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Kommentar /

Christoph Reichenau

Eine Sache, die uns alle angeht

Herr Wyss macht ein Angebot für 20 Millionen (siehe vorherigen Artikel). Er sagt: Baut das, dann zahle ich, sonst nicht. C’est à prendre ou à laisser. Jetzt reden alle von einer Chance. Weil: 20 Millionen ist nicht nichts. Man könnte damit eine Menge Gutes machen. Aber wenn man Herrn Wyss beim Wort nimmt, ist nur eines zulässig. Ein Projekt aus dem Jahr 2006. Und dieses ist mit 20 Millionen bei weitem nicht bezahlbar.

Warum 20 Millionen? Ich finde die Zahl willkürlich. Es gibt keine Begründung dafür. Sie lässt wegen ihrer Höhe einfach mal aufhorchen. Aber wie ist das für Herrn Wyss?

Die Zeitschrift «Bilanz» schreibt dem fünftreichsten Schweizer ein Vermögen von 13,5 Milliarden zu. 20 Millionen davon sind 0,15 Prozent. Das ist wie wenn jemand mit 100‘000 Franken Vermögen 150 Franken spendet. Das machen viele mehrfach jedes Jahr zu verschiedenen Zwecken. Gemeinnützige Organisationen funktionieren dank dieser Spenden. Das ist toll. An 150 Franken knüpft niemand Bedingungen. Es erscheint deshalb anmassend, bei den Verhältnissen von Herrn Wyss an 20 Millionen Bedingungen knüpfen zu wollen.

Anmassend, wenn man überlegt, woher das Geld von Herrn Wyss kommt. Es kommt von unseren künstlichen Gelenken und weiteren Implantaten. Wir bezahlen es über die Krankenversicherung und als Steuerzahlung über die Spitalfinanzierung. Und wenn nun ein Teil davon zum höheren Ruhm des Schenkers dem KMB zu Gute kommen soll, dann fliesst dieser in ein Haus, das seine Existenz wiederum den ganz normalen Leuten verdankt, die über ihre Steuern die Betriebssubventionen bezahlen. 

Im Grunde müsste Herr Wyss fragen: Ich überlege, 20 Millionen einzusetzen – wo nützen sie am Meisten? Ihr kennt den Laden, macht mir Vorschläge, die diskutieren wir dann! Vielleicht ist dies ja der Sinn seiner Intervention: Mit harter Schale ins Gespräch zu kommen und dann den weichen Kern zu offenbaren. Es gibt Finanzhilfen von Herrn Wyss, die diese Sicht bestätigen können.

Wie ist der Wille von Herrn Wyss einzuschätzen, für das KMB eine konstruktive Lösung mitzugestalten? Ich weiss es nicht. Vielleicht hilft ein Blick in die Vergangenheit. Aber jeder Mensch kann sich ändern. Was damals war muss heute nicht mehr sein.

2004 war Herr Wyss erstmals Hoffnungsträger für das KMB. Er versprach in einer rechtsverbindlichen Absichtserklärung viel Geld für eine Abteilung Gegenwartskunst des KMB im ehemaligen Progymnasium. Wenige Monate später, das Projekt Progymnasium war im Stadtrat spruchreif und stand vor der Volksabstimmung, liess er einseitig und ohne Begründung die Sache platzen. 2005/2006 finanzierte Herr Wyss den Wettbewerb für eine Erweiterung des KMB; daraus ging «an_gebaut» als Sieger hervor, das jetzt hervorgekramte Projekt. Etwa gleichzeitig begann Herr Wyss mit punktuellen Unterstützungen von Kunstvorhaben des KMB. Allerdings setzte er durch, dass das KMB auf Jahre hinaus betrieblich unabhängig vom Zentrum Paul Klee (ZPK) bleiben musste. Vom ZPK, das die ursprünglich mit ihm verbundene Familie Müller weitestgehend finanziert hatte.

Nicht alle Mäzene handeln gleich. Als 1998 das Ehepaar Martha und Maurice Müller eine Schenkung für das Paul Klee gewidmete Museum anboten und dann gleich den Bauplatz und den Architekten bestimmten, sahen das Viele mit Recht sehr kritisch. Vom «Besuch der alten Dame» war die Rede, von Willfährigkeit der städtischen und kantonalen Behörden. Nie wieder sollte einem privaten Geldgeber so wenig kritisch gefolgt werden. Zwölf Jahre nach Eröffnung des ZPK ist festzustellen, dass das Haus im Schöngrün dank Müllers über das Geld hinaus reichende Engagement ein Kultur-Zentrum geworden ist (mit Entwicklungspotential), ein Schwerpunkt für Kunstvermittlung und kulturelle Teilhabe (auch für Menschen mit Behinderungen). Finanziell hat die Familie Müller den Bau vollständig selber bezahlt mit 125 Millionen von einem Vermögen, das einen Bruchteil dessen von Herrn Wyss ausmacht.

Will Herr Wyss also einfach bestimmen oder will er wirklich helfen? Eines hat er schon erreicht: Die Flaschenpost ist angekommen. Der kantonale Kulturdirektor, der Stadtpräsident, der Stiftungsrat der Dachstiftung und die Museumsdirektorin suchen mit ihm Kontakt. Sie wollen mit Herrn Wyss reden, wie wenn er einen Brief geschrieben oder zum Telefon gegriffen hätte. Dass es 2004 und 2006 nicht gut gekommen ist, muss nichts heissen.

Die Vertreter der öffentlichen Hand dürfen sich nicht weiter erpressen lassen. Guten Schutz davor – und vielleicht eine Chance für einen zweckmässigen und überzeugenden Einsatz von 20 Millionen – bieten baldige öffentliche Informationen über die Gespräche. Wenn schon der Impuls via Medien kam, sollte auch die Fortsetzung via Medien bekannt werden. Es geht ja nicht um ein Spiel zwischen Reichen und Mächtigen; es geht um eine Sache, die uns alle angeht.