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Zwischen Revolte, LSD und General Guisan – die 68er im historischen Museum

Die neue Wechselausstellung im Bernischen historischen Museum behandelt die 68er. Eine Episode der Zeitgeschichte, die nicht immer so konsistent war, wie man vielleicht glaubt.

  • Kurator Fabian Furter in der «Spiesserhölle». (Foto: Yannic Schmezer)
  • Die psychedelische Ecke: ZeitzeugInnen berichten über ihren Umgang mit Drogen. (Foto: Yannic Schmezer)
  • Die Parolen der 68er. (Foto: Yannic Schmezer)
  • Am Ende der Ausstellung können Besuchende aufschreiben, wofür sie heute auf die Strasse gehen würden. (Foto Yannic Schmezer)

Heute, am 16. November, beginnt im historischen Museum die Wechselausstellung «1968 Schweiz». Das Museum nimmt sich damit einer Episode der Zeitgeschichte an, zu der, wie Museumsdirektor Jakob Messerli gestern vor den Medien betonte, noch keine gefestigte nationale Erinnerungskultur existiere. Entsprechend ambitioniert sind die Ziele der Ausstellung: Man wolle einerseits der breiten Bevölkerung einen Zugang zum Thema liefern und wünsche gleichzeitig einen Beitrag zur Erinnerungskultur zu leisten, sagte Messerli.

Revolution: Am besten noch heute Nachmittag

Die Ausstellung ist in fünf Etappen gegliedert, die sich je durch einen neuen Raum zu erkennen geben. Den Anfang macht der «Prolog»: farbige Pappkartonabbilder von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen geben über kleine Lautsprecher einen ersten Eindruck von den Ideen der 68er: (Sexuelle) Revolution, Friedensbewegung, Protest, Emanzipation aber vor allem eins: Man will das Korsett der alten Generation ablegen. Und mehr offen als latent schwingt ein Handlungsimperativ mit, oder wie es Marie-Claude Hofner, eine der kartonierten Zeitzeuginnen, formuliert: «Changer le mond! On voulait faire la révolution! On a vécu dans l'illusion que la révolution, ce n'était pas pour après-demain, même pas pour demain, mais pour cet après-midi.»

Kontrastiert wird die bunte Erfahrung vom nächsten Raum, der einen mit seiner nachkriegszeitlichen Farblosigkeit sogleich in Omas Stube beamt. Dieser Raum, ein typisches Wohnzimmer der 60er, ist die Ausgangslage. Eine «Spiesserhölle» habe man das genannt, erklärt Ausstellungskurator Fabian Furter. Im ersten Moment fällt es schwer zu glauben, dass ausgerechnet auf diesen öden und ausgeklopften Perserteppichen Dinge wie sexuelle Freizügigkeit fruchten konnten. Im zweiten Moment fühlt man sich aber schon vom staatsmännischen Blick des an der Wand hängenden General Guisans bevormundet und von Bildern, die im sperrigen, braunen Kasten flimmern, angestachelt. Vielleicht ist diese Stube doch kein so schlechtes Nest für eine Revolution?

ZeitzeugInnen räumen mit Klischees auf

Das Herzstück der Ausstellung ist der vierte Raum. Er zeigt die politischen, kulturellen und alltäglichen Facetten der 68er. Eine Einteilung, die eigentlich nicht vorgenommen werden könne, da es viele Überlappungen gebe, sagt Furter. Ohnehin widerspreche die strikte Gliederung der Ausstellung dem Geist der 68er, denn damals habe man Ordnung eher abgelehnt. Der Raum liefert einen vertieften Einblick in die Ideen der 68er, was nicht zuletzt dadurch erreicht wird, dass man Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu Wort kommen lässt.

Die interessanteste Ecke im Raum befindet sich gleich geradeaus vom Eingang: Auf einem grossflächigen, tiefen Podest, das mit einem violetten Tuch mit Batikmuster darauf bespannt ist, steht ein niedriger Tisch um den sich fünf Sitzhocker reihen. Dieser Ausschnitt der Ausstellung gehört zum Bereich «Alltag», der eigentlich noch grösser ist, aber dieses Podest ist von allen Elementen das ansprechendste. Stöpselt man seine Kopfhörer, die man zu Beginn der Ausstellung erhält, in eine der Buchsen vor dem roten Bildschirm, erzählen ZeitzeugInnen über ihren Drogenkonsum während der Jugend. Und wider Erwarten ist selten die Rede von LSD, allenfalls von Cannabis und manchmal nicht einmal davon. Stattdessen erklärt John Schmocher, dass er ein «Buchmensch» gewesen sei und Marc Rudin betont, dass man gegen Drogen gewesen sei, alleine schon deshalb, weil die Black Panthers dagegen waren.

Und so werden auch im Rest der Ausstellung Klischees immer wieder gedreht wie Steine. Kurator Furter erzählt von einer Kommune, in der die Männer im Keller Musik machten, während die Frauen oben Wäsche wuschen. Die alten Geschlechterrollen wurden offenbar doch nicht so konsequent abgelegt. Auch waren die Aktivistinnen und Aktivisten der 68er keine homogene Masse, das zeigen die Aussagen der ZeitzeugInnen: so sah Heinz Däpp sich und sein Umfeld in Bezug auf das Ausleben der Sexualität in der bürgerlichen Moral verhaftet. «Darüber gesprochen hat man nächtelang. Gelebt haben wir es nicht». Von anderen hört man den offenbar gängigen Leitsatz: «Wer zweimal mit der gleichen pennt gehört zum Establishment». Auch nicht gerade das, was man sich unter sexueller Revolution und freiheitlichem Gedankengut vorstellt.

Und genau in diesem kritischen Moment liegt die Stärke der Ausstellung. Sie ist keine idealisierte Darstellung der Zeitgeschichte, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung damit. Zweifelsohne haben die 68er mitgeholfen, gesellschaftliche Unarten umzustossen, die einem heute, gerade wenn man nach 1990 geboren ist, bizarr vorkommen. Die Ausstellungsbroschüre nennt einige davon: So wurden Homosexuelle noch polizeilich registriert, das Zusammenleben ohne Trauschein war verboten und Frauen waren von der politischen Mitbestimmung ausgeschlossen. Gleichzeitig verlief die Revolte nicht immer gradlinig.

Ein Wermutstropfen

Am Ende werden den Besucherinnen und Besuchern zwei Fragen gestellt: «Braucht es heute keine Veränderung mehr? Und falls doch: Wofür würden Sie heute auf die Strasse gehen?». Eine persönliche Antwort kann man dann auf ein farbiges Papier im A3 Format schreiben und an die Wand kleben. Schon jetzt, vor dem offiziellen Beginn der Ausstellung, kleben zahlreiche Blätter an der Wand. Offenbar sind die Besuchenden der Meinung, dass Veränderung nach wie vor angezeigt ist.

Abgesehen davon fehlt aber leider der aktuelle Bezug in der Ausstellung etwas. Dass es auch heute noch 68er gibt, wird nicht behandelt. Gemeint sind damit nicht die ZeitzeugInnen, sondern jene, die sich auch heute noch für die Ideale von vor 50 Jahren einsetzen: FriedensaktivistInnen, FeministInnen, Linke, Hippies. Was ist ihre Rolle in der heutigen Gesellschaft, welcher Aktionsformen bedienen sie sich und wo verorten sie ihre Ideale?

Sind die 68er ein Fall fürs Museum? Obwohl die Ideale der 68er keinesfalls in die Mottenkisten auf den Estrich gehören, kann man dieser Aussage nach dem Besuch der Ausstellung doch zustimmen.