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Nichts gelernt

Schauspieldirektor Cihan Inan verlässt das Stadttheater im Sommer 2019 aus einem Grund, den Konzert Theater Bern nicht nennt. Intendant Stephan Märki übernimmt die Aufgabe, bis er Mitte 2021 selber gehen wird. Mehr weiss man nicht. Warum?

Das Stadttheater Bern: Unklare Kommunikation beim Abgang von Cihan Inan

Man muss nicht über jedes Stöckchen springen. Die Medienmitteilung von Konzert Theater Bern (KTB), wonach Schauspieldirektor Cihan Inan seinen im Sommer 2019 auslaufenden Vertrag nicht verlängern will und also nach nur zwei Jahren gehen wird, ist an sich keine Meldung wert. Das kann es geben.

Eine Bedingung

Aussergewöhnlich ist, dass Cihan Inan geblieben wäre, falls KTB eine Bedingung erfüllt hätte, die – so die Medienmitteilung – «weder die künstlerische Ausrichtung des Schauspiels noch den Einflussbereich von Cihan Inan betraf».  Die Bedingung «konnten» der Stiftungsrat und Intendant Stephan Märki nicht erfüllen. Also nimmt Inan den Hut.

Welche Bedingung? Schweigen. Niemand redet deutlich, der bei KTB in der Verantwortung steht. Im Klartext: Die Medien sollen das bitte selber herausfinden. Im Theaterbereich an sich und in Bern im Besonderen ist das nicht schwierig. Worum geht es also?

Märki-Favoritin

Es geht um Sophie-Thérèse Krempl, Leiterin Kommunikation sowie künstlerische Leitung Kooperations- und Sonderprojekte, Mitglied der zehnköpfigen Geschäftsleitung. Frau Krempl, in Stephan Märkis Gefolge von Weimar nach Bern gekommen, mit diesem liiert, stieg hier auf zur Leiterin der neu geschaffenen Abteilung Koop. Die Abteilung, zuständig unter anderem für die Berner Reden und die Too Late Show, kam seit 2014 nicht wirklich zum Fliegen, einer aufgeblasenen Liste von KooperationspartnerInnen zum Trotz. In der Spielzeit 2016/2017 wurde Krempl, praktisch ohne Erfahrung, leitende Dramaturgin. 2017/2018, nach kurzer Zusammenarbeit mit Cihan Inan, erfand man für sie die neue Stelle der Kommunikationsleiterin.

Inan versteht sich – wie viele – nicht mit der Märki-Favoritin, und möchte sie loshaben. Schriftlich lässt er ausrichten, er sei «zum Schluss gekommen, dass das Konzert Theater Bern mit seinem Verständnis von Organisationsstrukturen meiner Arbeitsweise nicht entspricht».

Unglaubwürdig

Ich kann verstehen, dass Stiftungsrat und Intendant Inans Forderung nicht erfüllen. Nicht glauben kann ich freilich, dass Märki Inans Entscheidung bedauert und per Medienmitteilung erklären lässt: «Es war und ist eine sehr konstruktive Art der Zusammenarbeit und geprägt von gegenseitigem Respekt, Offenheit und Gemeinsamkeit für die künstlerischen Interessen des Hauses.» Das tönt hohl und, mit Verlaub, verlogen.

Nicht verlogen aber unverständlich ist das zweite in der Mitteilung untergebrachte Zitat. Marcel Brülhart, Präsident des Stiftungsrats, zeigt sich «erfreut», dass Intendant Märki in seinen letzten beiden Jahren bei KTB (2019/2020 und 2020/2021) wiederum auch als Schauspielleiter wirken wird. Wieder: Wie 2016/2017 nach der plötzlichen Freistellung von Stephanie Gräve.

Fremdwort Kommunikation

Anscheinend muss alles immer schöngeredet werden. Denn in Märkis Saison verlor das Schauspiel  4‘000 bis 5‘000 Zuschauer gegenüber Gräves Spielzeit 2015/2016. Die Hälfte des Ensembles verliess das Haus, ebenso die gesamte Dramaturgie. Wo liegt also Grund dafür, «erfreut» zu sein?

Das Beispiel der Medienmitteilung zeigt die Bedeutung des Satzes, dass Mächtige nicht lernen müssen. Die Kommunikation von KTB bei der erwähnten Freistellung von Stephanie Gräve war ein Debakel. Durch die Verweigerung von Erklärungen während langer Zeit wurde Gräves Ansehen beschädigt. Das scheint sich zu wiederholen, indem man Cihan Inan einer diffusen Kritik aussetzt, die niemand wirklich einschätzen kann. Ich empfinde dies als unfair. Es widerspricht – gerade im Bereich der Kultur – jeder Kultur im Umgang mit Mitarbeitenden. Das ist umso erstaunlicher, da mittlerweile mit Nadine Borter, der Chefin von Contexta, eine Werberin mit Erfahrung in öffentlicher Kommunikation im Stiftungsrat mitwirkt und bald das Präsidium übernehmen wird. Wer schützt eigentlich dieses Gremium, das den Umgang mit öffentlichen Fördermitteln verantwortet, vor seiner selbstverschuldeten Fahrlässigkeit?