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Ein falsches Spiel

Das Bundesamt für Kultur kürzt seine Subvention an das Alpine Museum (alps) um 750'000 Franken pro Jahr ab 2019. Es nimmt seine Rolle als Gründer und Träger des alps nicht wahr und setzt die Existenz eines einzigartigen Hauses aufs Spiel.

Das Alpine Museum braucht Unterstützung: «Im Moment ist uns am besten damit gedient, wenn Sie auf unsere Situation aufmerksam machen.» (Direktor Beat Hächler)

2011 begann eine neue Ära im Alpinen Museum der Schweiz (alps). Eine neue Strategie, ein kleiner Umbau, solidere Subventionierung durch Kanton und Bund, ein neuer Direktor. Das traditionelle landeskundliche Museum der Schweizer Alpen hat sich seither zum zeitgemässen Museum gewandelt, das den Alpenraum in seiner historischen, aktuellen und künftigen Bedeutung als Lebens-, Erlebnis- und Ressourcenraum einem breiten Publikum vermittelt, einerseits als zeitgenössisches «Themenhaus» (mit vielfältigen Ausstellungen und Anlässen auf vier hausinternen Bühnen und in Kooperation mit externen Partnern), andererseits als Speicher des alpinen Kulturerbes der Schweiz (Sammlung). So schärft das alps sein Profil als kreatives, innovatives Museum.

Das Bundesamt für Kultur (BAK) honorierte die neue Zwecksetzung mit einer Erhöhung der jährlichen Subvention auf 1‘020‘000 Franken bis und mit 2017, nachdem der Kanton seine Unterstützung auf 750‘000 Franken angehoben hatte. Mit Zuwendungen der Stadt Bern, des SAC, von Stiftungen und Einnahmen aus eigenen Leistungen wurde ein Jahresbudget von rund 3 Millionen Franken möglich.

Neues Förderkonzept

Für die Periode von 2018 bis 2022 änderte das Eidgenössische Departement des Innern seine Unterstützungspolitik für Museen, Sammlungen und Netzwerke Dritter zur Bewahrung des kulturellen Erbes. Angestrebt werden drei Ziele: die Bewahrung der Sammlungen, die Stärkung der Institutionen, die Öffnung der Häuser. Im Zentrum stehen Subventionen an die Betriebskosten in Form von Leistungsvereinbarungen (LV) für 2018 bis 2022.

Kriterien für den Abschluss eines LV sind Ausstrahlung und Qualität der Institution, Bedeutung der Sammlung und Stellenwert der Vermittlungstätigkeit.

35 Museen und Sammlungen bewarben sind im Frühling um eine LV, das alps mit einem sorgfältig dokumentierten Subventionsbedarf von 950‘000 Franken pro Jahr. Beigezogene Expertinnen und Experten – darunter Roger Faillet und Sibylle Lichtensteiger – beurteilten in einer ersten Etappe die Gesuche. 13 Institutionen kamen in die Kränze.

Rechenaufgabe

In der zweiten Etappe galt es, den verfügbaren Kredit von 5,9 Millionen auf die 13 Institutionen zu verteilen. Das BAK löste das, indem es zunächst jeder davon 100‘000 Franken als Sockelbeitrag zusprach. Mit den verbleibenden 4,6 Millionen wurden entweder 5 oder 7 Prozent des Gesamtaufwands der Institutionen gedeckt. Und zwar 5 Prozent, wenn sie im Urteil der Experten gut arbeiten, 7 Prozent im Falle sehr guter Leistungen.

So kam am Schluss das ohne nähere Begründung als «gut» bewertete alps auf 150‘000 Franken Prozentanteil und mitsamt dem Sockelbeitrag auf insgesamt 250‘000 Franken. Oder 700‘000 Franken weniger als die eingegebenen 950‘000 Franken.

Zwei Nachrichten

Was bedeutet dies? Die gute Nachricht: Das alps wird als eines von 13 Museen des Landes unterstützt; eine positive Würdigung. Die schlechte Nachricht: Das Geld reicht bei weitem nicht, um auf heutigem Niveau weiterzuarbeiten und die als «gut» eingeschätzte Strategie fortzuführen. Ein falsches Spiel. Von 1‘020‘000 Franken 2017 auf 250‘000 Franken 2019 – da hilft es wenig, dass 2018 ein Zusatzbeitrag von 464‘000 Franken überbrücken helfen soll. Denn ennet der Brücke ist kein festes Ufer in Sicht. Dort droht die Liquidation.

Was also? Zuerst gilt es, die konkrete Begründung für diesen zweischneidigen Entscheid zu kennen. Für 500 Franken kann beim BAK eine beschwerdefähige Verfügung verlangt werden. Wer es genau wissen will, hat zu bezahlen. Eigentlich unglaublich.

Möglichkeiten abwägen

Kennt man die Gründe, muss der Stiftungsrat abwägen: Verspricht eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht Erfolg oder eher nicht? Wieviel Zeit hat man, um klare Verhältnisse zu schaffen? Und welche Möglichkeiten?

Um halbwegs weiterzuwirken wie heute, bräuchte das alps ein Jahresbudget von 2,7 Millionen, rund 600‘000 Franken mehr als nach dem Entscheid des BAKs zugesichert sind. Doch woher kann das Geld kommen, wenn nicht vom Bund? Es sei nicht Aufgabe des Kantons – so Hansueli Glarner, Leiter des kantonalen Amts für Kultur – in die Bresche zu springen, da es sich beim alps um ein nationales Museum handle. Aber man werde sich für eine gute Lösung einsetzen: «Wir müssen den Verlust unter allen Umständen verhindern.»

