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Tabula rasa oder Lob der Anfänge und der Anfänger

Die zweite Saison-Produktion der Tanzcompagnie von Konzert Theater Bern hat in den Vidmarhallen ideale Bedingungen. Drei Choreografien zu spirituellen Hintergründen zeigen Vielfalt und Lebendigkeit des zeitgenössischen Tanzes. Erlebenswert.

Bild: zvg

2015 und 2016 erkundete die Berner Tänzerin Anna Huber mit Chris Lecher, Martin Schütz und Julian Sartorius das alte Tramdepot am Burgernziel. Sie machte, so auch der Titel der Performance, «tabula rasa»: Eine Hommage an einen dem Untergang geweihten Ort.

Neuanfänge immer wieder

«Tabula rasa» heisst nun auch die zweite Saison-Produktion der Tanzcompagnie von Konzert Theater Bern. Tabula rasa, so bezeichnet man den Zustand der Seele bei der Geburt, den «natürlichen», «ursprünglichen» oder «unschuldigen» Zustand. Gemeint ist das unbeschriebene Blatt, das wir sind, wenn wir zur Welt kommen, und das Potential des Neuanfangs in jeder und jedem. Davon schrieb Hannah Arendt: «Diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.»

Die Choreographin Estefania Miranda, Leiterin der Compagnie, und die Choreographen James Wilton und Ihsan Rustem steuern je ein Stück bei und gestalten ein tänzerisches Triptychon, das anzuschauen und mitzuempfinden sich unbedingt lohnt. Nur: Wie beschreibt man, was man sieht, in dieser körperlichsten der Künste, in welcher der Körper das Ein und Alles ist und in jeder erzählten Geschichte, jedem wiedergegebenen Gedankengang weniger das Was im Zentrum steht, sondern das Wie?

Trimurti

In James Wiltons «Trimurti» bemühen sich die Tänzerinnen und Tänzer, vom Boden loszukommen, sich vom Grund zu lösen, irgendwie auf die Beine zu kommen, wacklig aufrecht zu stehen, zu gehen, jede und jeder für sich. Sie bilden einen weiteren und engeren Kreis, bewegen sich gemeinsam, zu dritt, in Ketten, an die sich von aussen stets weitere Glieder anschliessen. Ein Tanz um das im Zentrum brennende Licht, gegen die Gravitation, ein Sich-Lösen aus dem Embryonalen. Die Körper werfen Schatten, die rot und blau aufscheinen, die einzigen Farben im sonst neutralen Raum, dem nur die Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer Form geben. Deren Kostüme, unscheinbar, bequem, Trainingskleidern nachempfunden, betonen die reine Bewegung, schöpfend aus einem enormen Repertoire bis hin zum Hip-Hop. Die Musik fliesst in den körperlichen Ausdruck, wird sozusagen Teil von ihm.

Dass Trimurti ein kosmisches Konzept aus dem Hinduismus ist, das Schöpfer, Erhalter und Zerstörer vereint, gerät in den Hintergrund. Auf der Bühne erproben und feiern die Tanzenden ohne Drum und Dran die schier unausschöpfbaren Möglichkeiten des realen Körpers, der wir sind, gipfelnd in Soli des grazil-akrobatischen Norikazu Aoki. Wunderbar.

Tabula rasa

Mehr Krücken werden in «Tabula rasa» von Estefania Miranda hör- und sichtbar. Die Tänzerinnen und Tänzer treten in hautengen schwarzen Ganzkörperanzügen auf, die behelmten Köpfe mit einer Art Zaumzeug umgürtet, das wie die Bemalung der Maori anmutet. Die blaue Silhouette im Vordergrund (Marieke Monquil) versucht mit allen Fasern und Verrenkungen wegzukommen vom Ort, der sie festhält, in immer neuen Anläufen, während im Dunkel des Hintergrunds immer mehr Tanzende auftauchen, lemurenhaft, die Fingernägel glitzern auf. Arvo Pärts tranceartige Musik gliedert die Anläufe und treibt die Bewegungen aller voran. Im Moment, da sich die Tänzerin befreit hat, wenn alle beieinander sind, bezeichnen plötzlich blaue Bänder die Verbindungen und Beziehungen zwischen den sich Bewegenden. In vielfältigen Formen ziehen die einen an anderen, halten einige die Fäden in der Hand, lassen weitere wie Marionetten aussehen. Am Ende sind alle, nahe beieinander, in ein Netz verstrickt, dessen Fäden unsichtbar geworden sind. Die ursprünglich allein stehende Tänzerin steht wieder für sich, umwickelt von Fäden. Es könnte von vorn beginnen.

