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Zwei Wettbewerbe, doch kein Neubeginn

Der Stiftungsrat Kunstmuseum Bern-Zentrum Paul Klee verfolgt das Projekt «Modernisierung Kunstmuseum Bern» nicht weiter. Ab Sommer 2018 sollen im Atelier 5-Bau für 7 Millionen dringliche Sanierungen durchgeführt werden. Aufgrund eines Wettbewerbs.

Also doch. Das integrierte Projekt «Modernisierung KMB», am 21. Juni 2017 den Medien mit Kosten von 40 Millionen Franken vorgestellt, wird zerlegt. In einer ersten Etappe kommt das für den Museumsbetrieb Wichtigste: Ersatz der Klima- und Kälteanlage sowie Sanierung des Kunstdepots im Atelier 5-Trakt. Geschätzter Aufwand: 7 Millionen Franken. Dafür wird ein Wettbewerb durchgeführt. Mit dem Bauen wird begonnen, sobald die Finanzen bewilligt sind. Dafür ist der Grosse Rat zuständig.


Was bedeutet das?


Zurückgestellt werden weitere Sanierungsarbeiten am Atelier 5-Bau. Aufgeschoben wird auch der Ausbau dieses Trakts zu einer Ausstellungsfläche für Gegenwartskunst (ca. 600 m2). Dies wird möglich durch die Auszüge des Kinos (schon 2015) und des Instituts für Kunstgeschichte der Universität Bern mitsamt Bibliothek (2018). Nach Adam Riese belaufen sich die Kosten dieser späteren Arbeiten auf rund 33 Millionen. Davon sollen 8 Millionen privat zugeschossen werden. Der Stiftungsrat bekennt sich dazu, auch dafür ein Wettbewerb auszuschreiben.
Damit endet die Zusammenarbeit der Dachstiftung mit dem Architekturbüro Jordi + Partner AG. Die Trennung erfolge einvernehmlich, erklärt Jürg Bucher, Präsident des Stiftungsrats. Ebenfalls beendet wird der Auftrag der Fachplaner. Bisher sind für die Planung hohe Kosten aufgelaufen (unbestätigten Angaben zu Folge 5 Millionen). Je nach Ergebnis des Wettbewerbs können die Erkenntnisse und Grundlagen, so Bucher, weiter verwendet werden.


Erster Erfolg der Architekturbüros


Die Kehrtwende ist 32 Berner Architekturbüros zu verdanken. Sie haben am 7. Juli gegen die freihändige Vergabe des Architekturauftrags an P. Jordi Beschwerde eingereicht. Am 24. August verlieh die kantonale Erziehungsdirektion (ERZ) der Beschwerde aufschiebende Wirkung. Nach Auffassung der ERZ hat sich das KMB nicht an die Vorschriften des öffentlichen Beschaffungswesens gehalten, indem es für den Ersatz der Kälte- und Klimaanlage ohne Grund Dringlichkeit geltend machte und deshalb den Architekturauftrag ohne Ausschreibung erteilen wollte.
Der Entscheid der ERZ ist nicht endgültig. Er öffnet nur die Tür zur inhaltlichen Auseinandersetzung über die Frage, ob die freihändige Vergabe gerechtfertigt sei. Die Auseinandersetzung wäre vor dem kantonalen Verwaltungsgericht zu führen. Darauf verzichtet nun der Stiftungsrat mit guten Gründen: Er hätte schlechte Karten und würde in der öffentlichen Verhandlung wohl schlechte Figur machen.
Jürg Bucher legt Wert darauf zu erwähnen, die freihändige Vergabe sei beschlossen worden, weil die Stiftung für den Innenausbau des Atelier 5-Trakts über eine Baubewilligung verfügt habe und auf das bewilligte Projekt lediglich noch Sanierungsmassnahmen aufpfropfte. Zu dem 2013 durchgeführten Baubewilligungsverfahren habe es keine Einsprachen gegeben.


Freude und Fragen


Christopher Berger, Präsident der Sektion Bern des SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein), freut sich über das Bekenntnis des Stiftungsrats zu Wettbewerbsverfahren. Damit werde der rechtlichen Pflicht Genüge getan. Ob man auch der baukulturellen Verpflichtung – die ein Kunstmuseum ja hat – nachkomme, lasse sich auf Grund der dünnen Information nicht beurteilen.
Berger ist skeptisch. Einerseits verhindere der Verzicht des Stiftungsrats auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Architekten einen Gesichtsverlust. Andererseits zeige – so Berger – das geplante Vorgehen, dass sich der Stiftungsrat des baukulturellen Aspekts nicht genügend bewusst sei. Als Museum stelle das KMB höchste Ansprüche an die Kunst und deren Präsentation und Vermittlung. Gleiches müsse für die eigenen Räumlichkeiten gelten. Ein Wettbewerb der Ideen sei – so Berger – auch ein Wettbewerb für architektonische Qualität. Gerade für ein Kunsthaus biete jede bauliche Aufgabe die Gelegenheit, einen Beitrag an die Baukultur zu leisten. Dies sei an sich wertvoll.


