis mit unterschiedlichen Varianten oder Stadien von Verdacht auf Raubkunst. Verdacht gibt es in vier Varianten:

1. erwiesenermassen bzw. mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Verdacht;
2. Provenienz nicht abschliessend geklärt, aktuell aber nicht unter Verdacht:
3. Provenienz nicht abschliessend geklärt, Verdacht derzeit nicht auszuschliessen;
4. erwiesenermassen bzw. mit hoher Wahrscheinlichkeit Raubkunst, aber noch keinem ehemaligen Eigentümer zuzuordnen.

Die Werke stammen wie die im ersten Teil der «Bestandesaufnahme Gurlitt» ausgestellten Bilder «entarteter Kunst» aus dem Nachlass, den Cornelius Gurlitt 2014 dem Kunstmuseum Bern (KMB) vererbt hat. Bilder mit der Credit-Line «Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014» gehen in die Sammlung des KMB ein. Weshalb bloss heisst es «Legat» und nicht «Erbe»? Es geht doch nicht um ein Vermächtnis, sondern um eine Erbschaft?

Kaum schöne Bilder

Wer schöne Bilder betrachten will, kann zu Hause bleiben. Solche waren in der Sammlung Hahnloser zu bewundern. Hier geht es weniger um ästhetische Qualität als um Zeugnisse kulturpolitischer Verbrechen, aber auch banaler Vergehen und Betrügereien in der Absicht, sich zu bereichern. Dabei zerfliesst die Grenze zwischen bösartigem Verhalten der Machthaber und gewinnorientiertem Schachern von Kunsthändlern – und von an Kunst interessierten Sammlern, welche die Gunst der Stunde skrupellos zu nutzen wussten. Das ist eine Lehrstunde in Geschichte, aber auch eine Lektion in Skepsis fürs Leben. Denn wieso sollte es heute, wo der Kunsthandel boomt, weil die kaufkräftige Nachfrage das Angebot deutlich übersteigt, viel anders sein?

Als Besucher kämpft man sich den Informationstafeln entlang durch die fast ein wenig labyrinthische Schau. Sie liegt grossenteils im Halbdunkel, im Zwielicht. Die Inszenierung entspricht dem Inhalt.

Unrecht und Korruption

Wie ein Detektiv sucht man in den vielen Abteilen nach Spuren und Zeugnissen der abscheulichen Machenschaften und wird vielenorts fündig – die Museumsleute haben Köder ausgelegt. Ein Beispiel: 1944 bittet Hildebrand Gurlitt um Bestätigung, dass der Erwerb eines Bildes im von Deutschland besetzten Paris rechtens war. Hildebrand war der Vater von Cornelius, einer von vier Händlern, die im besetzten Europa Werke zusammenkauften oder –stahlen für das «Führermuseum», das Hitler seiner Heimatstadt Linz im «angeschlossenen» Österreich «schenken» wollte. Im bürokratischen Alltag der mörderischen Diktatur sollte alles mit rechten Dingen zugehen. Es ist dieser Anschein von Normalität, von Rechtschaffenheit und korrektem Verhalten, säuberlich in Briefen getippt und in Listen festgehalten, der Gänsehaut macht. Denn das Gewerbe des Kunsthandels war nur ein winziges Eiland im Ozean von Lüge und Gewalt. Und es funktionierte in sich selbst keineswegs korrekt, sondern korrupt bis in alle Kapillaren; nur eben erst auf den zweiten Bli

Den zweiten Blick zu riskieren, ist das Verdienst dieser Ausstellung, die das Haus der Kunst in Bonn gestaltet hat. Nachdem man aufmerksam lesend den Parcours hinter sich gebracht hat, weiss man viel mehr als beim Eintritt. Doch halt: Man kennt zahlreiche Fakten, aber weiss man wirklich mehr? Kann man die Fakten einordnen in Zusammenhänge? Hier versagt die Ausstellung in zwei Richtungen: Bei der Einschätzung des Handelns und des Charakters von Hildebrand Gurlitt. Und vor allem beim Erfassen des ungeheuerlichen Geschehens, das hinter und über dem direkt Erkennbaren waltete. Mein Eindruck ist der einer grossen Unübersichtlichkeit.

Die dem KMB vererbte Kunstsammlung ist ein Konglomerat aus harmlosen Bildern der Künstlerfamilie Gurlitt, aus Werken sogenannt «entarteter Kunst», aus Raub- oder Fluchtkunst sowie aus wenigen ordentlich erworbenen Werken. Sie ist ein teils gezielt, teils zufällig gekaufter, geklauter und gefundener Kunstbestand von unterschiedlicher Qualität und Bedeutung. Für mich ist die Sammlung Gurlitt ein Lehrbeispiel für das, was ein Kunstliebhaber und -freak ohne moralischen Kompass in ausser Rand und Band geratener Zeit zusammenraffen konnte. Was aus Hildebrand Gurlitt geworden wäre, wenn nicht die Nazis 1933 die Macht übernommen hätten, weiss niemand. Dass er nach Kriegsende über die Existenz seiner Sammlung gelogen und über Kunst salbungsvoll geredet hat, ist dokumentiert. Insofern zeigt die Ausstellung für mich Hildebrand Gurlitt nicht bloss als Opfer der Umstände, sondern auch als einen, der davon zum eigenen Vorteil zu profitieren wusste. Ein aktiver Mitläufer ist er mindestens.