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Journal B

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Den Ausgangspunkt (neu) bestimmen

Wieder ein Besuch des alten Herrn. Fast wie Güllen vor Claire Zachanassian steht das Kunstmuseum Bern vor Hansjörg Wyss' unverhofftem Angebot, ein Projekt aus dem Jahr 2006 zu bauen oder auf 20 Millionen zu verzichten. Worum geht es?

Vor ein paar Tagen verkündete Herr Wyss in der «Berner Zeitung», er schenke 20 Millionen, wenn das Kunstmuseum Bern (KMB) ein ehemaliges Erweiterungsprojekt jetzt verwirkliche. Das Projekt heisst «an_gebaut». Es obsiegte 2006 in einem Architekturwettbewerb, den Wyss finanzierte. Doch «an_gebaut» schied aus, weil ihm der städtische Denkmalpfleger die Bewilligungsfähigkeit absprach. Der damalige Stiftungsrat KMB wollte eine langwierige Auseinandersetzung vermeiden und verfolgte das Projekt im zweiten Rang weiter. Doch «Scala» erwies sich wegen des schwierigen Untergrunds im Hang des Aaretals bald als zu teuer.

Zahn um Zahn

Den Entscheid des Stiftungsrats erfuhr Herr Wyss damals aus den Medien. Der Präsident hatte es versäumt, mit ihm zu reden oder ihn gar einzubeziehen. Das war ein Fehler. Den gleichen Fehler begeht elf Jahre danach Herr Wyss, indem er seinerseits via Medien kommuniziert.

Die Fortsetzung der Geschichte ist oft erzählt worden: Der Stiftungsrat suchte zusätzlichen Ausstellungsraum im Innern seiner Gebäude. Architekt Patrick Jordi entwickelte das Projekt «Inhouse» im Atelier 5-Trakt (Kosten 7 Millionen). Es erhielt 2013 die Baubewilligung. Im Juni 2017 wurde «Inhouse» plötzlich erweitert zur Gesamtsanierung des Atelier 5-Trakts mit Kosten von 40 Millionen. Der Kanton wurde um eine Subvention von 32 Millionen gebeten. Gleichzeitig sollte der Architekturauftrag freihändig vergeben werden.

Stop and go

Dagegen erhoben 32 Berner Architekturbüros Beschwerde und erstatteten Aufsichtsanzeige. Die Erziehungsdirektion verlieh der Beschwerde aufschiebende Wirkung. Mit Folgen: Der Stiftungsrat machte erneut einen Schwenk, indem er nun nur die nötigste technische Sanierung der Klimaanlage in einem Wettbewerb ausschreiben will. Für immerhin 7 Millionen; das ruft nach Erklärung. Baubeginn wenn möglich – das heisst: wenn der Grosse Rat das Geld spricht – im Sommer 2018. Wie es mit der «Inhouse»-Ausstellungfläche und der weiteren Sanierung des Atelier 5-Trakts weitergehen soll, ist offen.

Dies war der Stand vor ein paar Tagen. Er war schwierig und warf Fragen auf, die wir im Journal B gestellt haben. Nun liegt das Angebot von Herrn Wyss vor nach dem Motto «Vogel friss oder stirb». Erleichtert dies die Situation? Nein, es erschwert sie, weil es sie verunklärt.

Zwei Häuser

Warum? Das KMB besteht aus zwei Gebäuden, dem Stettlerbau aus dem Jahr 1879 (renoviert 1999) und dem Atelier 5-Trakt von 1983:

• Der Stettlerbau besteht aus den klassischen Ausstellungssälen, Restaurations- und Vermittlungsräumen, Bilderdepots, Eingangsbereich und Bistro.

• Der Atelier 5-Trakt, direkt anschliessend, enthält variable Ausstellungräume sowie, den Hang hinunter reichend, Verwaltungsbüros, Bilderdepots, Bibliothek, Seminarräume des Instituts für Kunstgeschichte (IKG) und das Kino. Das Kino ist vor zwei Jahren ausgezogen, das IKG zügelt mitsamt Bibliothek 2018 an die Mittelstrasse.

Nach dem erwähnten Architekturwettbewerb von 2006 konzentrierte sich die Erweiterung des KMB auf den Atelier 5-Trakt bis hin zu dessen Gesamtsanierung. Die Intervention von Herrn Wyss verlegt den Fokus zurück auf den Stettlerbau.

Knifflige Fragen

Es fragt sich:

• Soll jetzt neue Ausstellungsfläche im Stettlerbau (Projekt «an_gebaut») oder im Atelier 5-Trakt (Projekt «Inhouse») realisiert werden?

• Lässt sich das Projekt «an_gebaut» so anpassen, dass es bewilligungsfähig wird und «an_gepasst» bleibt?

• Ist der Atelier 5-Trakt in den nächsten Jahren gesamthaft sanierungsbedürftig, auch wenn darin kein zusätzlicher Ausstellungsraum entsteht?

• Falls keine zusätzliche Ausstellungsfläche: Wozu wird der A 5-Trakt genutzt, nachdem sowohl das Kino, als auch das IKG und die Bibliothek ausgezogen sind?

• In welchem Verhältnis steht die zwingende baldige Sanierung der Klimaanlage im A 5-Trakt zu den weiteren Baufragen, besonders dem Projekt «an_gebaut»?

Viele knifflige Fragen. Und die wichtigste kommt hinzu: Braucht es im KMB überhaupt zusätzlichen Ausstellungsraum, nachdem 2015 KMB und Zentrum Paul Klee (ZPK)  unter der neuen Dachstiftung vereint worden sind?

Die Fragen führen zurück zum nie wirklich geklärten Ausgangspunkt: Was benötigt das KMB im Rahmen der Dachstiftung? Wenn das klar ist: Was davon kann im ZPK, allenfalls durch Umnutzung, realisiert werden? Welche baulichen Bedürfnisse sind in den beiden Teil-Bauten des KMB anzupacken?

Nötig ist eine klare Analyse

Eine gründliche Ausgangsbasis in diesem Sinn gibt es nicht. Trotz jahrelanger Pröbelei fehlt eine belastbare Analyse. Man kann unken: Ohne Spesen nichts gewesen. Man kann vermuten, ganz ergebnislos könnten die bisherigen Aufwendungen nicht gewesen sein.

Unken und vermuten – beides hilft nicht. Zurückschauen und Verantwortlichkeiten eruieren müssen die Kontrollstellen des Kantons. Heute und morgen müssen die Hausaufgaben gemacht werden. Dem KMB und der Dachstiftung fehlen dafür die erfahrenen Fachleute. Zum Glück bieten die Sektion Bern des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) sowie die Ortsgruppe Bern des Bunds Schweizer Architekten (BSA) ihre neutrale, uneigennützige und einzig der Sache verpflichtete Erfahrung und Hilfe an. Alle Beteiligten – die Dachstiftung, der Kanton, die Stadt und Herr Wyss – sollten sie nutzen. Dafür müssen sie jetzt reden: miteinander sowie mit SIA und BSA.