Erste Etappe: Vieles ist offen


Die dringenden Sanierungsmassnahmen 2018 sollen 7 Millionen kosten. Das ist eine stolze Summe. Was genau umfasst sie und welchen Einfluss haben die geplanten Arbeiten auf die bestehenden Räumlichkeiten im Atelier 5-Trakt? Christopher Berger fragt: «Handelt es sich bei der Sanierung ‚nur' um einen technischen Ersatz der Klimaanlage und um untergeordnete Arbeiten im Depot? Wenn dem so wäre, dann könnte die ‚Zweiteilung' der Verfahren ein möglicher Lösungsweg sein um den Betrieb zu sichern. Wenn nicht, besteht die Gefahr, dass ein präzises und durchgängig gestaltetes Projekt verhindert wird.»
Auch die Summe lässt aufhorchen. Ist der bisherige Planungsaufwand (man hört, er belaufe sich auf 5 Millionen) darin eingerechnet? Wird auch dieser dem Kanton zur nachträglichen Mitfinanzierung vorgelegt?
Für die erste Etappe sollen das Wettbewerbsergebnis und der Kreditbeschluss des Grossen Ratsrechtzeitig vorliegen, so dass «ab Sommer 2018» (so die Medienmitteilung) gebaut werden kann. Jürg Bucher erklärt auf Anfrage, es könne natürlich auch Herbst werden oder noch später. Indes: Der Zeitplan bewegt sich an der Grenze von äusserst ambitioniert und unseriös. Man muss sich fragen, ob der Stiftungsrat die Lage richtig einschätzt. Für Christopher Berger «bleibt der Eindruck, dass sich der Stiftungsrat zu wenig der Planungsprozesse und der Informationspflicht bei öffentlich-rechtlicher Vergabe und Kreditgenehmigung bewusst ist.»


Zweite Etappe: Zu viel ist schon fix


Für die zweite Etappe soll laut Bucher der Wettbewerb in der ersten Hälfte 2018 lanciert werden. Also noch vor dem frühesten Beginn der dringenden Sanierungsmassnahmen. Worin besteht die zweite Etappe? Nach Buchers Auskunft in der restlichen Sanierung des Atelier 5-Trakts einschliesslich der «Inhouse»-Lösung für zusätzliche Ausstellungsfläche. Dies sei zur «Attraktivitätssteigerung im KMB notwendig».
Nun ja. Seit 9 Jahren wird diese Lösung entwickelt. Sie ist bewilligt. Allein, es fehlt trotz dieser Dauer das Geld. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass weder der frühere Stiftungsrat KMB noch der heutige Stiftungsrat der Dachstiftung KMB-ZPK jemals klar und deutlich öffentlich erklärt haben, wozu es den zusätzlichen Ausstellungsraum braucht: Wofür hat es zu wenig Raum? Welche Anforderungen sind zu erfüllen? Wo bieten sich Lösungen in den Häusern, die zur Dachstiftung gehören (besonders im ZPK)? Liegt die beste Möglichkeit tatsächlich im Atelier 5-Trakt – und weshalb? Es fehlen klare Begründungen der Aufgabenstellung, die letztlich den Grossen Rat überzeugen können, viel Geld in die Hand zu nehmen.


Noch keine Legitimation


Damit fehlt das, was die Architekten die «Legitimation» für den Wettbewerb nennen. Sie mahnen sie an, mit gutem Grund. In einem Wettbewerb investieren Architekturbüros Ideen, Zeit und Geld in der Hoffnung, der Bau werde schliesslich erstellt. Sie setzen auf eine möglichst grosse Gewähr für ein gutes Ende. Genau diese Gewähr gibt es derzeit nicht.
Man könnte sie schaffen, indem die Grundfrage neu gestellt wird. Das hiesse: Abschied vom gesetzten «Inhouse»-Modell. Beginn bei Null: Beim Darlegen des musealen Bedarfs. Einbezug aller möglichen Partner/innen bei der Lösungssuche. Dann erst Formulieren der eigentlichen Aufgabe für den Wettbewerb.
Das ist ein anforderungsreiches, aber keineswegs ungewöhnliches oder unmögliches Vorhaben. Für Christopher Berger ist es ein völlig normaler Prozess. Jede Gemeinde und jede Körperschaft, die öffentliche Gelder beanspruchen, hätten so vorzugehen. Berger: «Die grösste kulturelle Institution im Kanton Bern müsste eigentlich genügend Gespür haben, hier auch eine Chance zu sehen.»