Die Stadt will nach der Aussage von Stadtpräsident Alec von Graffenried im «Bund» dem Museum nicht helfen können, dürfte aber dem Kanton zur Seite stehen. Vorstösse in National- und Ständerat dürften kein rasches Ergebnis herbeiführen. Und ein Sieg bei der Budgetdebatte im Dezember hätte jeweils bloss Wirkung für ein Jahr, keine taugliche Perspektive für eine auf Dauer angelegte Institution.

Drei Vorgehensarten

Jetzt sind wir im Bereich der Ideen und Fantasien des Schreibenden, der persönlichen Spekulation. Ich sehe eine Kombination aus drei Vorgehensweisen:

Erstens. Die Kultureinrichtungen der Stadt und des Kantons Bern – und darüber hinaus – solidarisieren sich mit dem alps. Sie kritisieren eine Finanzpolitik, die sich als Kulturförderung ausgibt.

Zweitens. Das BAK wird daran erinnert, dass die Eidgenossenschaft 1933 Mitbegründerin des Museums war und bis 2010 vom Bundesamt für Umwelt unterstützt worden ist. Dann übernahm das BAK die Rolle des Bundes allein. Diese geht über die eines Beitragszahlers an ein x-beliebiges Museum hinaus und umfasst eine Mitverantwortung für die Existenz des alps. Denn das alps ist das nationale Museum für ein Territorium, ein Thema und einen zentralen Identitätsfaktor des Landes. Es ist virtueller Teil des schweizerischen Landesmuseums für einen geographischen, einen kulturellen und einen identitären Bezugsraum. Der Standort Bern in der Mitte der Schweiz erleichtert durch Partnerschaften die Erfüllung der Aufgaben und steigert die Ausstrahlung.

Drittens. Der Kanton sucht mit dem BAK weitere Möglichkeiten, das alps zu unterstützen. Mit einem Extra-Newsletter und mutigen Äusserungen im «Bund» hat sich Kulturamtschef Hansueli Glarner bereits verdienstvoll exponiert.

Das BAK hat versagt

Das BAK wendet ein Förderkonzept von Bundesrat Alain Berset an. Darin steht, die Subventionen an Museen betragen «höchstens 30 Prozent des Gesamtbudgets der Institutionen und mindestens 250‘000 Franken» (Artikel  11a). Soeben hat das BAK dem alps eröffnet, es erhalte ab 2019 jährlich 250‘000 Franken oder 5 Prozent des Gesamtbudgets plus Sockelbeitrag.

Die 5 Prozent entsprechen 150‘000 Franken. Multipliziert mit 6 (30 Prozent) ergibt das 900‘000 Franken oder etwa die Höhe der Subvention, um die das alps vergeblich ersucht hat. Trotz des einschränkenden Wörtchens «höchstens» im Artikel 11a ist die Differenz so gross, dass man sich fragen muss, ob der Entscheid mit seiner Rechtsgrundlage noch übereinstimmt. Falls ja, ist der Ermessensspielraum des BAK, das allein entscheidet, riesig.

Ein grosses Ermessen bringt grosse Verantwortung. Verantwortung für den zweckmässigen Umgang mit den anvertrauten Geldern. Das heisst unter anderem, das Geld so einzusetzen, dass der Empfänger seine Aufgaben möglichst gut erfüllen kann. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Gegenüber dem alps verstösst das BAK gegen diese Regel. Es anerkennt die Arbeit des alps und spricht Geld, aber viel zu wenig, um die anerkannte Arbeit weiterhin zu ermöglichen. Das ist Geldverschwendung.

Verschwendung, weil der dem alps zugesprochene Betrag offensichtlich nichts zu bewirken vermag. Verschwenderisch auch, da mit dem Subventionssturz (von 1‘020‘000 auf 250‘000 Franken im Jahr) der zuvor mitfinanzierte Auf- und Ausbau wieder zunichtegemacht wird – eine selber entwertete Investition.

Dass das neue Förderkonzept ein Risiko beinhaltete, war dem alps bewusst. Dass das Risiko ein Fiasko wird, konnte das alps nicht ahnen. Der Entscheid des BAK traf es aus bewölktem Himmel. Es ist unverständlich, dass ein Amt nicht rechtzeitig den Dialog aufnimmt, wenn sich solches abzeichnet. Erst recht ein Amt, dessen Aufgabenbereich eine besondere Verpflichtung im Umgang mit Abhängigen beinhaltet.

Wer Mitte 2017 Subventionen für 2018 stark herabsetzt und für 2019 massiv kürzt, hat offensichtlich wenig Ahnung vom Planungshorizont für Ausstellungen. Den worst case bedenkend, müsste das alps sofort das Steuer herumreissen, um unnötige Planungskosten zu stoppen. Auf ein besseres Ende hoffend und hinarbeitend, wäre allerdings gerade dies fatal. So stösst das BAK mutwillig das alps in ein riesiges Dilemma. Ist das Förderung?

Ein Markenzeichen Alain Bersets in der geltenden Kulturbotschaft des Bundesrats ist der nationale Kulturdialog. Im vorliegenden Fall hätten ein Besuch und ein Gespräch diese Funktion erfüllt: Reden miteinander, bevor man entscheidet. Wer schweigt, versagt.

Nicht der Algorithmus allein regiert, wie Daniel di Falco im «Bund» kommentierte, sondern die Anteillosigkeit und die Kälte des Herzens. Schöne Kultur.

Christoph Reichenau