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Christoph Reichenau

Die Last der Vergangenheit

Wer die am Freitag per Mail versandte Medienmitteilung der Dachstiftung Kunstmuseum-Zentrum Paul Klee überfliegt, denkt: Wow, das sind neue Töne. Ein von Anfang an unklares und unrealistisches Projekt wird auseinander geschraubt,  das Nötige kommt vor dem Wünschbaren, der Stiftungsrat bekennt sich zu Wettbewerbsverfahren und wagt einen Neubeginn.

Je mehr man aus der Medienmitteilung und im Gespräch mit Verantwortlichen zu verstehen versucht, was wirklich beschlossen wurde und vorgesehen ist, desto mehr verfliesst die Gewissheit. Worin genau bestehen die „dringenden Sanierungsmassnahmen“? Was umfasst der angekündigte Wettbewerb? Wie tief greifen die Arbeiten in die Struktur des Atelier 5-Trakts ein? Welche Präjudizien schaffen sie für dessen spätere Gesamtsanierung? Sind die geschätzten 7 Millionen für die genannten Arbeiten – Ersatz Klimaanlage und Sanierung Kunstdepots – nicht ein bisschen viel Geld? Wie gut überlegt ist der verkündete Zeitplan, der den Baubeginn im Sommer 2018 vorsieht?

Und wie gut überlegt ist der Plan, schon in der ersten Hälfte 2018 einen zweiten Wettbewerb zu lancieren? Dabei soll es um die Gesamtsanierung der Atelier 5-Trakts (einer Ikone des Museumsbaus) gehen und um die Errichtung zusätzlicher Ausstellungsräume für Gegenwartskunst in diesem Trakt. Vorgesehen ist also – wenn ich richtig verstehe – im Rahmen eines Wettbewerbs die Umsetzung des bestehenden Plans. Dabei sind die beiden Elemente nicht zwingend miteinander verbunden. Was sie verbindet ist das über 9 Jahre entwickelte Modell „Inhouse“. Doch darf dieses ohne grundsätzliche Prüfung gesetzt bleiben, obwohl sich die Museumswelt Berns in dieser Zeit deutlich geändert hat?

Die wichtigste Änderung betrifft just die Gründung der Dachstiftung. Sie überdacht Kunstmuseum und Zentrum Paul Klee und ist dafür verantwortlich, die Häuser in die Zukunft zu führen. In eine gemeinsame Zukunft in einer Zeit, da in der Schweiz die Kunstplätze Basel (mit Sorgen) und Zürich wachsen und das Kunsthaus Aarau als einziges Kunstmuseum neu durch den Bund unterstützt wird. Von Europa nicht zu reden.

Ab 2019 beginnt die neue kantonale, regionale und städtische Subventionsperiode. Was plant der Stiftungsrat für die kommenden vier Jahre?  Welche Rolle will die Dachstiftung mit ihrem Potential in der Kunstlandschaft Bern spielen? Wie weit schaut sie um sich und voraus? Redet sie mit den Verantwortlichen der andern Kunstorte in der Stadt und im Kanton? (In Klammern: In Zürich hat letzte Woche ein öffentliches Gespräch der Leitungen der Kunsthäuser stattgefunden.) Falls ja, hören die an Kunst Interessierten, die ja auch an die Kunst zahlen, davon? Wann und wie?

Das ist das Problem: Die Dachstiftung kommuniziert so wenig mit der Bevölkerung wie die Stiftung Kunstmuseum zuvor. Das zeigt sich auch im vorliegenden Fall.  Am 21. Juni wurde das Projekt „Modernisierung KMB“ immerhin an einer Medienkonferenz vorgestellt. Am 29. September erfuhren wir von der Kehrtwende per Medienmitteilung. Natürlich bestand die Möglichkeit, mit Stiftungsratspräsident Jürg Bucher zu telefonieren. Das ist aber nicht das Gleiche wie eine Medienkonferenz, an der die Journalist/innen fragen, nachfragen und allenfalls durch Fragen anderer zu neuen Ansichten kommen können.

Die Medien sind hier stellvertretend für die Öffentlichkeit gemeint. Informationen der Dachstiftung erreichen die Bevölkerung fast ausschliesslich via Medien. Was die Medien wissen und in Erfahrung bringen, erreicht „die Leute“. Es ist deshalb für eine öffentliche Institution – unabhängig von ihrer Rechtsform – Pflicht, rechtzeitig, vollständig und selbstkritisch zu informieren. Die Mitteilung von letzter Woche erfüllte diese Anforderungen nicht. Sie war Ausdruck einer Haltung, welche die Öffentlichkeit als lästiges Übel für Ihre unantastbaren Ideen empfindet. Sie zeigte Uneinsichtigkeit. Man muss befürchten, dass nur der Druck der Beschwerde ein teilweises Umschwenken – nicht Umdenken – bewirkt hat.

Für mich bedeutet das: Die Dachstiftung ist noch nicht bei sich angelangt. Sie ist noch zu sehr Stiftung für das Kunstmuseum einerseits und für das Zentrum Paul Klee anderseits. Als Stiftung für das Kunstmuseum hat sie dessen Fesseln aus der Vergangenheit nicht abgestreift, den Blick nicht geweitet. Das kann mit Mitgliedern zu tun haben, die sich noch nicht neu orientieren. Der Präsident indes ist neu, er hat die Gnade der späten Berufung. An ihm ist es, die Zügel spürbar in die Hand zu nehmen.

Das gelingt nur mit dem Abschied von gestern. Ich meine damit: Loslösung vom allein selig machenden „Inhouse“-Modell. Die Frage zusätzlichen Ausstellungsraums ist unter sorgfältiger Analyse des musealen Bedarfs von Grund auf neu behandeln. Falls es ihn braucht, sind alle möglichen Optionen überall zu prüfen. Bei der Festlegung des Vorgehens und bei dessen Begleitung kann eine Zusammenarbeit mit Berner Architekten viel bringen. Das mag ein Jahr oder zwei Jahre dauern – es ist die Zeit wert. Dem Image der Dachstiftung und ihrer Häuser täte es gut. Es würde Offenheit signalisieren, Mut zum Fragenstellen. Das wäre nicht Schwäche. Es zeigte Stärke und Selbstbewusstsein.