Was bedeuten die Fäden? Sind sie Zeichen der Macht und ihrer Ausübung? Zeigen sie, dass – etwa im Kapitalismus – keine Verantwortung direkt zuzuordnen ist und «das System» keinen Ursprung kennt, an dem man den Hebel zur Veränderung ansetzen könnte? Ist jede und jeder am Anfang und am Ende allein, am Ende aber mit den durch die Bänder symbolisierten Spuren gelebter Erfahrungen? Ich weiss es nicht. Das Programmheft bietet keine Hilfe. Pärts aufdringliche Musik wirkt wie ein Accessoire, ganz anders als die «Russian Circles» in «Trimurti». Und die Kostüme, die ebenso sehr enthüllen wie verhüllen, lassen mich rätseln, ob sie zeigen sollen: So schutzlos ist der Mensch.

Ydam

Zum Schluss wieder ein Bezug zum Glauben, zu buddhistischer Meditation: Freude und Mitgefühl. Ihsan Rustems Choreografie zu Musik von Michael Gordon ist die Synthese der beiden ersten Tanzstücke: Offene Bewegung und strukturierte Abläufe, scheinbar wenig elaborierte Aesthetik und klare Formen auf der Bühne, Klänge, die tragen, aber nicht auftragen. Wie «Trimurti» kommt «Ydam» ohne Requisiten aus, ist ganz auf die kraftvolle Körpersprache ausgerichtet, aber weniger fliessend. Während das Ensemble als Ganzes in geometrischen Mustern auftritt, finden einzelne Gruppen ihre individuellen Formen.

Ein vielfältiges Programm höchst unterschiedlicher Tanzformen und Stimmungen. Der spirituelle Unter- und Hintergrund verbindet die drei Stücke kaum, wenn man sich auf den Tanz einlässt; er erhellt sich nur beim Lesen des Programmhefts, aber das kommt nicht an gegen die unmittelbaren Eindrücke. Die Compagnie, in der viele Elevinnen (Absolventinnen einer Tanzausbildung vor dem ersten festen Engagement, in der Regel mit Verträgen für ein Jahr) mitwirken, ist – kein Widerspruch – ein kompakte Truppe hervorragender Individualistinnen und Individualisten. Staunenswert ihr Können, noch erstaunlicher angesichts ihres Alters. Was sie bieten ist sehr sehenswert;  für mich steht «Trimurti» zuoberst.

Bitte immer Vidmar

Was einmal mehr zu sagen ist: Die Vidmarhallen eignen sich für diese Art von Tanz weitaus besser als das Stadttheater. Hier sieht man alles ohne optische Einschränkung. Hier steht die Darbietung im Zentrum – ohne Konkurrenz durch einen aufdringlichen Raum. Dass die Musik aus den Lautsprechern tönt, kein Problem. Auch der erste Tanzabend der Saison, «Sacre/Faun/Boléro», hätte für mich besser hierher gepasst, halt ohne Symphonieorchester.

Kunst-Werkplatz

Die aufgeräumte Stimmung an der Première liess vergessen, dass beim Zusammenschluss von Stadttheater und Symphonieorchester vor ein paar Jahren die weitere Existenz der Tanzcompagnie am seidenen Faden hing. Zum Glück setzte sich der Ende Mai abtretende Erziehungsdirektor Bernhard Pulver damals durch. Auch wenn man «Tabula rasa» nicht in allen Teilen ganz überzeugend findet, zeigt der Abend doch den Wert des Werkplatzes Kunst in Bern. Dank ihm können Interessierte die Entwicklung eines Ensembles von Künstlerinnen und Künstlern verfolgen und an der Entstehung von Produktionen teilhaben, die andernfalls als Gastspiele ein- und ausgeflogen würden, ohne weitere Spuren zu hinterlassen. So stellen wir uns «Tabula rasa» lieber nicht vor.

Nächste Vorstellung am 21. Februar, weitere bis im April.